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Vergleich:Schön oder doch lieber schön praktisch

Der Fiat 500 gilt als Lifestyle-Liebling, der Fiat Panda als rustikales Alltagsauto. Wie schlagen sie sich im Vergleich?

Von Felix Reek

"Ist dir das schöne Auto da draußen?", fragt die Schwiegermutter. "Der ist wirklich toll!", jubeln die Kinder. Die eigene Frau blickt verzückt. Nur, um welches Wunderfahrzeug vor dem Haus handelt es sich, das die Emotionen der Familie derart überschäumen lässt? Ein Ferrari? Der neue Porsche 911? Nein, es ist ein Autochen, gerade mal dreieinhalb Meter lang. Ein Fiat 500, in Pastellfarbe mit Faltdach. So kennt man ihn seit seiner Neuauflage 2007, rein optisch hat sich seither wenig getan. Neu ist nur der Hybridmotor, den es seit einigen Monaten für das Modell gibt und der die Käufer auf den reinen Elektro-Cinquecento im Herbst vorbereiten soll.

Und ja, man muss zugeben: Der Fiat 500 hat was. Etwas, das vielen modernen Autos heute abgeht: Charme. Ganz ohne Raubtieroptik steht er da, muss niemanden beweisen, dass er der Schnellste ist auf der Autobahn. Wieso auch, am Ende kommen alle ans Ziel. Die einen zehn Minuten schneller, einem Herzinfarkt nah, die anderen etwas gemächlicher, dafür mit einem Grinsen im Gesicht. Denn genau das löst der Fiat 500 aus, jedes Mal, wenn der Blick auf ihn fällt. Sowohl außen als auch innen, wo sich das modernisierte Fünfzigerjahre-Design nahtlos fortsetzt: Es gibt lackierte Metallflächen, die Sitze sind zweifarbig, der Tacho kreisrund, so wie eigentlich alles im Fiat 500. Die Chromdetails fühlen sich zwar eher nach Kunststoff an, doch die Verarbeitung ist gut. Keine Selbstverständlichkeit in dieser Klasse. Die Sitze geben einigermaßen Halt, Platz ist ausreichend vorhanden, selbst wenn zwei Kindersitze auf der Rückbank stehen. Nur der Kofferraum ist mit seinen 182 Litern eher ein großes Handschuhfach.

FILE PHOTO: Fiat Chrysler presents mild-hybrid versions of its 500 and Panda models

Zwei Brüder mit Hybridantrieb unter dem Blech: Im Februar präsentierte Fiat die beiden Modelle auf der Piazza Maggiore in Bologna.

(Foto: Flavio Lo Scalzo/Reuters)

Dafür fährt sich der Fiat 500 in der Hybrid-Variante umso besser. Die Gänge liegen exakt an (ein Automatikgetriebe gibt es nicht), die 70 PS, die der Einliter-Benziner mit drei Zylindern leistet, reichen in den meisten Situationen. Nur auf der Autobahn wird es jenseits der 100 km/h etwas zäh, das Gokart-Fahrgefühl ist aufgrund des kurzen Radstandes eher ein Nachteil, weil der Fiat 500 in diesen Momenten arg schaukelt. Von einem Elektro-Boost ist beim Hybridmotor nichts zu merken. Die Batterie ist mit elf Amperestunden winzig, das Elektroaggregat gerade einmal 3,6 kW stark, rein elektrisch fahren lässt sich der Fiat 500 nicht. Im Display im Tacho weist das Auto stattdessen mit kleinen Animationen darauf hin, unter 30 km/h auszukuppeln. Der Motor geht automatisch aus und der Fiat 500 wechselt in den Segelmodus, der Sprit spart. Zumindest in der Theorie. 3,9 Liter Benzin im Schnitt gibt der Hersteller an, 5,4 Liter sind es im Test. Was ein ernüchternder Wert ist, angesichts des geringen Gewichts von unter einer Tonne. Der Vorgänger mit 69 PS ohne Elektro-Unterstützung verbrauchte im Realbetrieb auch nicht viel mehr als fünf Liter Benzin. Wer also noch mit dem Konzept aus kombiniertem konventionellen Aggregat und Elektromotor hadert, ist beim Fiat 500 genau richtig. Stünde nicht "Hybrid" auf dem Heck, würde es dem Fahrer gar nicht auffallen.

Das lässt sich nahtlos auf das Schwestermodell übertragen, die Hybrid-Variante des Pandas. Ihn gibt es mit dem gleichen Motor, aber nur in der "City Cross"-Version, eine Art SUV-isierung des eigentlichen Modells: etwas höher gelegen, mit Seitenplanken, als habe sich der Fiat für eine Offroad-Themenparty verkleidet. Ein seltsam anzusehendes Resultat des SUV-Booms. Die Reaktionen der Familie? Na ja. Den Kindern entfährt nur ein "schöne Farbe" zu dem blassblauen Testwagen.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

Der Preisunterschied zwischen beiden Autos ist gering. Der Fiat 500 Hybrid kostet mindestens 13 990 Euro, der Panda mit Mini-Elektromotor ist 500 Euro billiger. Wobei es "billiger" ziemlich genau trifft. Beim Panda ist nicht nur das Design hemdsärmeliger. Im Innenraum herrscht Hartschalenplastik rustikal. Die Sitze bieten kaum Halt, die Schaltung ist hakeliger, das ganze Auto fährt sich trotz gleichen Motors wesentlich ruppiger, der Verbrauch ist mit 6,7 Litern im Testschnitt höher. Selbst die schrillen Piepser der Parkhilfe klingen billiger - wie ein Tamagotchi in Not. Höhepunkt dieser Tiefpunkte ist das "Entertainment-System": eine Handyhalterung unter der Windschutzscheibe. Ein Display mit Navigation gibt es auch gegen Aufpreis nicht, stattdessen blinkt dem Fahrer ein Standardradio aus den Achtzigern entgegen. Das alles zu fast demselben Preis wie die Einstiegsversion des Fiat 500 Hybrid.

Aber natürlich besitzt der Panda Vorteile gegenüber dem Schönling. Der Fiat 500 ist eigentlich ein Zweisitzer, auf der Rückbank fläzen nur Kinder halbwegs bequem. Der Panda bietet vier Türen, was den Einstieg hinten erleichtert. Dort können Erwachsene Platz nehmen, ohne sich wie in der Kartoffelpresse zu fühlen. Der Kofferraum verdient mit 225 Litern zumindest seinen Namen. Hier ist ein Wochenendeinkauf möglich. Das war es aber auch schon.

Die Frage, ob 500 oder Panda, ist also eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Der Cinquecento ist schöner, besser verarbeitet, und er macht mehr Spaß. Der Panda ist nützlicher, aber eher so etwas wie die Dacia-Variante des 500er: quadratisch, praktisch, aber gar nicht mal so gut. Bei ihm ist es egal, ob die Kinder mit schlammigen Gummistiefeln gegen den Sitz treten. Oder eine Milchschnitte übers Interieur ziehen. Dafür werden sie aber nie sagen: "Das ist ein tolles Auto!" Das gelingt nur dem Fiat 500.

© SZ vom 13.06.2020

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