Vergleichstest Montagsmaler hinterm Steuer

Die beiden Limousinen-Coupes Audi A7 und Mercedes CLS bieten ihren Fahrern zahlreiche Bildschirme und jede Menge elektronischen Schnickschnack. Dabei wäre das gar nicht nötig.

Von Felix Reek

Wer vor dem Mercedes CLS steht, muss zugeben: Schön ist er ja. Diese wenigen reduzierten Linien, die sanft nach hinten abfallen, wie aus einem Guss, typisch für ein Coupé, die Königsform des Automobilbaus. Und doch ist der CLS etwas Besonderes. Im Jahr 2004 erfanden die Schwaben mit ihm eine vollkommen neue Fahrzeuggattung: das viertürige Coupé, eine Limousine mit abfallender Dachlinie. Was zunächst etwas befremdlich wirkte, entwickelte sich ziemlich schnell zu einem Erfolg, den die Konkurrenz kopierte. Beispielsweise Audi, wo sie seit 2010 den A7 bauen. Dessen neuestes Modell ist in diesem Jahr erschienen, genauso wie die dritte Generation des CLS. Die perfekten Voraussetzungen also, um herauszufinden, wer von beiden Herstellern vierzehn Jahre nach der Erfindung die bessere Coupé-Limousine baut.

Die Voraussetzungen der Autos sind ähnlich. Beide kosten in der Basisausstattung etwa 66 000 Euro, besitzen Allradantrieb, Automatikgetriebe und Dreiliter-V6-Dieselmotoren mit 286 PS. Durchschnittsverbrauch laut Werk: 5,5 Liter. Den schaffen weder der CLS noch der A7. Der Mercedes genehmigt sich im Testbetrieb auf den Straßen in und um München 6,7 Liter Diesel pro 100 Kilometer. Das ist zumindest ein vertretbarer Wert für ein Fahrzeug dieser Größe. Der Audi allerdings ist ziemlich durstig. Verbrauch auf 100 Kilometern: im Schnitt 8,9 Liter.

Auch im Innenraum gibt es viele Gemeinsamkeiten bei beiden Coupés. Die Verarbeitung ist hochwertig, Leder, Holz und Chrom dominieren das Bild. Fahrer- und Beifahrersitz bieten ein fast schon opulentes Platzgefühl. Im Innenraum zeigen sich die Limousinen-Gene der beiden Coupés. Der CLS basiert auf der aktuellen E-Klasse, der A7 auf dem A6.

Hinten wird es eng: Je größer der Passagier ist, umso näher wandern seine Knie gen Kinn

Hinten wird es allerdings aufgrund des Designs schon enger. Im Mercedes ist die Rückbank viel zu tief angebracht, um Kopffreiheit zu bieten. Die Sitze sind wahre Kuhlen: Je größer der Passagier ist, umso näher wandern seine Knie gen Kinn. Die Rückbank gelingt dem Audi besser - hier zeigt sich die Verwandtschaft zum A6. Es sitzt sich einfach angenehmer im Audi.

Einfach nur sitzen lässt es sich in beiden Coupés aber sowieso nicht mehr. Sowohl die Entwickler bei Audi wie auch bei Mercedes demonstrieren, was sie unter der Digitalisierung des Autos verstehen. Bei den Ingolstädtern heißt das vor allem: mehr Bildschirme. Drei, um genau zu sein. Ein digitaler Tacho, ein Display in der Mittelkonsole und direkt darunter noch eines, das standardmäßig die Klimaanlage sowie die Einstellung der Sitze anzeigt. Ob dafür ein extra Display nötig gewesen wäre? Die Ingenieure in Ingolstadt sind offenbar dieser Ansicht. Positiver Nebeneffekt: Bei der Adresseingabe für das Navigationsgerät fungiert der Bildschirm als Tastatur oder fürs Freihandschreiben mit dem Zeigefinger. "Die Montagsmaler" haben es also endlich auch in den Autobau geschafft.

Im Gegensatz zur Konkurrenz sind diese drei Bildschirme auch keine reinen Touch-Displays, sondern druckempfindlich. Wer sie bedient, hört ein leises Knacksen als Bestätigung dafür, dass der Befehl verstanden wurde. Mehr Glasoberflächen im Auto bedeutet aber auch mehr Fingerabdrücke. Schon nach wenigen Minuten sehen die Displays aus, als hätte jemand darauf Malen nach Zahlen gespielt. Das liegt auch daran, dass sie so viele Menüs beherbergen, dass schon das Einstellen eines neuen Radiosenders zur nervlichen Belastung wird. Glücklicherweise gibt es eine Sprachsteuerung, die gut funktioniert. Solange das Navi nicht mit Zungenbrechern wie "Pelkovenschlössl" überfordert wird.

