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Verkehrserziehung:Achtung, Auto!

Für die Kleinsten gibt es viele Gefahren im Straßenverkehr. Doch was können sie in welchem Alter bereits richtig einschätzen? Experten erklären, wie Eltern ihre Kinder richtig vorbereiten.

Von Nina Himmer

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Schild "Spielstraße" in München, 2018

Quelle: Catherina Hess

Alle 18 Minuten verunglückt in Deutschland ein Kind unter 15 Jahren im Straßenverkehr. Klar, dass niemand seins in dieser Statistik wissen will. Den besten Schutz vor Unfällen bietet eine solide Verkehrserziehung. Doch wie sieht die eigentlich aus? Und vor allem: In welchem Alter sollten Kinder was können? Vieles ist dabei weniger offensichtlich, als es zwischen Ampelfarben und Zebrastreifen zunächst aussieht. Denn nicht nur das Lernen von Verkehrsregeln, sondern auch die kognitive Entwicklung eines Kindes beeinflusst, wie sicher es sich im Verkehr bewegen kann. Erst ab etwa neun Jahren können Kinder zum Beispiel Geräusche einer Richtung zuordnen. Und erst ab etwa sieben Jahren sind sie in der Lage, sich in andere hineinversetzen - was die Voraussetzung dafür ist, sich im Straßenverkehr vorausschauend zu verhalten.

Wer um diese Besonderheiten weiß, kann sie bei der Verkehrserziehung berücksichtigen. Drei Experten aus unterschiedlichen Bereichen erklären hier, wie das am besten klappt: Der Pädagoge Josef Weiß, der sich für die Deutsche Verkehrswacht seit über 20 Jahren mit der Sicherheit von Kindern befasst. Die Verkehrspsychologin Susann Richter von der Technischen Universität Dresden, die zu schulischer Verkehrserziehung forscht. Und die Kinderärztin Tanja Brunnert vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte, dem daran gelegten ist, die Unfallzahlen zu senken. Alle drei empfehlen für Erwachsene übrigens folgende Übung: Einfach mal in die Hocke gehen - an der Ampel, auf dem Gehweg, zwischen parkenden Autos. Das ist eine einfache und eindrückliche Übung, um den Verkehr aus Kinderperspektive zu sehen.

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Kinder ab drei Jahren

Mittagsstimmung in Berlin

Quelle: dpa

Was Kinder ab dem Alter können sollten

Klare Antwort: Nichts. "Kein Kleinkind ist in der Lage, sich im Verkehr zurechtzufinden", sagt Pädagoge Josef Weiß von der Deutschen Verkehrswacht. Zwischen drei und fünf Jahren gilt es vielmehr, Kinder spielerisch an das Thema heranzuführen: Ampelfarben lernen, an der Straße gemeinsam nach links und rechts schauen. Frühzeitig sollten Kinder auch üben, ihr Gleichgewicht zu halten, zum Beispiel auf einem Laufrad und anschließend auf dem ersten Fahrrad (ohne Stützräder).

Was Eltern tun können

Auch aus psychologischer Perspektive lautet das Stichwort für diese Altersspanne: spielerisch. Susann Richter rät außerdem dazu, im Straßenverkehr beiläufig das eigene Verhalten zu kommentieren, während man das Kind an der Hand hat. Wieso schaue ich nach links und rechts? Warum warte ich bei Rot? Wie schlecht man wegen der Baustelle sieht, ob ein Auto kommt! "Man darf nicht unterschätzen, wie viel Kinder alleine durch Beobachtung und Nachahmen lernen."

Gut zu wissen

Kinderärztin Tanja Brunner betont: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre körperliche und kognitive Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, die Verknüpfung von Sinneseindrücken mit Erfahrungen fängt gerade erst an. "Kleinkinder können zum Beispiel noch gar nicht erkennen, ob ein Auto steht oder fährt." Auch ihr Seh- und Hörvermögen ist noch nicht vollständig entwickelt, manche Bewegungen sind gar noch unmöglich - etwa das seitliche Drehen des Kopfes im Laufen.

