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Verkehrsrecht:"Immer nur höhere Strafen zu fordern, halte ich für hilflos"

Blitzermarathon - Bayern

Auch mehr Kontrolle und härtere Strafen schrecken die meisten Autofahrer nicht ab.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Höhere Bußgelder für Raser? Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss erklärt, warum genau das nicht funktioniert.

Manchmal wirkt es, als gelten im Verkehr auf deutschen Straßen lediglich zwei Prämissen: Der Stärkere hat recht und jeder fährt nach seinen eigenen Regeln. Viele fordern deswegen härtere Strafen für Verkehrsdelikte. Karl-Friedrich Voss ist Vorstand des Bundes Niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV) und hilft in seiner Praxis unter anderem Klienten, ihre Punkte wieder abzubauen. Warum höhere Bußgelder wenig bringen und wie Stress zu Fehlverhalten im Straßenverkehr führen kann, erklärt er im Interview.

SZ: Dr. Voss, es gibt jede Menge Verkehrsregeln, trotzdem halten wir uns nicht daran. Woran liegt das?

Dr. Karl-Friedrich Voss: Na ja, ganz so schlimm ist es nicht. Es gibt schon eine ganze Menge von Verkehrsregeln, die die meisten Autofahrer befolgen. Vor allem, wenn es um Straftaten geht.

Sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit zu halten, fällt den Deutschen offensichtlich besonders schwer. Eine aktuelle Studie auf Basis von 150 000 deutschen Bußgeldbescheiden untersuchte zuletzt das Verhalten auf Landstraßen. Das Ergebnis: Viele Autofahrer wählen Geschwindigkeiten, die knapp unter dem Schwellenwert liegen, bei dem hohe Bußgelder und Punkte in Flensburg drohen.

Ich bin total gegen ein solches Verhalten. Das geht oft genug schief. Es gibt viele Delikte, die fangen bei 21 km/h zu schnell an. Meist folgt der Kommentar: "Aber das ist doch nur ein Kilometer zu schnell!" Die anderen 20 km/h in dieser Rechnung werden überhaupt nicht wahrgenommen. Da muss man heftig gegensteuern. Ab einem Tempo von 20 km/h über der Begrenzung gibt es vom deutschen Bußgeldsystem keine Bereitschaft mehr für Zugeständnisse. Das vermittle ich auch jedem Klienten.

Wäre es dann nicht sinnvoll, gleich härter durchzugreifen? In den Niederlanden zahlen Autofahrer zehn Euro für jeden Kilometer pro Stunde, den sie zu schnell sind.

Es gibt viele, die das fordern. Man darf aber nicht alles zu Straftaten erklären, wenn man Ruhe im Straßenverkehr haben möchte. Die Grundeinstellung des deutschen Verkehrsministeriums und der Verkehrspsychologen unterscheidet sich da von den Schweizern und Niederländern. Über das Fahreignungsregister in Flensburg wollen die Behörden erst einmal Kontakt mit demjenigen, der Fehler gemacht hat, herstellen und auf diese Weise eine Besserung erreichen. Ein solches Punktesystem gibt es in der Schweiz und in den Niederlanden nicht - deshalb die harten Strafen dort.

Und wie erklären Sie das Phänomen, dass einige Menschen immer wieder beim Fahren ohne Führerschein erwischt werden? Immerhin ist das eine Straftat.

Das ist ein Beispiel für eine interessante Ausnahme jener Vergehen, die mit härteren Strafen geahndet werden und trotzdem nicht ausbleiben. Diese Überzeugungstäter koppeln ihr Delikt von allen anderen Überlegungen ab. Da hilft eine Strafandrohung überhaupt nicht. Es wirkt erst, wenn der Richter sagt: Beim nächsten Mal geht es direkt in den geschlossenen Strafvollzug.

Was halten Sie denn davon, die Bußgelder an das Gehalt zu koppeln? Wer mehr verdient, zahlt auch mehr?

Das Problem daran ist der Gleichheitsgrundsatz. Viele Verkehrsrechtler wissen, dass es problematisch ist, die gleiche Tat unterschiedlich zu ahnden. Und immer nur höhere Strafen zu fordern, halte ich für hilflos.

Welche Maßnahmen würden besser greifen?

Die Zusammenarbeit der für die Straßen zuständigen Behörden würde schon viel bringen. Wenn man zum Beispiel Geschwindigkeitskontrollen mit baulichen Maßnahmen verbindet. Verkehrsinseln an Ortseinfahrten, um die man herumfahren muss. Das zwingt zum Verringern der Geschwindigkeit. Installieren Sie dahinter noch einen Blitzer, halte ich das für den richtigen Weg. Aber wenn eine Straße falsch geplant wird, so dass die Hälfte der Autofahrer zu schnell in einen Ort hereinfährt, kann man nicht einfach einen Blitzer hinstellen, und so die Verkehrsteilnehmer zwingen, ihre Geschwindigkeit anzupassen. Das ist die versuchte Korrektur eines Behördenfehlers, die nichts bringt.

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