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Verkehrssicherheit:Droht die Vision Zero im Keim zu ersticken?

Wie dieses Ziel allerdings erreicht werden soll, ist selbst innerhalb des Verbandes umstritten. So fordert der DVR auf seiner Homepage ein generelles Autobahn-Tempolimit von 130 km/h. Der ADAC, ebenfalls DVR-Mitglied, bevorzugt "freie Fahrt für freie Bürger", während der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) die Grenze bei 120 km/h ziehen möchte. Droht die Vision Zero also schon im Keim zu ersticken - bei denjenigen, die sie eigentlich propagieren wollen? Ganz so düster sieht es der Verband nicht. "Tempolimits sind in der Tat ein heißes Eisen", räumt DVR-Sprecher Sven Rademacher auf Nachfrage ein. In vielen anderen Punkten sei man sich allerdings einig: etwa bei der Forderung nach einem absoluten Alkoholverbot am Steuer. Insgesamt befinde sich Deutschland auf einem guten Weg: "Selbst auf Landstraßen sterben immer weniger Menschen. Das lässt uns hoffen."

Bei den europäischen Nachbarn ist die "Nullvision" populärer. Schweden führte sie bereits 1997 als Staatsdoktrin ein; auch Großbritannien, Österreich, die Niederlande und die Schweiz sind dabei. Offenbar mit Erfolg: Laut der jüngsten Studie des International Transport Forums der OECD sind britische Straßen derzeit am ungefährlichsten. Dort gab es 2011 lediglich 3,1 Verkehrstote je 100.000 Einwohner. Auch die Niederlande (3,28) und Schweden (3,39) rangieren vor Deutschland (4,9). Hierzulande haben sich nur einzelne Bundesländer wie Berlin, Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen der Vision Zero verschrieben. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) lehnt "Zwangsmaßnahmen" wie die 0,0-Promille-Regelung dagegen vehement ab.

Vision Zero: viel mehr als neue Regelungen

Ganz anders die Grünen: Sie gehen über die DVR-Vorschläge sogar noch hinaus, plädieren für ein innerstädtisches Tempolimit von 30 km/h. Ein typischer ideologischer Grabenkampf? DVR-Sprecher Rademacher glaubt das nicht. "Das Problem ist eher, dass sich Politiker gerne an Zahlen messen lassen. Ein Projekt wie die Vision Zero kann man aber nicht in ein paar Jahren erreichen." Zudem drohe die Tempo-Debatte das große Ganze zu übertönen: "Die Vision Zero umfasst viel mehr als neue Regelungen. Es geht darum, schwächere Verkehrsteilnehmer besser zu schützen als bisher." Auch Fuß- und Radwege sollen sicherer werden; der Autofahrer ist nicht mehr das Maß aller Dinge.

Wie das gehen kann, macht die dänische Hauptstadt Kopenhagen vor. Rund 15 Millionen Euro investiert die Metropole jährlich in den Ausbau ihres Radwege-Netzes. Und das hat es in sich: Auf bis zu fünf Meter breiten "Fahrrad-Highways" brausen die Pedalritter schon heute durch die Stadt. Die Idee dahinter: Nur wenn ausreichend Platz zur Verfügung steht, können auch die schwachen Verkehrsteilnehmer sicher überholen. Ganz soweit ist man in Deutschland noch nicht, wenngleich es auch hier vorwärtsgeht. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) kürt Münster und Freiburg regelmäßig zu den Vorreitern in Sachen Fahrradfreundlichkeit. So dürfen an vielen Münsteraner Ampeln die Fahrradfahrer bei Rot vor den Autos halten und bei Grün früher starten. Diese "Fahrradschleuse" haben Autofahrer automatisch im Blick. Beim Dreisamufer-Radweg in Freiburg ist die Trennung noch klarer: Er zieht sich einmal quer durch die Stadt - in sicherer Entfernung zum parallel verlaufenden Autobahnzubringer.

Doch nicht alle glauben, dass sich die Vision Zero allein durch bauliche Maßnahmen umsetzen lässt. "Rund ein Viertel aller tödlich verletzten Radfahrer sterben bei Alleinunfällen", betont Walter Niewöhner, Unfallforscher bei der Dekra in Stuttgart. Ginge es nach ihm, müsste man vielmehr bei der Verkehrserziehung ansetzen: "Warum tragen eigentlich nur zehn bis zwanzig Prozent aller Radfahrer einen Helm? Und warum können die Leute so ungern zurückstecken? Wenn auf dem Grabstein steht, ,Er hatte Vorfahrt', nützt das auch nichts mehr." Grund zum Optimismus gebe es trotzdem. So seien in den Jahren 1998, 2001 und 2006 keine Reisebus-Insassen in Deutschland ums Leben gekommen. Auch Linienbusse befänden sich auf einem guten Weg - trotz stehender Passagiere und fehlender Sicherheitsgurte.

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