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VW Golf Variant / Bora Variant:Das doppelte Lottchen

Während der Golf Kombi als braver Lastenträger firmiert, wollen die Wolfsburger mit dem verlängerten Bora Noblesse und Eleganz versprühen

(SZ vom 08.05.1999) Manchmal ist es nicht leicht zu beurteilen, wer es bei Volkswagen schwerer hat: die Techniker oder die Marketing-Experten. Die Ingenieure stehen unter dem Druck von VW-Chef Ferdinand Piëch, auf Basis der Plattformstrategie ständig neue Modelle entwickeln zu müssen. Aus möglichst vielen gemeinsam verwendeten Teilen sollen sie möglichst unterschiedliche Autos für die diversen Konzernmarken entwickeln. Dem Marketing steht es dann zu, diese Autos als völlig neue Kreationen für diverse Zielgruppen zu verkaufen. Die Werbeleute haben im jüngsten Fall eindeutig den härteren Job erwischt: Seit heute stehen zwei neue Autos bei den deutschen VW-Händlern, die optisch beinahe wie Zwillingsbrüder aussehen, aber von völlig anderen Kundengruppen gekauft werden sollen.

Der Golf Variant der neuesten Generation (auf Basis des Golf IV natürlich) soll der brave Familien-Kombi sein, mit dem Muttern den Nachwuchs zum Kindergarten fährt, Daddy den Großeinkauf im Baumarkt erledigt und mit dem alle gemeinsam in den Urlaub starten - ein praktisches Allround-Auto mit vergößertem Kofferraum gegenüber dem normalen Golf eben, wie man ihn seit Jahren kennt und schätzt. Schnöde Transportarbeiten sollten mit dem Bora Variant nicht hauptberuflich erledigt werden, wenn es nach VW geht: Bei der Vorstellung fielen Worte wie "nobel", "edel" und "designorientiert" - und der Betrachter der beiden Kombis reibt sich verdutzt die Augen und fragt sich, ob er einer optischen Täuschung aufsitzt. Warum soll nicht auch ein Golf Variant nobel und edel wirken, wenn er sich doch bis auf die Frontpartie in nichts vom Bora Variant unterscheidet?

Lüftungsschlitze als Unterschied

Golf und Bora differenzieren sich durch die Frontscheinwerfer, die beim Golf oval angeschnitten sind während sie beim Bora eckig wirken - und durch die Zahl der Lüftungsschlitze im Kühlergrill, deren der Golf drei und sein Bruder fünf hat. Generell wird der Bora mit stärkeren Motoren und einer höherwertigen Ausstattung angeboten als der Golf. "Der Bora Variant schließt paßgenau die Lücke zwischen Golf und Passat Variant", ist sich Piëch sicher, während Vorstandsmitglied Robert Büchelhofer artikulierte, was so mancher am Auto interessierte Deutsche denkt: "Übertreiben die in Wolfsburg jetzt möglicherweise?" Doch er gab auch gleich die Antwort: "Nein, wir sind dank der Plattformstrategie in der einzigartigen Lage, zwei Autos mit völlig verschiedenen Charakteren zu bauen. "

Nun ja, glauben wir einfach mal den Marketing-Experten: 150 000 Golf und Bora Variant sollen im kommenden Jahr ihre Käufer finden, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Für dieses Jahr sieht Piëch das Problem nicht in der Nachfrage, sondern in der Begrenzung durch die erst hochzufahrende Produktion. Wenn nun in den nächsten Wochen ein Bora-Variant-Fahrer sein Golf-Pendant auf einem Parkplatz treffen und mit ihm ins Gespräch kommen sollte, ist zumindest die Frage "Wie fährt sich denn Ihr neues Auto?" schnell beantwortet: "Genauso wie Ihres!"

Die gegenüber dem normalen Golf um rund 25 Zentimeter gewachsenen Kombis sind mit einem etwas straffer abgestimmten Fahrwerk ausgerüstet, um auch unter Beladung ein problemloses Fahrverhalten an den Tag legen zu können. Man merkt beiden Autos schon auf den ersten Kilometern an, daß hier keine Newcomer auf die Straße gesetzt wurden, sondern daß es sich um ausgereifte und immer wieder verbesserte Konstruktionen handelt, die sich im Alltagsverkehr millionenfach bewährt haben.

Ähnliches gilt auch für die Motorenpalette, die beim Golf Variant von 1,4 bis 2,0 Liter Hubraum und von 50 kW (68 PS) bis 85 kW (115 PS) reicht, während beim Bora Variant zwischen Hubraumwerten von 1,6 bis 2,3 Liter und einer Leistungsspanne von 74 kW (100 PS) bis 110 kW (150 PS) gewählt werden kann.

