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Ungewöhnliches Motorenkonzept:Fünfzylinder bei Audi: Anarchie im Motorraum

Audi Sport Quattro

Der Audi Sport Quattro ist bei seinem Debüt 1983 das teuerste Serienauto aus deutscher Produktion. Und er hat einen Fünfzylindermotor.

(Foto: Audi AG)

Wie sonst kaum etwas verleiht er einem Audi Emotionen. Dabei ist der Fünfzylindermotor, der im Quattro und im Motorsport zur Ikone wurde, ursprünglich als Notlösung entstanden.

Die Melodie hat ihren ganz eigenen Rhythmus. 1-2-4-5-3: Es ist die Zündfolge, die den rauen und unrunden, damit aber auch sehr speziellen Motorklang entwickelt. Der Fünfzylinder ist eine der wenigen Unangepasstheiten in der gewaltigen Gleichmacherei, die den modernen Automobilbau kennzeichnet. Außer Audi traut sich derzeit kein Autohersteller, den Punk unter den Motoren in seine Autos einzubauen. Audi ist eine von wenigen Marken, bei denen dieses Triebwerkskonzept eine Historie entwickelt hat - eine mit Unterbrechungen 40 Jahre währende und sehr bewegte.

Als 1976 Audis erster Fünfzylinder debütiert, ist der Werdegang des Motors noch nicht abzusehen. Sicher, die 136 PS starke Einspritzerversion - parallel gibt es eine Vergaservariante mit 115 PS - spielt die Rolle des Top-Aggregats in der damals neuen zweiten Generation des Audi 100. Aber sie steckt eben auch in der biederen Limousine einer Marke, die zwar dezent nach oben strebt, aber noch lange nicht den BMW- und Mercedes-ähnlichen Status genießt wie heutzutage. Die Mittelklasse-Konkurrenten aus München und Stuttgart fahren unter anderem mit prestigeträchtigen Sechszylindern - und dem neuen Audi mit dem eigenwilligen Motor in punkto Leistung und Schnelligkeit davon.

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Die Antriebsquelle des legendären Urquattros

Ebenfalls auf den Sechszylinder umzusteigen, kommt für die Ingolstädter Ingenieure in den Folgejahren nicht infrage. Im Motorraum der Audi-Modelle gibt es zu wenig Platz, und ein schwererer Reihensechser würde sich ungünstig auf die Gewichtsverteilung auswirken. Die vor der angetriebenen Vorderachse eingebauten Motoren würden die Autos mit den vier Ringen noch "kopflastiger" machen als ohnehin schon. Um trotzdem mit einem BMW 528i oder Mercedes 280 E W123 mithalten zu können, laden Audis Techniker ihren Fünfzylinder lieber per Turbolader auf. Die Konstruktion leistet 170 PS und kommt zum Jahresanfang 1980 erstmals im damaligen Topmodell Audi 200 5T zum Einsatz.

Wenige Wochen später gibt es einen Popularitäts- und Imageschub für den Motor. Auf dem Genfer Autosalon präsentiert Audi mit dem Urquattro sein erstes Sportcoupé nach dem Zweiten Weltkrieg. Der bringt einerseits den Allradantrieb in die Großserie und zeigt damit, dass vier angetriebene Räder nicht nur Offroader besser voranbringen, sondern auch Sportwagen. Andererseits zeigt er, dass ein solcher Dynamiker mit einem Fünfzylinder angemessen motorisiert sein kann. Wie in der ursprünglichen Version von 1976 hat der Motor nur 2,1 Liter Hubraum, aber die Turboaufladung entlockt ihm 200 PS. Um das einzuordnen: Ein Porsche 911 leistet zu diesem Zeitpunkt 204 PS.

720 PS aus nicht einmal 2,2 Litern Hubraum

Welches Potenzial dem Triebwerk innewohnt, zeigt es im Motorsport. Auf den internationalen Rallyepisten fährt der Quattro den Gegnern zeitweise davon, auch weil der Motor mächtig an Kraft zulegt. Bis 1986 erstarkt der Fünfzylinder in den diversen Rennversionen auf offiziell 450 PS, in Wahrheit dürften es mehr als 500 PS gewesen sein. 1987 bricht Walter Röhrl mit dem Audi Sport Quattro S1 alle Rekorde des legendären Bergrennens am Pikes Peak in Colorado; der Motor leistet nun fast 600 PS. Als Audi in den Folgejahren die amerikanische Tourenwagenszene aufmischt, klettert die Leistung zeitweise sogar auf 720 PS.

Auch in den Serienautos wird der Motor immer kräftiger. Das Maximum waren 315 PS aus 2,2 Litern Hubraum im zwischen 1994 und 1996 gebauten und gemeinsam mit Porsche entwickelten Sportkombi RS2 Avant. Doch bei all dem Streben nach Höchstleistung wird gerne vergessen, dass Audis Fünfzylinder auch ganz bescheiden auftreten können. Es gibt sie nämlich auch als Diesel. Der erste von ihnen startete 1977 mit schmächtigen 70 PS, mit Turboaufladung und Ladeluftkühlung geht es später auf bis zu 100 PS hinauf.