Unterwegs auf der Route 66:Straße der Straßen

Unterwegs auf der Route 66: Eine Harley-Davidson vor dem Bagdad Cafe in Newberry Springs, Kalifornien, an der alten U.S. Route 66 - jetzt nur noch San Bernardino County Route 66. Das frühere Sidewinder Cafe wurde nach den Dreharbeiten für den Film "Out of Rosenheim" umbenannt.

Eine Harley-Davidson vor dem Bagdad Cafe in Newberry Springs, Kalifornien, an der alten U.S. Route 66 - jetzt nur noch San Bernardino County Route 66. Das frühere Sidewinder Cafe wurde nach den Dreharbeiten für den Film "Out of Rosenheim" umbenannt.

(Foto: AFP)

Auf fast 4000 Kilometern führte die Route 66 von Chicago nach Santa Monica. Lange galt sie als das Klischee von Freiheit und Abenteuer, heute verwahrlost sie an ihren wenigen Überbleibseln. Es lohnt sich dennoch, die Straße wiederzuentdecken.

Von Norbert Meiszies

Die Straße nach Seligman trägt einen berühmten Namen, Historic Route 66 steht auf dem Hinweisschild am Straßenrand. Das ist der richtige Moment, die passende Musik aufzulegen. CD rein in den Schacht der Musikanlage an der Harley-Davidson E-Glide und aus den Lautsprechern dröhnt es über den Highway: "Well, it winds from Chicago to L.A., more than 2000 miles all the way. Get your kicks on Route 66." Das Klischee wird Realität, davon träumen Motorradfahrer genauso wie all die USA-Touristen, die alljährlich im Van, Bus oder Oldtimer auf Spurensuche auf der wahrscheinlich bekanntesten Straße der Welt unterwegs sind.

Als Robert William "Bobby" Troup jr. 1946 den Song "Get Your Kicks On Route 66" komponierte, setzte er damit der "Mother Road", der Mutter aller Straßen, ein Denkmal. Der Refrain zählt Städte und Ortschaften entlang dem Streckenverlauf auf, zum Beispiel St. Louis, Oklahoma City, Amarillo, Flagstaff und Kingman - Winona nicht zu vergessen -, die heute mehr oder weniger die Geschichte der Route 66 bewahren.

Wer es eilig hat, nimmt den Highway. Die Route 66 ist der Geheimtipp für Genießer

Von Kingman kommend befährt man einen der längsten und am besten erhalten gebliebenen Abschnitte der ersten Transkontinentalverbindung zwischen den Metropolen im Osten der USA mit denen im Westen. Die Interstate 40, die eilige Menschen geradewegs nach Flagstaff bringt, ist weit weg. Hierhin verirren sich nur Leute mit Zeit, echte Fans, die nach den versteckten Erinnerungsstücken an der Route 66 Ausschau halten.

Etwa den Hackberry General Store. War man zu schnell, ist man schon dran vorbei. Kein Hinweisschild und weit und breit und keine Ortschaft weisen auf eines der markantesten Relikte aus der Geschichte der Route 66 hin. Aus dem Augenwinkel nimmt man den etwas versetzt, abseits der Straße gelegenen Krämerladen zunächst als eine Bretterbude wahr, dann fällt auf dem Dach das riesengroße, leuchtend rote Werbeschild in Form eines fliegenden Pferdes auf, danach unter dem Vordach die genauso rot funkelnde 1956er-Corvette der Ladenbesitzer Kerry und John Pritchard. Die alten Tanksäulen von Mobilgas, der angerostete Ford Modell T und die zahlreichen weiteren alten Plakate aus Blech sehen aus wie aus der Zeit gefallen.

Der Highway 66 versprach ein besseres Leben

John Steinbeck fällt einem ein, der in "Früchte des Zorns" über die Flucht der mittellosen Farmer, den sogenannten Okies, aus dem von Sandstürmen und Dürre gepeinigten Mittleren Westen schreibt, den "Dust Bowls" von Oklahoma und Texas, wo man sich über den Highway 66 zu den Obstplantagen in Kalifornien aufmachte und sich ein besseres Leben versprach. Einer dieser Glücksritter war eben auch Bobby Troup, als er nach Los Angeles aufbrach, um dort als Musiker sein Glück zu machen.

Die 2448 Meilen (knapp 4000 Kilometer) lange Strecke zwischen Chicago und Los Angeles gilt seitdem für viele Abenteurer und Reisende als fast schon klischeehaftes Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. Dabei hat die einstmals wichtigste Ost-West-Verbindung längst ihre Bedeutung verloren. Sie wurde von mehrspurig ausgebauten Interstates abgelöst, die einen geraden und damit kürzeren Weg durchs Land wählen.

Einst Drehkreuz, später Geisterstadt

Angel Delgadillo

Angel Delgadillo kann Route-66-Reisenden aus erster Hand über Aufstieg und Niedergang der Straße erzählen.

(Foto: AP)

Seit dem 13. Oktober 1984 ersetzt der Interstate 40 die letzten 5,7 Meilen der ursprünglichen Route 66 in Williams/Arizona. Die alte, einspurige und kurvenreiche 66 existiert zwar weiterhin, rund 80 Prozent des Weges sind immer noch befahrbar, aber häufig liegt sie versteckt und ist nicht ausgeschildert. Die längsten, zusammenhängenden Teilstücke findet man vor allem im Westen der USA, in Arizona und Süd-Kalifornien.

