Verkehr und Klimaschutz:Der SUV-Trend gefährdet die Klimaziele

Der Verbrauch und damit die CO₂-Emissionen von Pkw sinken immer langsamer. Hauptursache sind die steigenden Marktanteile von schweren Hochdachautos - und sinkende Dieselzulassungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Im vergangenen Jahr lag der durchschnittliche CO₂-Ausstoß im Testzyklus bei 127,4 Gramm je Kilometer - lediglich etwa ein Prozent niedriger als 2015. Das europäische Flottenziel von 95 Gramm pro Kilometer scheint bis 2021 kaum noch erreichbar. Zumindest dann nicht, wenn Marken wie Audi (132,8 g/km), BMW (127,6 g/km inklusive Mini) und Mercedes (131,9 g/km inklusive Smart) nicht wesentlich mehr E-Autos verkaufen.

Auch eine Studie der PA Consulting Group rechnet damit, dass die Autohersteller BMW, Hyundai-Kia, Fiat-Chrysler, Ford, Peugeot-Citroën (inklusive Opel und Vauxhall) und Volkswagen ihre Zielwerte für 2021 nicht erreichen werden. Beim Reißen der verpflichtenden CO₂-Grenzwerte drohen Strafzahlungen teils in Milliardenhöhe - nach aktueller Rechnung 1,7 Milliarden Euro für VW, gefolgt von Fiat Chrysler mit 1,2 Milliarden Euro. "Die Automobilhersteller müssen ihre Industrie neu erfinden, um CO₂-Emissionen zu reduzieren und schnell näher rückende Grenzwerte für 2021 zu erreichen", sagt Thomas Göttle, Head of Automotive bei PA. Verschärfend kämen aktuelle Ankündigungen aus der Politik für Verbote von Verbrennungsmotoren hinzu: Bereits für 2025 in Norwegen und den Niederlanden, für 2040 in Großbritannien und Frankreich, sowie Diskussionen dazu in Deutschland und China.

Die Hersteller setzen auf die 48-Volt-Systeme

Der stark rückläufige Dieselanteil torpediert die CO₂-Strategie der deutschen Autohersteller. Zumal billiger Kraftstoff keinen Anreiz für den Kauf von teurer Spartechnik bietet. Das merken die Hersteller beim schleppenden Absatz von Elektroautos. Und das werden sie bei der Einführung von Niedervolt-Hybrid-Fahrzeugen aller Voraussicht nach erneut zu spüren bekommen: 48-Volt-Systeme sollen als nächster Effizienzschritt die Masse der Neuwagen sparsamer machen.

Bis 2025 soll jeder BMW-Verbrenner über ein 48-Volt-System verfügen. Audi und Mercedes sind beim Einsatz von Starter-Generatoren mit 48 Volt sogar schon weiter, selbst Volkswagen bereitet den Einsatz in der Großserie vor. Realistisch mindern sie den Verbrauch um acht Prozent, indem sie Schubenergie beim Bremsen zurückgewinnen. Aber auch Mikro-Hybride kosten gehörig Geld. Derartige Diät-Benziner werden fast so teuer wie Dieselmodelle, die ihrerseits durch höhere Umweltauflagen immer aufwendiger und daher teurer werden.

Die Hersteller überbieten sich mit Ankündigungen

Auch wenn Prognosen in der aktuellen Situation schwierig sind: Ohne die breite Einführung von sogenannten Nullemissionsfahrzeugen werden die Klimaziele kaum zu erreichen sein. Derzeit überbieten sich die Hersteller mit Ankündigungen: Mercedes will bis zum Jahr 2022 mehr als zehn reine Elektroautos auf den Markt bringen. BMW kontert mit 25 elektrifizierten Modellen bis zum Jahr 2025 - zwölf davon voll elektrisch. VW-Konzernchef Matthias Müller will sein Unternehmen sogar zur weltweiten Nummer eins in der Elektromobilität machen: "Bis 2025 werden wir weltweit mehr als 80 neue elektrifizierte Modelle zu unseren Kunden bringen: darunter fast 50 reine E-Fahrzeuge und 30 Plug-In-Hybride", kündigt Müller an. Im Jahr 2025 soll weltweit bereits jedes vierte neue Fahrzeug aus dem Volkswagen-Konzern rein elektrisch angetrieben werden.

"Durch die Entscheidung für oder gegen Elektroautos wird der Kunde darüber entscheiden, ob wir unser Klimaziel erreichen", sagt Audi-Chef Rupert Stadler. Aber es geht nicht nur um Klimaziele, sondern um die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland. Die hiesigen Hersteller investieren derart viel Geld in die Elektromobilität, dass ein Scheitern fatale Folgen hätte. "Es geht um die Transformation einer über Jahrzehnte gewachsenen Wirtschaftsstruktur, die Fortschritt und Wachstum für Viele gebracht hat - und die es wert ist, fortzubestehen", mahnt der VW-Konzernchef. Das sei kein Appell für ein "weiter so!". Vielmehr gehe es um einen geordneten, wohl überlegten Systemwechsel vom Verbrennungsmotor ins Elektrozeitalter.

© SZ vom 02.11.2017/harl
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB