bedeckt München 15°
vgwortpixel

Vergleich:Stylish gegen bieder

Wie fährt sich die zweite Generation des Range Rover Evoque im Vergleich zum VW Tiguan?

Was der Mini im Kleinwagensegment geschafft hat, gilt bei den SUVs für den Range Rover Evoque: Schon in seiner ersten Auflage im Jahr 2011 wurde er besonders wegen seines Lifestyle-Faktors gekauft. Trotz seiner Größe wirkt der SUV elegant und schick , sowohl innen wie außen. Seit April steht die zweite Generation bei den Händlern. Auch wenn die Ausmaße des Evoque für den Stadtverkehr genauso überdimensioniert sind wie bei der Konkurrenz, kommt der Range Rover doch nicht ganz so trampelig daher wie zum Beispiel der VW Tiguan.

Das heißt allerdings nicht, dass er deshalb das bessere Auto ist. 800 000 Exemplare hat Range Rover weltweit von der ersten Modellgeneration verkauft. Deshalb gab es auch keinen Anlass, für die zweite Auflage die Optik komplett zu verändern. Im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger ist der neue Evoque noch runder und schnörkelloser. Die typischen Proportionen - kurzes Heck und schmale Fenster - heben den Evoque auch weiterhin von anderen Kompakt-SUVs ab. Neu sind auch die ausfahrbaren Türgriffe, die denen des Model S von Tesla ähneln. Die Antriebspalette der zweiten Generation ist identisch mit dem Jaguar E-Pace. Alle Varianten mit Allradantrieb sind als Mildhybrid mit einem im Unterboden verbauten 48-Volt-Lithium-Ionen-Akku ausgestattet. Im Laufe des Jahres soll außerdem noch eine Version mit Plug-in-Hybrid-Antrieb eingeführt werden.

Im Innenraum haben sich die Designer bemüht, möglichst viele Funktionen in wenigen Bedienelementen unterzubringen. So gibt es gleich zwei Touchdisplays in der Mittelkonsole, als kleine Spielerei ist die Temperaturregelung als analoger Drehknopf in den unteren Monitor integriert. Das Cockpit wirkt aufgeräumt, Ablagefächer gibt es genug. Dass man die Abdeckung für die Mittelkonsole auf einmal komplett in der Hand hält, anstatt sie einfach nur wegzuklappen oder zu verschieben, passt nicht ganz in das sonst wertig gestaltete Ambiente. Wer nicht auf den Preis schaut, kann sich von der Extra-Liste auch ein System zur Ionisierung der Innenluft bestellen. Oder Sitzbezüge aus einer veganen Leder-Alternative, die zum Teil aus Recycling-Kunststoffen hergestellt wird.

Zahllose Assistenten helfen dabei, den Evoque ohne Kratzer und Dellen durch die Stadt zu steuern

Schaut man sich die Liste der technischen Features an, die der neue Evoque bietet, wird schnell klar, warum dafür zwei Bildschirme nötig sind. Am Ende geht es vor allem darum, wie man den für den Stadtverkehr überdimensionierten Wagen möglichst kratzerfrei steuern kann. Dafür hat sich Range Rover viel einfallen lassen, etwa den "ClearSight Smart View"-Innenrückspiegel, in den ein Kamerabild projiziert wird, das in einem deutlich weiteren Sichtfeld zeigt, was hinter dem Auto passiert.

Dazu kann man sich auch die "ClearSight Ground View" bestellen - was Range Rover vereinfacht die "gläserne Motorhaube" nennt. Damit sieht man durch Kamerabilder auch, was unter dem Vorderwagen im Weg liegt. Besonders hilfreich, um bei hohen Bordsteinen oder engen Parklücken Lack und Felgen zu schonen. Natürlich kann man damit zum Beispiel auch im Gelände Steine oder Äste sichtbar machen, über die der Wagen fährt. Doch damit ist man genau bei dem Widerspruch angelangt, den der Evoque hervorruft, wenn man seine Fahreigenschaften auf und neben der Straße vergleicht.

Denn der Evoque ist irgendwie ein einziges Missverständnis. Er ist ein tolles Geländefahrzeug, das selbst steile Anstiege ohne Probleme meistert. Die Karosserie ist extrem verwindungssteif. Nicht umsonst lässt Range Rover bei der Fahrvorstellung in einem Offroadparcours demonstrieren, wie der Wagen selbst die größten Schräglagen problemlos überwindet. Das ist beeindruckend, doch es ist eben nicht das Szenario, in dem der typische Evoque-Fahrer sein SUV bewegt. Interne Kundenbefragungen des Herstellers haben ergeben, dass nur vier Prozent das Fahrzeug auch offroad nutzen. Dagegen wirkt der 200-PS-Benziner auf der Landstraße oder im Stadtverkehr eher träge - was natürlich auch am Gewicht von rund zwei Tonnen liegt. Die Lenkung könnte direkter sein und ohne die ganzen technischen Helfer ist der Evoque auch aufgrund der schmalen Fenster unübersichtlich. Dazu kommt der Verbrauch: Trotz Mildhybrid stehen am Ende der kombinierten Autobahn-, Landstraßen- und Stadtverkehrsroute etwa zehn Liter auf der Uhr. Das sind rund zwei Liter mehr, als der Hersteller angibt. Doch wie sieht es bei der Konkurrenz aus?

Der Platzhirsch im SUV-Segment bleibt der VW Tiguan. Fast 75 000 Stück wurden 2018 in Deutschland zugelassen - damit zog der Tiguan sogar am Passat vorbei. Dabei wirkt der VW lange nicht so extravagant wie der Range Rover Evoque. Mit der seit letztem Jahr erhältlichen R-Line-Ausstattung (die 3 365 Euro Aufpreis kostet), sieht der Tiguan zwar deutlich sportlicher aus als die Standardvariante, die es in der zweiten Generation seit 2016 zu kaufen gibt. Dennoch fällt man mit dem VW weit weniger auf als mit dem Range Rover.

Während der Innenraum des Evoque modern und aufgeräumt wirkt, ist im VW alles eher nüchtern und analog. Neben einem kleineren Touchdisplay in der Mitte gibt es vor allem: Knöpfe. Alles wirkt hochwertig, aber doch auch ein bisschen aus der Zeit gefallen. Dafür ist die Modellgeneration aber auch schon drei Jahre alt. Trotzdem sind 42 800 Euro Grundpreis für den 190-PS-Diesel kein wirkliches Schnäppchen, auch wenn der neue Evoque in der 180-PS-Diesel-Variante noch einmal 3000 Euro mehr kostet.

Was man dem Tiguan nicht absprechen kann: Er fährt sich im Stadtverkehr und auf der Landstraße deutlich agiler als der Evoque. Die Lenkung ist leichtgängig, aber trotzdem präzise, so dass man sich auch an Engstellen oder beim Rangieren im Parkhaus einigermaßen zügig bewegen kann. Vor allem im Sportmodus ist macht der 2-Liter-Turbodiesel richtig Spaß, der Verbrauch lag im Test zwischen acht und neun Litern Diesel.

In die Stadt gehören weder der Evoque noch der Tiguan. Wer den Lifestyle-Faktor schätzt und die neuesten technischen Gimmicks möchte, ist auch in der zweiten Generation beim Range Rover Evoque gut aufgehoben. Wer dagegen ein praktisches, solides Auto ohne viel Schnickschnack bevorzugt, kann immer noch ohne Bedenken zum VW Tiguan greifen. Abseits befestigter Straßen wird man beide Autos aber wohl auch in Zukunft eher selten antreffen.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.