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Kinder ab fünf Jahren

Plakataktion zur Schulwegsicherheit in München, 2018

Quelle: Robert Haas

Was Kinder ab dem Alter können sollten

Im Vorschulalter ab fünf Jahren sollten Kinder einfache Regeln lernen. Etwa, Straßen nur an Ampeln oder Zebrastreifen zu überqueren. "Und dabei sicherzugehen, dass sie gesehen werden - etwa durch Blickkontakt mit dem Fahrer oder das Heben eines Arms", sagt Weiß. Sie sollten wissen, dass es tabu ist, zwischen parkenden Autos auf die Straße zu laufen. Und auf dem Gehweg die straßenabgewandte Seite, also die sicherere, zu nutzen. Auch wichtig: Vorsicht an Ein- und Ausfahrten.

Was Eltern tun können

Auf bekannten Wegen können Kindern nun auch mal die Führung übernehmen. Dabei sollte man ihnen Fragen stellen: Hast du das Auto da gesehen? Warum schaust du zweimal nach links, aber nur einmal nach rechts? Auch sinnvoll: "Räumliches Hören üben, am besten mit Spielen wie ,Woher kommt das Geräusch?'", rät Richter. Auch alles, was Koordination und Motorik schult, ist wertvoll, etwa Rückwärtslaufen, Balancieren, Klettern oder Purzelbäume.

Gut zu wissen

Vorsicht: Selbst wenn bekannte Wege sitzen, können Kinder ihr Wissen noch nicht auf unbekannte Wege und Situationen übertragen. "Zu Transferleistung sind sie noch nicht in der Lage", sagt Brunnert. Dafür ist die Hörfähigkeit mit fünf bis sechs Jahren komplett ausgebildet, ebenso wie die Tiefenschärfe beim Sehen. Die Aufmerksamkeitsspanne nimmt zu, ist aber noch sehr begrenzt: Sobald zum Beispiel auf der anderen Straßenseite ein Freund winkt, sind alle Regeln vergessen.

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Kinder ab sieben Jahren

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Quelle: Stephan Rumpf

Was Kinder ab dem Alter können sollten

"Mit Beginn der Grundschule gilt es, die Regeln zu festigen und selbständiger anzuwenden", sagt Weiß. Es ist nun an der Zeit, unter geschützten Bedingungen in verschiedenen Rollen am Verkehr teilzunehmen - als Fußgänger, Radfahrer oder im öffentlichen Nahverkehr. Links und rechts sollten klar unterschieden werden und die Konzentration ausreichen, um rational Erlerntes vor emotionale Reize zu stellen. Sprich: Kinder sollten sich nicht mehr so leicht ablenken lassen.

Was Eltern tun können

Der Schulweg birgt eine große Lernchancen. "Wenn irgendwie möglich, sollten Eltern sie nutzen", sagt Richter. Wenn das nicht möglich ist, können Kompromisse helfen. Zum Beispiel, das Kind ein paar hundert Meter vor der Schule aussteigen und das letzte Stück des Weges zu Fuß gehen zu lassen. Auf jeden Fall sollten Kinder jetzt Gelegenheit haben, bekannte Strecken selbständig zu bewältigen. Sei es zum Bäcker, zur Oma oder dem Sportverein.

Gut zu wissen

Bis etwa zum siebten Lebensjahr denken Kinder komplett egozentristisch. Sie schließen also von sich auf andere, was fatale Folgen haben kann. "Sie sind zum Beispiel überzeugt, dass ein Auto sie sieht, wenn sie es gesehen haben", sagt Brunnert. Dieses Denken weicht nun langsam der Fähigkeit, sich in anderen hinzuversetzen. Genau das ist nötig, um sich im Verkehr vorausschauend zu verhalten und Voraussetzung dafür, Situationen richtig ein- und Gefahren abzuschätzen.

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Kinder ab neun Jahren

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Was Kinder ab dem Alter können sollten

Ist auf dem üblichen Weg mal eine Baustelle oder die Ampel kaputt, sollten Kinder ab neun Jahren spontan reagieren können und Alternativen abwägen. Auch Mehrfachanforderungen sind sie jetzt besser gewachsen. "Etwa die Balance auf dem Rad halten und dabei Handzeichen geben", sagt Weiß. Aus gutem Grund findet die Radprüfung am Ende der Grundschulzeit statt. Erst dann sind Motorik und Koordination den realen Anforderungen an den Straßenverkehr gewachsen.

Was Eltern tun können

Kinder können nun schon eine Menge. Aber oft stimmt ihr erlerntes Skript nicht mit der Realität überein. "Vielleicht denkt es, dass man Autos immer hört. Oder dass ältere Radfahrer eher langsam sind", sagt Richter. Das gilt aber nicht mehr, wenn es sich um ein E-Auto oder einen E-Radler handelt. Deshalb gilt: Viel üben, unterschiedliche Situationen erleben, Erfahrungen sammeln - am besten bei gemeinsamen Spaziergängen und Radtouren.

