VW Golf Ecomatic Und immer wieder springt der Motor an

Noch wissen wir nicht, ob wir für 2320 Mark Aufpreis tatsächlich Ecomatic fahren wollen

(SZ vom 26.02.1994) Die wahrhaft großen Abenteuer des Lebens spielen sich für denjenigen, der weder zur Urlaubszeit den Yeti finden, noch im September auf dem Oktoberfest eine volle Maß Bier erwerben will, doch eher im Verborgenen ab - beispielsweise zur Winterszeit, wenn ein tapfer dahintuckernder Golf Ecomatic beim Einlenken in eine vereiste Kurve beschließt, den Motor abzustellen, um auf der Strecke von Pöcking nach Niederpöcking einen neuen Verbrauchsrekord aufzustellen.

Natürlich treibt der Ecomatic diese Scherzchen nicht mit uns, um die Reflexe zu prüfen und zu trainieren - dieses Spiel ist ihm in Wolfsburg mühsam anerzogen worden, um dem Schrei nach niedrigeren Verbrauchswerten mit der Technik zu begegnen, die heute machbar und finanzierbar ist. Zu oft hat man sich dort anhören müssen, daß man zukunftsträchtigen Technologien keine reelle Chance geben würde - und so wurde eben der Ecomatic serienreif gemacht und zu den Händlern gestellt.

Nun liegt es also an uns, ob wir für die Ecomatic-Technik reif sind - denn eines ist klar: Große Sprünge bei dem Kampf um große Verbrauchsreduzierungen erfordern auch große Maßnahmen. Und da sich die Ansprüche an Komfort und Sicherheit an die morgigen Fahrzeuggenerationen eher noch erhöhen werden, kann der Weg zu neuen Verbrauchsweltmeistern nicht nur über die Parameter Größe und Gewicht angepeilt werden.

Themenwechsel: Erinnern Sie sich an Ihre letzte Fahrt auf einem Fahrrad - womöglich bergab? Jeder Fahrradfahrer nimmt 'Gas weg', wenn es bergab geht oder wenn er anhalten will - er hört einfach auf zu treten und greift zusätzlich zur Bremse, wenn er seine Geschwindigkeit reduzieren will.

Was beim Drahtesel selbstverständlich ist, klappt natürlich auch beim Automobil - und der Ecomatic ist das erste Fahrzeug, dessen Motor sich ebenfalls automatisch abstellt, wenn seine Leistung nicht benötigt wird. Allerdings bedarf die Technik hier eines großen Aufwands, denn ein modernes Automobil ist von einem Fahrrad doch ziemlich weit entfernt - so gilt es beispielsweise, Heizung, Gebläse, Bremslichter, Blinker und Scheinwerfer bei abgestelltem Triebwerk weiter am laufen zu halten, und auch die Servounterstützung für Lenkung und Bremse sollte weiter garantiert sein. Dazu hat man in Wolfsburg noch ein halbautomatisches Getriebe montiert, bei dem das reguläre Fünfgang-Getriebe ohne den Tritt auf ein Kupplungspedal durch das einfache Einlegen der Gänge geschaltet werden kann. Und für all den technischen Aufwand verlangen die Wolfsburger dann auch 2320 Mark Aufpreis gegenüber dem 'normalen' Golf Diesel.

Das Ergebnis ist verblüffend und gewöhnungsbedürftig zugleich - denn zuerst gilt es, den Leerlauf einzulegen (und am Berg nicht zu vergessen, die Handbremse zu ziehen oder den linken Fuß fest auf dem Bremspedal zu plazieren) und nach einigen wenigen Sekunden des Vorglühens den Vierzylinder anzulassen.

Und der Kupplungsfuß ruht

Dann schiebt man einfach den Schalthebel auf die Position des ersten Gangs und gibt Gas - und schon setzt sich der Ecomatic in Bewegung, wobei dasselbe Spielchen natürlich auch für den Rückwärtsgang gilt. Nun fahren wir schon schneller, der Griff zum Schalthebel folgt, und ohne irgendein Pedal zu bewegen, ziehen wir den Hebel in die Position des zweiten Gangs - der von der Automatik auch ohne Zeitverlust eingelegt wird. Diese Methode funktioniert immer, man kann vom ersten in den vierten Gang schalten - zurückschalten, vorwärtsschalten, der linke Fuß wird deshalb nicht mehr benötigt.

Während man diese Automatik rasch kennen und schätzen lernt, benötigt die Abschaltautomatik schon eine längere Eingewöhnungszeit - denn immer dann, wenn keine Leistung gefordert wird, schaltet sich das Triebwerk einige Sekunden später automatisch ab. Und da segelt man dann plötzlich ohne Motor dahinund fragt sich unwillkürlich, ob das Triebwerk auch garantiert wieder anspringen wird. Natürlich sprang es immer wieder an - dafür sorgen schon die Elektronik und eine extra starke Batterie.

VW sagt, daß sich diese Technik erheblich auf Emissionen und Verbrauch auswirkt, da der Motor im Stadtverkehr bis zu 60 Prozent der Fahrzeit stillstehen kann. Und da man dem Ecomatic einen 47 kW (64 PS) starken 1,9 Liter-Dieselmotor mit auf den Weg gegeben hat, lassen sich in der Realität Verbrauchswerte zwischen vier und sechs Litern auf 100 Kilometer erzielen - womit der Ecomatic gerade im verbrauchsintensiven Stadtverkehr rund zwei Liter unter einem 'normalen' Golf Diesel liegen dürfte.

Damit wäre auch bereits gesagt, wofür sich dieses Modell am besten eignet: als Zweitwagen oder auch als Behörden- oder Firmenfahrzeug, das vorwiegend im dicht besiedelten Raum eingesetzt wird. Natürlich ist der Wagen auch bei Langstreckenfahrten einsetzbar, allerdings kommt der große Vorteil der Motorabschaltung hier zwangsläufig nur auf mehr oder weniger abfallenden Strecken zur Geltung - ansonsten kann es schon nervend sein, wenn der Motor während der Fahrt permanent ausgeht und wieder anspringt, nur weil man wieder einmal beim Ausrollen kurz vom Gaspedal gegangen ist.

Wer also die Stadt meidet und viel lange Strecken zurückzulegen hat, kann die Stärken des Ecomatic weniger ausnutzen - hier sollte man zu dem 55 kW oder 75 PS starken Golf TDI greifen, der neben seinen extrem niedrigen Vebrauchswerten noch über deutlich mehr Langstreckentemperament als der Ecomatic verfügt. Kein Wunder, daß es die Ecomatic-Technik bei der TDI-Konkurrenz im eigenen Haus noch schwer hat, sich durchzusetzen.

Von Jürgen Lewandowski