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Vanlife:Leben im Camper

Fotograf Ed Caraeff vor seinem VW-Campingbus.

(Foto: Ed Caraeff)

Ed Caraeff schoss eines der berühmtesten Fotos der Musikgeschichte, hatte Ruhm, Erfolg, Geld. All das gab er nach einer Krise auf - und erfüllte sich seinen größten Wunsch.

Auf dem wohl berühmtesten Bild von Jimi Hendrix kniet der Gitarrist auf dem Bühnenboden des Monterey Pop Festivals. Vor ihm seine Fender Stratocaster, die er wenige Augenblicke zuvor mit Feuerzeugbenzin angezündet hat. Seine Hände schweben über dem Instrument, seine Finger imitieren das Züngeln der Flammen, scheinen sie animieren zu wollen, immer höher zu schlagen. Es wirkt fast wie eine Beschwörung. Der Mann, oder besser der Junge, der dieses Bild mit 17 Jahren schoss, heißt Ed Caraeff und ist heute 67 Jahre alt. Seit seinem 15. Lebensjahr fotografiert er alles, was in der Musikwelt Rang und Namen hat. Jim Morrison, Tom Petty, Carly Simon, Frank Zappa, Tom Waits, die Bee Gees, die Liste ist endlos. Mehr als 300 Albencover stammen von ihm. Scheinbar ein Leben mit allem, was gemeinhin im Westen als Garant fürs Glücklichsein gilt: Ruhm, Erfolg, Geld.

Doch 2012 änderte sich für Ed Caraeff alles. Er saß bei seinem Kardiologen und erhielt das, was er heute seinen "Weckruf" nennt. Woran er erkrankt ist, will er nicht verraten, aber die Diagnose fiel mit dem Tod zweier enger Freunde und der Geburt seiner beiden Enkel zusammen. Es brachte ihn dazu, sein Leben komplett zu überdenken. Er erstellte etwas, dass die Amerikaner eine "Bucket List" nennen. Eine Übersicht der Dinge, die er in seinem Leben noch tun möchte. Für ihn stand darauf nur eine Sache: die USA bereisen, ganz ohne Verpflichtungen und genaue Pläne. Ein Jahr lang dachte er darüber nach, lieh sich immer wieder Campingmobile aus, um sein Vorhaben zu testen, wollte sicher sein, dass dies der richtige Weg für ihn ist. Bis er vor zwei Jahren den Mut aufbrachte. Er verkaufte all seinen Besitz, inklusive seines Hauses und seiner Fotos. Seitdem ist er ständig unterwegs - und fühlt sich besser als je zuvor.

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Sein VW-Camper heißt "Moonbeam"

"Mein Ziel ist ein Leben mit wenig Stress", sagt Caraeff. "Ich schlafe doppelt so lang, trinke weniger Espresso, bin mehr draußen unterwegs und wache langsamer auf", beschreibt er seinen entschleunigten Lebensstil. "Seit ich vor zwei Jahren in den Camper gezogen bin, war ich nicht einen Tag krank", verriet er dem Deutschlandfunk. Den blauen VW Westfalia, Baujahr 1990, schenkte ihm einer seiner Söhne, nachdem er von den Plänen seines Vaters erfahren hatte. "Ein wunderschönes Beispiel für deutsche Ingenieurskunst", schwärmt Caraeff von dem Bus, den er liebevoll "Moonbeam", also Mondstrahl, nennt.

An seinem Camper ist mittlerweile fast nur noch die blaue Farbe original. "Vieles wurde ersetzt, repariert oder meinen Wünschen entsprechend angepasst." Es gibt eine von der Sonne aufgeheizte Außendusche und viele Ventilatoren. Die Klimaanlage ist kaputt und Caraeff oft an Orten unterwegs, an denen hohe Temperaturen erreicht werden. "Hauptsächlich in Oregon, Texas, Kalifornien und den angrenzenden Staaten", so erklärt er seine Reiseplanung.

Er war vorher noch nie campen

Der Fotograf, der in den 80ern auch noch als Koch arbeitete und ein Restaurant eröffnete, liegt mit seinem Leben aus dem Bus voll im Trend. In den USA gibt es eine wachsende Bewegung von Menschen, die ihr altes Leben hinter sich lassen und in Kleinbussen dorthin fahren, wohin es sie treibt. Unter dem Hashtag #Vanlife teilen sie ihre Erlebnisse auf Instagram.

Viele von ihnen sehen so aus wie die Musiker, die Caraeff in seiner Jugend fotografierte. Lange Haare, alternative Kleidung, eine Mischung aus Hippies und Hipstern, Surfern und Skatern. Caraeff legt sich nicht fest, ob es dabei Ähnlichkeiten zwischen diesen Kulturen gibt. "Es gibt bestimmt welche. Aber ich habe einfach in den 60ern viel zu viel gearbeitet, als dass es mir auffallen würde." Das ist auch einer der Gründe, warum Caraeff inzwischen seit zwei Jahren in seinem Bus unterwegs ist. "Ich kannte nur die Arbeit in einer Karriere, von der ich nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt: Rock 'n' Roll-Fotograf." Bevor er das erste Mal in seinen VW stieg, war er kein einziges Mal zelten.

Trotzdem ist er jetzt Teil einer Gemeinschaft, die auch in Europa immer mehr Anhänger findet. Sie bauen alte Camping-Busse nach ihren Vorlieben um, teilen die Bilder auf Instagram - und leben einfach in den Tag hinein. Einige von ihnen nur am Wochenende, andere das ganze Jahr. Für manche ist es ein Hobby, andere nutzen ihren Status als Influencer und machen Werbung für Campingartikel, betreiben einen Blog oder schreiben Artikel. Auf großen Treffen begegnen sie sich und tauschen Erfahrungen aus. "Es ist einfach eine unglaubliche Gemeinschaft, eine Familie, ja, ein Stamm", sagt Caraeff.

Immer dem guten Wetter nach

Doch der Fotograf fällt aus dem Rahmen. Die meisten Vanlifer sind zwischen 20 und 35 Jahre alt und reisen zu zweit. Ihre Bilder auf Instagram wirken, wie vieles auf der Social-Media-Plattform, zu schön, um wahr zu sein. Eine inszenierte Scheinwelt, die andere vor allem neidisch machen soll. Bei Caraeffs Entscheidung für seinen neuen Lebensstil schwingt noch etwas Existenzielles mit. Er versucht, Zeit zu gewinnen.

"Noch einer, der ins Gras gebissen hat", schreibt er via Instagram am Todestag von David Cassidy, den er 1972 für sein Album "Rock Me Baby" fotografierte. Der Sänger der Partridge Family starb mit 67 Jahren. Genauso wie Tom Petty und Steely-Dan-Gitarrist Walter Becker in diesem Jahr. Ed Caraeff ist im gleichen Alter und wird sich immer mehr seiner Sterblichkeit bewusst, wie er selbst sagt. "Deswegen bin ich mit meinem Bus unterwegs." Er fährt mit seinem Camper der verlorenen Zeit hinterher und dem Tod davon. Wohin genau, das ist erst einmal egal. "Ich folge einfach dem guten Wetter", sagt Caraeff und lächelt zufrieden. Denn eines sei klar, sagt er und zitiert Jim Morrison: "Keiner kommt hier lebend heraus."

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Über seine Reisen berichtet Eddie Caraeff auf Instagram unter: thebucketlisttrip