VerkehrssicherheitWie es ist, wenn die Rettungsgasse verstopft ist

Lesezeit: 4 Min.

Unser Autor war mit Sanitätern im Rettungswagen unterwegs. Und hat miterlebt, was passiert, wenn egoistische Autofahrer den Weg versperren.

Reportage von Marco Völklein

Wäre Andreas Ashauer nicht so ein gemütsruhiger Typ, er würde jetzt wohl aus der Haut fahren. Vor nicht ganz zwei Minuten kam der Auftrag aus der Rettungsleitstelle Regensburg: Notfalleinsatz im Stadtteil Reinhausen. Ein Mann hat sich das Handgelenk gebrochen. Mit Blaulicht und Martinshorn sollen Ashauer und sein Kollege Frank Zirngibl dem Verletzten zu Hilfe eilen. Nun aber das: In der Chamer Straße verengt eine Baustelle die Durchfahrt auf eine Spur. Und obwohl Ashauer und Zirngibl mit Sirene und Blaulicht angedüst kommen, steuern drei entgegenkommende Autofahrer unbeirrt auf die Engstelle zu. Statt zu stoppen oder zur Seite zu fahren, um den Rettungswagen durchzulassen, bleiben sie stur in der Spur. Ashauer muss halten, während das Baulicht auf dem Dach blinkt. "Was anderes bleibt uns ja kaum übrig", sagt der Rettungsassistent und zuckt resigniert mit den Schultern.

Seit sieben Uhr in der Früh sind Ashauer, 22, und Zirngibl, 44 Jahre alt, schon unterwegs in Regensburg. Die beiden arbeiten bei der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH). Die Wache liegt im Norden der oberpfälzischen Bezirkshauptstadt, von hier aus decken die Retter weite Teile der Stadt sowie des Regensburger Umlands ab. Daneben betreiben das Bayerische Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst sowie ein privater Betreiber weitere Rettungswachen in der Stadt und der Region. "Die alle haben gut zu tun", sagt Notfallsanitäter Zirngibl. Pro Jahr disponiert die Rettungsleitstelle Regensburg etwas mehr als 100 000 Einsätze. Einen Teil davon arbeiten JUH-Helfer wie Ashauer und Zirngibl ab.

Erklärvideo, So bildet man eine Rettungsgasse Süddeutsche Zeitung

Wer mit den beiden einen Tag lang unterwegs ist, der merkt, mit was sich Retter so herumschlagen müssen, wenn sie sich durch den dichten Verkehr quälen. Schon am frühen Morgen müssen Ashauer und Zirngibl nach Hauzendorf eilen, einem kleinen Ort im Norden von Regensburg. Ein Mann hat starke Schmerzen im Unterbauch gemeldet; ein Notarzt ist ebenfalls angefordert.

Mit Blaulicht und Warnton lenkt Ashauer den Rettungswagen auf die B 16, eine zweispurige Bundesstraße. Die ersten Autos steuern nach rechts, einige halten auch am Fahrbahnrand an, sodass er mit Tempo 120 passieren kann. Dann aber scheint ein Brummifahrer die Retter nicht zu bemerken. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Fahrer den Laster nach rechts Richtung Leitplanke lenkt und Ashauer die enge Gasse nutzen kann, die sich auftut. Zum Glück erkennen die Autofahrer im Gegenverkehr den Blaulichtwagen und machen Platz. Nach gut acht Minuten Anfahrt sind die Retter bei dem Patienten. Der Schwiegersohn des Mannes erwartet sie bereits winkend in der Hofeinfahrt. Später wird Ashauer sagen: "Die B 16 ist immer etwas verzwickt."