Zu denen, die die Mother Road nicht losgelassen hat, gehört Bob Waldmire, ein Hippie aus Illinois, der sein Geld mit dem Malen von Bildern verdiente. Seit den 1960er-Jahren bereiste er den Highway mit einem VW-Bus, verkaufte Postkarten, Sticker und Bilder mit Motiven entlang der Mother Road. Dabei kam er auch am verwahrlosten Hackberry General Store vorbei, der 1934 außerhalb der einstigen Bergbaustadt Hackberry errichtet worden war. An der Route 66 war der Laden ein wichtiger Umschlagplatz für Viehtransporte und versorgte die Reisenden mit Benzin und Proviant. Mit dem Bau der Schnellstraße verloren Stadt und Laden ihre Existenzgrundlage. Hackberry wurde eine Geisterstadt, der Store 1978 geschlossen. Als Waldmire das Geschäft 1992 als Visitor Center wiedereröffnete, war er der einzige Einwohner von Hackberry.

Tankstellen waren Treffpunkte: Da gab es die coolsten Autos und die hübschesten Mädchen

Die meisten der früher an der Sixtysix gelegenen Orte, Geschäfte, Hotels, Tankstellen und Diners haben den Wandel nicht überlebt. Sie mussten schließen und verfallen seitdem. Auch die Mother Road hat gelitten, Grasbüschel brechen an vielen Stellen den Asphalt auf, Wind und Wetter erledigen den Rest. Von diesem Charme des Verfalls lebt die Route 66 - teilweise sogar richtig gut. Wie der 66-Diner in Albuquerque oder das "El Rancho" Hotel in Gallup, Kultorte das eine wie das andere. Andere sind bloße Fassaden.

Zum Beispiel Oatman in Kalifornien, in den 70er-Jahren ebenfalls zur Geisterstadt verkommen. An einem der schönsten Streckenabschnitte der Route 66 gelegen, lockt die einstige Goldgräber-Hochburg mittlerweile jährlich rund eine halbe Million Besucher mit einer Wild-West-Show auf Kindergeburtstags-Niveau und Sixtysix-Andenken made in China. Zum Glück entschädigt die erlebnisreiche Fahrt über den Sitgreaves Pass für den Touri-Zirkus.

Der Nostalgiebonus ist vielerorts aufgebraucht

Legende und Traum in Amerika: Route 66 in den USA

Vierlerorts bröckelt der Asphalt: Seitdem die großen Interstates existieren, verwahrlost die Route 66.

(Foto: AFP)

Selbst Seligman, der Ort in Arizona, der sich als Geburtsstätte des 66-Revivals bezeichnet, erinnert mittlerweile eher an einen Andenkenladen als an ein Refugium zur Bewahrung der Geschichte, das sich erfolgreich gegen den 66-Ausverkauf gewehrt hat. Die unvergesslichen Momente, wenn der 2004 verstorbene Juan Delgadillo und sein heute fast 90-jähriger Bruder Angel den Reisenden in ihrem Schnellrestaurant und dem legendären Friseurladen vom Aufstieg und Niedergang der Route 66 aus erster Hand erzählten, gehören bald der Vergangenheit an. Viele der alten Hotels und Diners haben ihren Nostalgiebonus aufgebraucht und müssten renoviert werden. Doch frisches Blut fehlt, die Bewahrer der Historic Route 66 sterben langsam aus.

So gibt es immer weniger Zeugen und Zeugnisse jener Zeit, wohin der Massentourismus noch nicht vorgerückt ist. Ausnahmen sind das Wigwam Motel in Holbrook oder Roy's Cafe im Niemandsland von Amboy. Und hätten John und Kerry Pritchard nicht 1998 zufällig in Hackberry Stopp gemacht, dann gäbe es wahrscheinlich den General Store auch nicht mehr. Bob Waldmire hatte sich nämlich mit den Behörden angelegt. Er hatte sich nicht einigen können über die Verwendung öffentlichen Grundes und zog wieder nach Chicago, nachdem ihm die Eheleute Pritchard zugesagt hatten, den General Store als Route-66-Museum aufrechtzuerhalten.

"Alles, was die Vereinigten Staaten von Amerika ausmachen"

"Wir hatten eigentlich nie geplant, den Laden zu erwerben", erzählt der Geschäftsmann aus Washington. "Wir wollten Bob eigentlich nur helfen, das Dach zu reparieren." Die Pritchards versetzten dann den ganzen Laden wieder in seinen ursprünglichen Zustand aus den 40er- und 50er-Jahren, restaurierten die alten Tanksäulen und bestückten ihn mit den Fundstücken aus der Zeit der Route 66, die sie seit mehr als 35 Jahren gesammelt hatten. Der General Store ist dennoch kein steriles Museum, er lebt. Der Besucher wandelt zwischen alten Büchern, Jukebox, Fotos, Bollerofen, Memorabilien und T-Shirts durch einen traditionellen Lebensmittelladen, der das Nötigste führt, was ein Reisender heutiger Zeit so braucht: Cola, Kracker, Kaugummi.

Die Tankstelle mit Tante-Emma-Laden gehört zum amerikanischen Leben wie hierzulande das Weizenbier zur Weißwurst. "Wir hingen früher immer an der Gas Station herum. Da gab es die coolsten Autos und die hübschesten Mädchen. Wir lebten praktisch an der Tankstelle", beschreibt Pritchard sein Verhältnis zu dieser ur-amerikanischen Institution. "Jetzt bin ich wieder da, der Kreis schließt sich."

Auf die Frage, ob es auch eine andere als die an der Route 66 hätte sein können, hat er eine klare Antwort: "Nein, wer von Chicago nach Los Angeles fährt, sieht alles, was die Vereinigten Staaten von Amerika ausmachen. Er sieht die Großstadtlichter von Chicago und St. Louis, die Weite des Mittleren Westens, Texas, die Cowboys und Indianer, die Wüsten und die Küste von Kalifornien. Das alles an einer einzigen Straße. Wo gibt es das sonst noch?"

© SZ vom 28.06.2014/hart
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