Gut zu wissen

Erst ab neun oder zehn Jahren können Kinder Distanzen und Geschwindigkeiten halbwegs einschätzen. Auch das räumliche Hören ist erst jetzt fertig ausgebildet. Dennoch sollte man die kindlichen Fähigkeiten nicht überschätzen: "Sie nehmen pro Sekunde nur ein bis drei Verkehrsobjekte wahr, Erwachsene doppelt so viele", sagt Brunnert. Vor allem in unübersichtlichen Situationen sind Kinder oft übe

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Kinder ab 13 Jahren

Schulwegpläne: Orientierung und Sicherheit für Kinder

Quelle: obs

Was Kinder ab dem Alter können sollten

Im Prinzip denken Kinder nun wie Erwachsene. Sie können abstrahieren und logisch denken, Wissen auf unbekannt Situationen übertragen und Gefahren relativ gut abschätzen. Auch Mehrfachanforderungen sollten nun kein Problem mehr sein. "Mit Beginn der Pubertät torpedieren allerdings oft andere Dinge die Verkehrssicherheit", sagt Weiß. Etwa Gruppendruck, starke Emotionen, Ablenkung durch Smartphones oder Kopfhörer, die plötzlich cooler sind als der Fahrradhelm.

Was Eltern tun können

Während in der Grundschule viel Wert auf Verkehrserziehung gelegt wird, spielt sie in der weiterführende Schule kaum eine Rolle mehr. "Deshalb ist es für Eltern wichtig, dranzubleiben", sagt Richter. Ab und zu noch gemeinsam radeln, ein gutes Vorbild sein, vor allem aber: Im Gespräch bleiben, über Gefahren sprechen und auf eine vertrauensvolle Beziehung achten. So erkennt man leichter, ob etwa mit risikoreichem Verhalten etwas anderes kompensiert werden soll.

Gut zu wissen

"Ablenkung ist in dieser Altersspanne ein großes Problem", sagt Brunnert. Gedanken und Gefühle beschäftigen Jugendliche oft sehr, ihre Emotionskontrolle ist weniger stark ausgeprägt als bei Erwachsenen. Unfälle passieren jetzt selten wegen mangelndem Regelwissen, sondern eher aus Unaufmerksamkeit oder einem trügerischem Sicherheitsgefühl heraus. Man sollte deshalb immer wieder über die Konsequenzen von Fehlern im Straßenverkehr sprechen.

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Kinder ab 15 Jahren

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Quelle: Robert Haas

Was Kinder ab dem Alter können sollten

Teenager haben im Straßenverkehr nun das meiste drauf, was auch Erwachsene können. Das sollten sie auch, schließlich können sie ab 15 Jahren auf motorisierte Verkehrsmittel wie Mofas umsteigen und mit 17 Jahren den Führerschein machen. Jetzt ist vor allem wichtig, dass sie sich ihrer Verantwortung für sich und andere bewusst werden und von der Sinnhaftigkeit der Verkehrsregeln überzeugt sind. "Da hilft nur vertrauensvoller Dialog", sagt Weiß.

Was Eltern tun können

Zwischen elf und 16 Jahren tragen nur noch ein Drittel der Kinder einen Helm, davor sind es über drei Viertel. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder irgendwo dazwischen beschließen, dass Sicherheit jetzt nicht mehr cool sei, ist also groß. "Vorbeugen kann man, indem Verkehrssicherheit in Gesprächen weiter Thema bleibt", sagt Richter. Und, indem man dafür sorgt, dass Jugendliche nicht im Straßenverkehr, sondern anderswo Dampf ablassen können - etwa beim Sport.

Gut zu wissen

"Bei Teenagern fallen Imponiergehabe, Leichtsinn, Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung stark ins Gewicht", sagt Brunnert. 58,1 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr entfallen auf die Gruppe der Kinder unter 15 Jahren. Unter Jugendlichen sind vor allem die Jungen gefährdet: Sie stacheln sich oft durch Mutproben und Gruppendruck an. Das wirkt sich in der Statistik aus: Bei den 15- bis 17-Jährigen betrug der Anteil männlicher Verkehrstoter im Jahr 2018 etwa 62 Prozent.

© SZ.de/reek

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