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Vernetztes Fahren auf der CES Las Vegas:Vorsprung durch Google

CES 2014

Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, spricht auf der CES 2014 über die Geschichte und die Zukunft des Automobils.

(Foto: dpa)

Audi sucht die Nähe von Technologiekonzernen, um aus seinen Fahrzeugen rollende Smartphones zu machen. Diese wiederum wittern auf dem Milliardenmarkt mit Autos das große Geld. Doch die neue Beziehungsgeschichte birgt Risiken - und zwar für beide Seiten.

Von Thomas Fromm

Im Deutschen Museum in München ist zurzeit ein seltsames Vehikel aus Holz zu sehen. Es hat drei Räder und besteht aus einem komplizierten Mechanismus aus Zahnrädern und Federn, die ineinander greifen, wenn das Gefährt in Bewegung ist. Leonardo da Vinci, Künstler, Wissenschaftler und Universalgelehrter lieferte die Pläne für dieses selbstangetriebene Fahrzeug schon um 1480 herum. Was ihn damals umtrieb, war die Frage aller Fragen: Wie kommen die Dinge in Bewegung? Und wie bleiben sie da - zumindest für ein paar Meter?

Was der Renaissance-Ingenieur damals, lange vor der Erfindung von Dampfmaschine, Benzinmotor und Elektroantrieb, nicht ahnen konnte: Dass die Menschen Jahrhunderte nach seinem Früh-Fiat einmal glauben würden, dass sie die letzten Rätsel der Mobilität gelöst haben.

Rupert Stadler und die Geschichte des Autos

Rupert Stadler zum Beispiel. Mehr als 500 Jahre nach Leonardo steht der Audi-Chef auf der Bühne des Cosmopolitan-Hotels in Las Vegas und spricht über die Geschichte des Autos. Phase Nr. 1, so Stadler, "Man created a machine." Der Mensch schuf also das Auto. Oder - wie Leonardo - einen seiner hölzernen Vorgänger. Inzwischen ist die Menschheit, glaubt Stadler, in der vorläufig letzten Phase angekommen. "Wenn es bei der Mobilität darum ging, Ort und Menschen zu verbinden, geht es nun darum, den Fahrer zu verbinden", sagt der Manager.

Deswegen ist er heute hier, der Automanager, und eröffnet mit seiner Rede die Elektronik-Messe CES in Las Vegas, weil gerade alles irgendwie zusammenwächst. Auto, Smartphone und Tablet, Motoren und Apps, IT-Industrie, Reifen- und Chipwelt. "Das Auto ist der ultimative mobile Computer", sagt Jen-Hsun Huang, Chef des Chip-Herstellers Nvidia. Und Stadler, der sonst selten ohne Krawatte auftritt, präsentiert sich hier, in der Welthauptstadt der Spieler und Unterhalter, leger mit offenem weißen Hemd. Zumindest optisch ist der Bayer also schon heute vernetzt.

Alles mit allem, jeder mit jedem

Früher ging es bei solchen Vernetzungen meistens um Unterhaltungselektronik. Um Musik und Videos. Heute geht es um alles. Ein Audi S7, der fahrerlos auf die Bühne des Cosmopolitan rollt; Autos, die alleine einparken, während der Fahrer schon mal auf dem Weg in den Supermarkt ist; Autos, deren Bordelektronik per Smartphone gesteuert werden kann; ein kleines Gerät mit dem seltsamen Namen Z-Fas, das sämtliche elektronischen Impulse aufnehmen und dann Gaspedal und Bremse steuert. Dazu liefert Nvidia Chips, die Bildschirme regeln, da wo früher normale Zeiger die Geschwindigkeit angaben und die mit Kameras gespickte Assistenz-Systeme steuern. Kameras, die Fußgänger rechtzeitig im Blick haben oder tote Winkel ausleuchten. In der neuen Autowelt ist alles sichtbar, alles kommuniziert mit allem. Und jeder mit jedem.

Auch die Konzerne. Wenn Autos und Technologien vernetzt werden, müssen sich auch die Unternehmen dahinter vernetzen. Die neue Allianz, die bei der CES vorgestellt wird, heißt Open Automotive Alliance, also "offene Auto-Allianz". Dazu gehören Google und Nvidia auf der einen, Audi, General Motors, Honda und Hyundai auf der anderen Seite. Jeder hofft, von der neuen Vernetzung zu profitieren. Die Autohersteller bekommen mit der Hilfe von Google Zugriff auf das führende Smartphone-Betriebssystem Android - Marktanteil zuletzt: 80 Prozent. Man kann es auch so sagen: Aus Audis, Hyundais und Hondas werden Android-Geräte auf vier Rädern. Die Technologiekonzerne Google und Nvidia sichern sich ihrerseits einen Milliardenmarkt: die Automobilbranche.

Google vs. Apple: Jetzt auch im Auto

Google testet schon seit einigen Jahren eigene Autos, die autonom fahren. Autos, die mit Videokameras, Radargeräten, Sensoren und Laser hochgerüstet sind, die nicht nur unterwegs sind, um unterwegs zu sein, sondern um alles zu erfassen, was es um sie herum zu erfassen gibt. Fahrzeuge, von denen Daimler-Chef Dieter Zetsche einmal sagte, sie sähen aus wie "eine Mondlandefähre". Nun also kooperiert Google mit Unternehmen, die seit Generationen richtige Autos bauen. Für den amerikanischen Konzern ist das Bündnis mit Audi, General Motors und Co. auch ein strategischer Coup gegen den Konkurrenten Apple. Der iPhone-Hersteller hat sein eigenes Auto-System, das er "iOS in the Car" nennt und erstmals im vergangenen Sommer präsentierte. Die Ansprechpartner hier: BMW, Daimler, Ferrari.

BMW und Mercedes versuchen in diesen Tagen, nicht alles dem Ingolstädter Rivalen überlassen. Man werde autonom fahrende Autos in knapp zehn Jahren auf den Markt bringen, teilte BMW in Las Vegas mit. Man werde Autos bauen, "die auch in komplexen Verkehrssituationen über weite Strecken ohne Zutun des Fahrers ihren Weg finden". Mercedes ließ wissen, dass man in den nächsten Jahren eine Art Autobahnpiloten im Programm haben werde, der auch bei höheren Geschwindigkeiten das Kommando übernehmen könne. Man ahnt es bereits: Der Kampf der Autogiganten wird in den nächsten Jahren auch ein Kampf der Systeme.

Bei Leonardo gab es nur ein System: Ein mechanisches Uhrwerk. Zur Großproduktion kam es damals nicht - es ging dem Meister nur um die Idee.

© SZ vom 08.01.2014/harloff
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