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Verkehrswahnsinn in Peking:Die Behörden meinen, die Frauen sind schuld

Luftverschmutzung in China

Smog, so weit das Auge reicht

Wenn die Behörden Schuldige suchen für das Chaos auf Pekings Straßen, dann zeigen sie mit dem Finger selten auf sich selbst. In einer sechsteiligen Serie auf dem Mikrobloggingdienst Weibo knöpfte sich die Pekinger Verkehrspolizei vorige Woche Chinas Frauen vor. Der Polizei zufolge sind das jene Wesen, die beim Fahren die Handbremse angezogen lassen, ständig Gas- und Bremspedal verwechseln, darüber das Schalten vergessen und immer wieder mal auf Lastwagen auffahren, weil der Stöckelschuh zwischen den Pedalen feststeckt. Im Übrigen haben Frauen am Steuer manchmal "totale Aussetzer und sind dann Kriminellen leichte Beute". Man darf also Mitleid mit ihnen haben. "Wenn sie alleine sind", heißt es in der Lektion "Fehlender Orientierungssinn", "dann finden sie auch Orte nicht mehr, an denen sie schon oft gewesen sind."

Doch, ich habe vieles gelernt beim Büffeln für meinen Führerschein. Natürlich die drei Goldgrundsätze fürs Fahren in Peking (die werden jetzt noch nicht verraten). Ich kann jetzt gelehrt referieren über die optimale Schwanzfolgenentfernung. Ich habe gelernt, dass der Gabelwurzelwinkel des Gabelstaplers nicht größer als 93 Grad sein darf, und dass nach dem Durchwaten eines Fahrzeugs der Bremseffekt der Bremse nicht mehr derselbe ist. Dass man im Notfall den Vorderstoßpuffer zum Stoßen gegen den Berghang benutzen kann (heute glaube ich, dass hier jenes Ding gemeint ist, das in unserer Sprache "Stoßstange" heißt). Ich habe gelernt, mich vor Fußgängern zu hüten, da sie eine große Durchgangsbeliebigkeit und Richtungswechselhaftigkeit haben. In der Tat.

Beim brennenden Fahrzeug unbedingt die Jalousie schließen

Überhaupt leuchtete vieles ein. Zum Beispiel die Tatsache, dass man das Bremspedal am besten nicht mit dem Rechtsfussgewölbe, sondern mit der Vorderfussohle des Rechtsfusses durchtritt. Dass Autos vor allem wegen der Nichtvorsichtigkeit ihrer Fahrer ins Wasser fallen. Anderes erschloss sich mir nicht beim ersten Lernen. Wieso zum Beispiel sollte ein Fahrer, bevor er aus seinem brennenden Wagen flieht, zuerst die Jalousie schließen?

Prestigeprojekt in China

Längste Hochgeschwindigkeitszugstrecke der Welt eröffnet

Zahlen bedeuten etwas in China. Die Neun wird so ausgesprochen wie "ewig", die Acht steht für "reich werden". Es gibt auch Nieten: Die Vier klingt wie "Tod". Als ich 1998 in China einen "Beijing Jeep" kaufte, bekam ich ein Nummernschild, wie man es nur Ausländern andrehte: mit gleich zwei Vieren. Der Jeep war eine tolle Kreuzung aus Traktor und Gartenbank. Als ich im vergangenen Sommer nach sieben Jahren Chinapause wieder nach Peking zurückkam, stand der Wagen noch immer da, als habe er all die Jahre auf mich gewartet. Ein kleines Wunder. Leider war er auch eine Dreckschleuder. Nach der Smogapokalypse im Januar habe ich ihn verkauft, ich fühlte mich wie ein Verräter. Als er davonfuhr, gab es mir einen kleinen Stich. Da fuhr auch mein Nummernschild: 14457. Yao si si wu qi. Abergläubische lesen das mit etwas bösem Willen als: "Du wirst sterben, kraftlos sterben." Mir hatte es immer Glück gebracht.

Ich stehe glücklich im Stau

Das größte Glück war, dass das Schild immer noch da war, als ich nach Peking zurückkehrte. Ein Jahr zuvor nämlich hatte die Stadtregierung erkannt, dass Peking drauf und dran ist zu ersticken, und eine neue Regel eingeführt: Wer ein Auto kauft, braucht zuvor die Zulassung - seit 2011 werden die Nummernschilder nur noch in beschränkter Zahl verlost. Shanghai war klüger, hatte eine solche Regel schon vor vielen Jahren eingeführt, dort werden die Schilder versteigert. Die Pekinger Lotterie verteilt im Moment 20 000 Zulassungen im Monat. Auf die bewarben sich zuletzt 1,68 Millionen Pekinger. Weshalb ich mein altes wiederbekam? Weil mein Nachfolge-Korrespondent sich all die Jahre nicht die Mühe gemacht hatte, den Jeep auf seinen Namen umzumelden. Er steht jetzt Schlange bei der Lotterie. Und ich stehe glücklich im Stau.