Bei ersten, kurzen Fahrten zeigte sich, daß schon das Basis-Benziner-Modell des Golf mit seinen 75 PS ausreichend motorisiert ist, um in allen Lebens- und Straßenlagen mithalten zu können. Natürlich ist dieses 1,4-Liter-Aggregat aber nicht gerade ein Ausbund an Temperament. Das läßt sich hingegen von der neuesten Kreation aus der Wolfsburger Motorenschmiede zurecht behaupten: Der Pumpe-Düse-TDI mit 1,9 Litern Hubraum und einer Leistung von 85 kW (115 PS) überzeugt durch sein maximales Drehmoment von 285 Newtonmetern bei nur 1900 Umdrehungen. In der Praxis bedeutet das eine enorme Durchzugskraft, die über das serienmäßige Sechsgang-Getriebe auf die Straße gebracht. Der durchschnittliche Dieselverbrauch beträgt trotzdem nur 5,3 Litern auf 100 Kilometer.

Für den Golf Variant stehen folgende Motorisierungen bereit: 1,4-Liter, 55 kW (75 PS), Basispreis 29 500 Mark; 1,6-Liter, 74 kW (100 PS), Basispreis 31 800 Mark; 2,0-Liter, 85 kW (115 PS), Basispreis 34 300 Mark; 1,9-Liter-SDI, 50 kW (68 PS), Basispreis 31 550 Mark; 1,9-Liter-TDI, 66 kW (90 PS), Basispreis 34 300 Mark; 1,9-Liter-TDI, 81 kW (110 PS), Basispreis 36 200 Mark; 1,9-Liter-TDI Pumpe-Düse, 85 kW (115 PS), Basispreis 37 400 Mark.

Wie üblich, kann die Ausstattung durch die drei bekannten Pakete namens Trendline, Comfortline und Highline aufgewertet werden, so daß der teuerste Golf Variant mit Schaltgetriebe 43 100 Mark kostet.

Beim Bora sehen die Basispreise wie folgt aus: 1,6-Liter, 74 kW (100 PS), 34 400 Mark; 2,0-Liter, 85 kW (115 PS), 36 900 Mark; 2,3-Liter-V5, 110 kW (150 PS), 41 680 Mark; 1,9-Liter-TDI, 81 kW (110 PS), 38 800 Mark; 1,9-Liter-TDI Pumpe-Düse, 85 kW (115 PS), 40 000 Mark.

Zu einem späteren Zeitpunkt wird auch der Sechszylindermotor mit 150 kW (204 PS) an den Bora Variant adaptiert werden. Bei der Preisgestaltung hat sich VW Zurückhaltung auferlegt - vielleicht auch angesichts der starken Konkurrenz wie dem Ford Focus Turnier oder dem Opel Astra Caravan. Die beiden Variants sind 1850 und 1900 Mark teurer als ihre normalen Brüder.

Komplette Sicherheitsausstattung

Nicht gespart hat VW bei der Sicherheitsausstattung: Vier Airbags sind ebenso vorhanden wie ABS und Servolenkung bei allen Modellen. Je nach Variante kommen eine Antischlupfregelung und ESP hinzu. Bei der gewünschten Ausstattung gibt es hingegen eine Menge Unterschiede: So ist die Zentralverriegelung beim Bora serienmäßig, was beim Golf nicht bei allen Modellen der Fall ist; der Bora bietet zusätzlich so wichtige Dinge wie eine zweite Steckdose im Kofferraum und Becherhalter hinten.

Gleich ist hingegen das Gepäckraumvolumen des ebenen und dank der weit öffnenden Heckklappe leicht zu belandenen Kofferraums: Es kann von 460 Liter durch Umklappen der Rückbank auf 1470 Liter erweitert werden. Der Bora verfügt über zusätzliche Staufächer unterhalb des eigentlichen Gepäckraumbodens, in denen allerlei Kleinkram transportiert werden kann.

Ob der zusätzliche Raum nun Farbeimer aufnehmen oder Lifestyle transportiert werden soll - das doppelte Lottchen aus Wolfsburg dürfte auf jeden Fall seinen Weg machen. Und - frei nach Erich Kästner - werden die beiden letztendlich auch nicht bei den falschen Eltern landen. Denn sie sind ja an Feinheiten zu unterscheiden: Sollte ein Bora-Variant-Fahrer versehentlich einmal in einem Golf Kombi Platz nehmen, wird er sicher sofort bemerken, daß der Beifahrerairbag im Armaturenbrett durch eine Fuge auffällt. Im Bora deutet nichts daraufhin, daß unter dem Kunststoff ein Luftsack lauert. Es lebe der feine Unterschied.

Von Otto Fritscher

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