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Verkehrssicherheit:Intelligente Vernetzung könnte jeden dritten Unfall verhindern

Was dies konkret für Deutschland, die USA und die Großstädte Chinas bedeutet, hat die Studie "Connected Car Effect 2025" von Bosch und dem Beratungsunternehmen Prognos näher untersucht. Das Ergebnis: Sicherheitssysteme und Cloud-basierte Funktionen können rund 260 000 Unfälle mit Verletzten verhindern und 11 000 Menschenleben retten. Davon 300 in Deutschland, 4000 in den USA und 7000 in China.

Insgesamt sind die Effekte der Vernetzung für das Jahr 2025 eher konservativ berechnet. Denn die Zahl der technischen Lösungsmöglichkeiten ist beinahe grenzenlos. 2016 gab es beispielsweise rund 30 000 Motorradunfälle in Deutschland. 600 davon endeten tödlich. Würden Autos und Motorradfahrer vernetzt, könnte laut Bosch jeder dritte Unfall verhindert werden. Vorausgesetzt, dass möglichst alle Fahrzeuge per Sim-Karte kommunizieren können. Das wird ab 2018 durch den automatischen Notruf (eCall) zumindest bei Neuwagen zum Standard.

Autonomes Fahren bringt mehr Sicherheit

Selbst kurz vor dem Crash lässt sich das Schlimmste verhindern, wenn Fahrzeuge selbständig agieren können. Auf Dauer werde die Höchstwertung von fünf Sternen beim Euro-NCAP-Crashtest nur durch solche aktiven Sicherheitssysteme erreicht, meint Torsten Gollewski: "Dadurch werden diese auch in kleineren Fahrzeugen verfügbar", so der Leiter Vorentwicklung des Zulieferers ZF.

Zusätzlichen Schub bekommt die Fahrzeugsicherheit durch das autonome Fahren. Mobileye, der führende Anbieter von Kamera-basierten Assistenzsystemen, wird gerade für 15,3 Milliarden US-Dollar vom Chip-Hersteller Intel übernommen. Dadurch bekommt die Entwicklung einen weiteren Schub - nicht nur in Hinblick auf bessere Sensoren und Auswertungs-Algorithmen, sondern auch durch die Verknüpfung mehrerer Sensoren zur kompletten Umfelderkennung.

Reagieren in 300 bis 400 Millisekunden

Erst durch diese Datenfusion können die Systeme in Sekundenbruchteilen sicher entscheiden: "Bei seitlichem Verkehr haben wir in der Regel 300 Millisekunden von der Erkennung bis zum Aufprall, beim Abbiegen mit entgegenkommendem Verkehr und höheren Geschwindigkeiten sind es 400 Millisekunden. Um in dieser Zeit das Richtige zu tun, brauchen wir weiterentwickelte Sensorsysteme", so Gollewski. Zusammen mit Hochleistungsrechnern im Chip-Format können die Systeme die Situation blitzschnell erfassen und zum Beispiel im letzten Augenblick ausweichen. Was bisher teure Raketentechnologie ist, soll in der nächsten Dekade zum bezahlbaren Allgemeingut werden.

"Wenn alle Autos durch neue Pkw mit maximaler Sicherheitsausstattung ersetzt sind, wird die Anzahl der tödlich Verunglückten und Schwerverletzten um 90 Prozent reduziert", erwartet Axel Heinrich. Zuversichtlich ist der Leiter der Volkswagen-Konzernforschung gerade in Hinblick auf Landstraßen als Unfallschwerpunkte: Wo Autos mit hohem Tempo ohne Trennstreifen aufeinander zufahren, passieren die Hälfte aller tödlichen Unfälle. Sicherheitssysteme können ihre Stärken dort schon heute ausspielen. Doch die Schutzengel haben ein Verfallsdatum: 2015 kamen insgesamt 1260 Pkw-Insassen trotz Anlegen des Sicherheitsgurtes bei Unfällen ums Leben. "350 von ihnen in Autos vor dem Baujahr 1998. Von diesen Insassen hätten 180 den gleichen Unfall in einem Fahrzeuge ab Baujahr 1998 überlebt", ist sich Axel Heinrich sicher.

© SZ vom 10.06.2017/harl

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