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Vernetzte Autos:Es gibt nur eine einzige Schnittstelle zu den Daten

"In Zukunft wird alles mit allen sprechen", sagt Koslowski. "Eine Straße sagt, ob sie momentan nutzbar ist oder nicht. Der Parkplatz meldet, dass er frei ist - Autowäsche inklusive." Die Frage ist nur, in welcher Sprache und wie offenherzig die Autos miteinander kommunizieren werden. Bisher geben sie ihre Daten höchstens über die standardisierte On-Board-Diagnose-Schnittstelle (OBD II) preis. Bis 2020 sollen 90 Millionen Autos mit einem Funkstecker ausgestattet sein, der auf diese Schnittstelle aufgesetzt wird, erwartet die Unternehmensberatung Roland Berger. Anbieter wie IT- und Versicherungskonzerne, Zulieferer und Start-ups drängen in den Markt, um die Fahrzeugdaten auszulesen und über Smartphone-Apps auszuwerten. Doch es gibt nur eine einzige Schnittstelle für alle Anbieter. Und genau diesen Zugang über die Diagnosebuchse wollen die Autobauer nun einschränken.

"Die OBD war als Service-Schnittstelle gedacht und ermöglicht einen sehr tiefen Zugriff auf einzelne Steuergeräte. Schon aus Gründen der Datensicherheit kann das so nicht bleiben", erklärt Christoph Grote. "Die Hacker-Attacken gegen das Auto nehmen Jahr für Jahr in ihrer Ausgefeiltheit und Intensität zu", sagt der BMW-Bereichsleiter für Elektronik, der auch für Sicherheit zuständig ist. Deshalb soll die OBD künftig während der Fahrt nur noch für Funktionen zugänglich gemacht werden, die aufgrund der Abgasgesetze unbedingt nötig sind. Das kündigte Grote Anfang April auf dem Technischen Kongress des Verbands der Deutschen Autoindustrie (VDA) in Berlin an. Doch die geplante Abschottung der Autohersteller hat nicht nur die Zulieferer, sondern auch die Politik alarmiert.

"Die Daten gehören allen", sagt ein Zulieferer

"Als Zulieferer wollen wir am Ertragsfluss aus den Daten teilhaben. Deshalb ist unsere Meinung: Die Daten gehören allen", hält etwa Ralf Lenninger von Continental dagegen. Seit dem Jahr 2014 tobt die Kontroverse zwischen Autoherstellern und Zulieferern. Im Juni 2016 hat sich eine Arbeitsgruppe des VDA auf die Datennutzung aus dem Auto geeinigt. Das gemeinsame Positionspapier wird seither mit Autoherstellern und Verbänden auf europäischer Ebene diskutiert und soll bis Juni dieses Jahres in das Gesetzgebungsverfahren der EU integriert werden. "Damit bringen wir ein breites Angebot von Online-Funktionalitäten ins Auto und fördern den Wettbewerb", glaubt Lenninger. Er leitet den Continental-Geschäftsbereich Intelligente Transportsysteme, der von einem kontinuierlichen Datenzugang besonders stark abhängig ist.

Auch kleine Start-ups sollen künftig an die Hersteller-übergreifenden Server andocken können, um neue Dienste aus den Daten zu kreieren. Der Wettbewerb soll die Entwicklung neuer Services auf das Tempo beschleunigen, das auch bei Smartphones üblich ist. Allerdings sind die Gefahren rund ums Auto wesentlich größer als beim Mobiltelefon. Deshalb wird um die Details der neuen Datenplattform noch gerungen. Umstritten ist derzeit vor allem der schreibende Zugriff - also datenbasierte Befehle vom Server an das Auto, um Funktionen auszulösen. "Der Autohersteller muss die Kontrolle behalten, um zu verhindern, dass beispielsweise der Kofferraumdeckel bei jeder Geschwindigkeit geöffnet werden darf", erklärt Lenninger.

Mit speziellen Zertifizierungsverfahren müsse auch sichergestellt werden, dass Hacker keinerlei Schadfunktionen ins Auto spielen. Die gute Nachricht ist, dass sich die Behörden in Brüssel nun überhaupt mit Updates over the air beschäftigen. Derzeit sind entsprechende Software-Änderungen des Betriebssystems bei Tesla höchst umstritten: Genau genommen erlischt durch derart tief greifende Änderungen ohne Anmeldung die Betriebserlaubnis für das Auto.

© SZ vom 22.04.2017/harl
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