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Verkehrssicherheit:Selbst Telefonieren mit Freisprecheinrichtung lenkt ab

Er fürchtet, der seit Jahren rückläufige Trend bei der Zahl der Verkehrstoten könnte durch das Problem Ablenkung aufgehalten oder umgekehrt werden. Erst im Herbst wurde der Handy-Paragraf in der Straßenverkehrsordnung verschärft und auf elektronische Geräte generell erweitert. Die Geldbuße stieg auf 100 Euro und einen Punkt, bei Sachbeschädigung muss man mit 200 Euro Geldbuße, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot rechnen. Zudem kontrolliert beispielsweise die bayerische Polizei nach eigenen Angaben häufiger. Doch reicht das? "Wir brauchen ein ganz neues Problembewusstsein", sagt Egelhaaf. Das Herumspielen am Smartphone im Auto müsse "ähnlich geächtet werden wie Alkohol am Steuer".

Aber das Problem sei nicht auf Handys oder Tablets beschränkt, sagt Berthold Färber von der Bundeswehr-Uni München. Auch Reklametafeln am Straßenrand oder überfrachtete, amtliche Wegweiser lenkten Fahrer ab oder überforderten sie. Mehr als sieben Hinweise pro Wegweiser könne man kaum verarbeiten, sagt der Verkehrswissenschaftler, vielerorts seien aber zehn, zwölf oder noch mehr Ziele angegeben. "Jeder Bürgermeister will, dass sein Ort aufgeführt wird." Oft könnten auch Piktogramme helfen, die Komplexität zu reduzieren. Studien hätten zudem gezeigt, dass allein schon das Führen eines Telefonats den Fahrer vom Verkehrsgeschehen ablenkt, ergänzt Brockmann - selbst wenn er, wie vom Gesetzgeber erlaubt, eine Freisprecheinrichtung nutzt.

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Vorschläge, wie Ablenkung reduziert werden kann

Hinzu kommt, dass in den Autos immer mehr Infotainment verbaut wird. Neben der Sendersuche im Radio und der Zieleingabe am Navigationsgerät können viele Autofahrer die Fahrwerksabstimmung bedienen, den Sound steuern oder eine Rückenmassage zuschalten. "Auch das lenkt ab", sagt Färber. Hinzu kommt: Mit ihrer Werbung, die immer mehr auf Vernetzung (Fachbegriff: "Connectivity") setze, "suggeriert die Autoindustrie, dass die Smartphone-Nutzung im Auto das Normalste auf der Welt ist", sagt Egelhaaf. Sinnvoll wäre daher, findet Färber, wenn zumindest ein Teil der Systeme ab einer Geschwindigkeit von zum Beispiel zehn Stundenkilometern nicht mehr bedient werden könnten - und der Gesetzgeber dies auch vorschreibe. ADAC-Mann Chiellino fordert, das Thema intensiv in der Fahrschule zu behandeln und appelliert an die "Vorbildfunktion der Eltern".

Brockmann setzt darauf, dass die Sprachsteuerung der Infotainment-Anlagen besser wird, Dekra-Mann Egelhaaf fordert zudem haptische oder akustische Rückmeldungen auch bei Systemen, die etwa per Touchscreen gesteuert werden. "Früher ließ sich das Autoradio ja nahezu blind bedienen." Und Färber schlägt eine Art "Paketlösung" vor: Bei der könnten die Infotainment-Systeme im Auto nur bedient werden, wenn gleichzeitig auch diverse Sicherheitsassistenten aktiv sind - beispielsweise Notbrems-, Abstands- und Spurhalteassistent. "Es kommt ja auch keiner auf die Idee, ein 200-kW-Auto nur mit Trommelbremsen auszustatten."

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