Rettungsgasse? "Das scheinen viele vergessen zu haben"

Immer wieder beklagen Hilfsorganisationen, Feuerwehren und Polizisten, dass sie auf den Straßen schlecht durchkommen. "Wie man eine Rettungsgasse bildet, scheinen viele vergessen zu haben", sagt beispielsweise ein Münchner Polizist. Tatsächlich gab in einer Forsa-Umfrage kürzlich etwa jeder Zweite an, nicht zu wissen, wie er auf einer dreispurigen Straße den Weg für Retter frei machen soll; etwa jeder Dritte weiß nicht, wie die Rettungsgasse bei zwei Spuren funktioniert. Dabei ist es simpel: Sie ist zwischen dem äußerst linken Fahrstreifen und dem rechts daneben zu bilden - und zwar, sobald der Verkehr stockt.

Doch das klappt häufig nicht. So beschwerte sich unter anderem Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) nach dem schweren Unfall auf der A 9 Anfang der Woche, dass die Rettungskräfte nur schwer zu dem brennenden Reisebus durchdringen konnten. Kurz zuvor war Mitte Juni auf der A 6 bei Nürnberg ein Sattelschlepper auf einen vor ihm fahrenden Lkw geprallt. Durch die Wucht des Aufpralls wurde dieser auf einen vor ihm fahrenden Sattelschlepper geschoben. Der Unfallverursacher wurde schwer verletzt, zudem liefen große Mengen Diesel aus. Auch hier kamen die Retter laut Polizei kaum durch. Große Teile des Treibstoffs waren laut Feuerwehr bereits im Erdboden oder in Abflusskanälen versickert, ehe Helfer samt Technik den Unfallort erreicht hatten.

Wer bei Helfern nachfragt, der bekommt immer wieder das Gleiche zu hören. "Zunehmend respektlos" gehe es auf den Straßen zu, Schaulustige stünden den Rettern im Weg, pöbelten Helfer sogar an. Immer öfter würden Verkehrsteilnehmer lieber mit ihrem Handy Fotos machen, als einem Unfallopfer helfen. In Hagen baten Gaffer Polizeibeamte gar, zur Seite zu treten - weil sie mit ihrem Smartphone ein kleines Mädchen filmen wollten, das von einem Auto angefahren worden war. Im Februar wurden zwei Männer zu Geldstrafen verurteilt, weil sie auf der A 60 in Hessen einen brennenden Lkw filmten, während Ersthelfer vergeblich versuchten, den eingeklemmten Fahrer zu befreien.

Polizisten kritisieren außerdem, die Filmer würden nicht nur die Persönlichkeitsrechte von Unfallopfern verletzen. Vielmehr noch achteten die Schaulustigen in vielen Fällen kaum mehr auf das Verkehrsgeschehen um sie herum - und gefährdeten so unter Umständen Unfallzeugen und Retter.

Mehr Rücksichtnahme, weniger Egoismus

Auch Ashauer und Zirngibl können solche Geschichten erzählen. Etwa von dreisten Autofahrern, die versuchen, die Rettungsgasse zu benutzen. Oder von Radfahrern, die so abgelenkt sind von ihrem Handy, dass sie den Rettungswagen schlicht nicht wahrnehmen - trotz eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn. Mehr Rücksichtnahme, weniger Egoismus - das ist es, was sich die Rettungswagenbesatzung wünscht. "Sich mal kurz zurücknehmen und zur Seite fahren", sagt Zirngibl.

So wie an der Engstelle in der Chamer Straße. Dort vergehen etwa 20 bis 30 Sekunden, bis die drei Pkw durchgefahren sind und die Retter endlich weiterkommen. Eine halbe Minute - ist das tragisch? "Ja", sagt Zirngibl. Je nach Notfall könne auch eine solche Zeitspanne lebensentscheidend sein. Bei einem Kammerflimmern etwa sänken mit jeder Minute, in der der Patient nicht mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung behandelt wird, die Chancen für eine erfolgreiche Genesung um etwa zehn Prozent. Nach drei bis fünf Minuten fehlender Sauerstoffversorgung träten irreversible Schäden am Hirn auf.

© SZ vom 08.07.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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