Mehr von allem gibt es im Mercedes CLS. Wippenschalter, Knöpfe, ein Drehrädchen, einen mausähnlichen Überhang, auf dem mit dem Finger Buchstaben aufgemalt werden können, Sprachsteuerung und ein großes Display, das sich von der Fahrerseite bis zur Mitte zieht. Allein in der Mittelkonsole sitzen 18 Funktionstasten. Als Höhepunkt dieses technischen Überforderungsprogramms bietet Mercedes aufpreispflichtig noch eine Art Wellness-Trip für den Fahrer an. In den Tiefen der Bedienung finden sich acht verschiedene Massagefunktionen für den Sitz, die so schöne Namen wie "Active Workout Kissen", "Mobilising Massage" oder "Hot Relaxing Schulter" tragen. Sie alle haben gemein, dass sie sich anfühlen, als trete ein Dreijähriger von hinten gegen den Sitz. Sonderlich angenehm ist das nicht.

Hinweis der Redaktion:

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

Komplettprogramme wie "Energizing Comfort" sollen dem Fahrer zusätzlich eine Menge "Frische, Wärme, Vitalität und Freude" bereiten, wie es bei dem Hersteller heißt. Konkret bedeutet das: Der Dreijährige im Fond beginnt wieder mit den Füßen zu trommeln. Offenbar vor Freude. Begleitet von Easy Listening und Harfenklängen aus dem Boxen. Schöne neue Autowelt. Das Fahren gerät hier schnell in den Hintergrund. Was schade ist. Denn es lohnt sich bei beiden Autos.

Beide Autos geben gerne an: Seht her, was wir alles können! Wir sind besser als eure Smartphones!

Der Audi fährt sich so souverän, wie es für eine Limousine dieser Größenordnung und in dieser Preislage zu erwarten ist. Der A7 ist eher aufs Gleiten und auf lange Reisen ausgelegt. Das ist in sich stimmig und kann doch nicht mit dem CLS mithalten. Die Limousine steuert sich genau so, wie man es von einem Mercedes erwartet: erhaben, zurückgelehnt, vollkommen unhektisch. Denn das Zusammenspiel der Neunstufenautomatik des CLS, des 286 PS starken Dieselmotors, von Federungskomfort und Lenkung ist nahezu perfekt. Es ist deutlich zu merken, dass die Stuttgarter viel Technik aus der S-Klasse übernommen haben. Der Motor ist im Inneren kaum wahrnehmbar, die Gänge schalten vollkommen unmerklich, auf der Autobahn gleitet der Mercedes nur so dahin.

Die Achtgangautomatik des A7 ist hingegen der große Schwachpunkt des Coupés. Wer sie sehr gemächlich in Anspruch nimmt, bemerkt die Schaltvorgänge kaum. Sobald der Gasfuß jedoch etwas beherzter das Pedal nach unten drückt, reagiert das Getriebe mit einer Verzögerung. Es schaltet wesentlich spürbarer, die Gänge drehen zu hoch, der Motor ist brummiger und offensichtlicher als Diesel zu erkennen als im CLS. Das enttäuscht bei einem sonst durchweg stimmigen Auto. Auch das Fahrwerk ist nicht ganz so perfekt abgestimmt wie im Mercedes.

Und wer baut nun die bessere Coupé-Limousine? Sehr zum Ärger von Audi ist es immer noch der Erfinder dieser Fahrzeugform, Mercedes. Der CLS steht in seiner Souveränität kaum dem Spitzenmodell der Stuttgarter, der S-Klasse, nach. Er fährt sich schlicht hervorragend - sofern die Insassen dazu kommen. Denn sowohl Audi als auch Mercedes überfluten den Fahrer mit einer Vielzahl an technischen Spielereien, die von der Straße ablenken und bei denen fraglich ist, ob sie überhaupt benötigt werden. Die Coupés sind mehr Lounge als Auto. Das ist fast schon Angeberei: Seht her, was wir alles können! Wir sind besser als eure Smartphones!

Aber genau das sind sie nicht. Mit deren oft kinderleichten Intuitivität hat die Bedienung all der Menüs und Untermenüs, der Knöpfe, Regler, Sprachassistenten und Touchscreens nichts zu tun. Die Stärken der Autos geraten da fast in Vergessenheit: Sie fahren sich beide ganz hervorragend.