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Unterwegs:Geschnatter in luftigen Höhen

Vor nicht allzu langer Zeit schickte sich der Herbst an, sich in einen ziemlich frostigen Winter zu verwandeln, da stand mitten in der Stadt vor dem Bahnhof ein Mann auf dem Bürgersteig und starrte mit weit zurückgelegtem Kopf in den Himmel. Ist er traurig? Ein Sonderling vielleicht? Ein Verzweifelter gar? Was gibt's denn da im Himmel rund um die Wolkenkratzer schon zu sehen? Da ist doch nichts!

Doch. Da sind sie: Wildgänse. In breiter V-Formation ziehen sie gelassen dahin. In ihrer Wolkenhöhe ist ihnen selbst ein Skyscaper kein Hindernis. Fast meint man, ihren Flügelschlag zu hören, würde der Schwarm nicht beim Flatterns noch viel lauter schnattern. Und immer mehr Vorbeigänger bleiben stehen und starren neidvoll der fröhlich miteinander schwatzenden Reisegruppe auf ihrem kostenlosen Urlaubsflug nach.

Wir Menschen waren früher schließlich auch mal Wanderer auf dieser Welt! Nicht nur Vom-Bett-ins-Büro-Reisende und retour. Und was, bitte, gibt's auf so einer Luftreise in irgendeinen wärmeren und sonnigeren Süden außer der Flugroute eigentlich noch so unentwegt zu beschnattern und zu beschreien? Eine ganze Menge anscheinend.

Und tritt man nun des Winters nachts noch mal ins Freie und hört wieder so eine fliegende Talkshow über sich dahin rauschen, die aus der Arktis und dem hohen Norden kommend es hier schon mallorcamäßig angenehm findet, wird man von einem tiefen Urgefühl ergriffen, einem steinzeitalten Wandervogel-Feeling, dem kann man sich kaum noch entziehen. Und man schwört sich: Irgendwann, wenn es hier so überhaupt nicht mehr auszuhalten ist, und selbst die Sibirische Graugans zitternd noch ein paar hundert oder gleich tausend Kilometer weiter fliegt, dann, ja dann, fliegen auch wir in den Süden! Denn irgendwo, so viel versteht selbst der Sesshafteste von diesem verführerisch vogelfreien Geschnatter, irgendwo anders auf der Welt ist es immer gerade schön.