Umstrittener Biokraftstoff Autobranche: E10 schädlicher als bislang bekannt

Autofahrer misstrauen E10 und tanken lieber Super plus. Zu Recht, sagen Experten der Autobranche. Auch die FDP will nun die Einführung unterbrechen.

E10, Super, Super plus - viele Autofahrer sind beim Stopp an der Tankstelle verunsichert. Zwar verteidigen Koalitionspolitiker die Einführung des neuen Biosprits vehement, doch die Kunden wollen das Ökobenzin trotzdem nicht annehmen. Die Opposition sieht in der Bundesregierung die Schuldigen für das Desaster. Ein Benzin-Gipfel am Dienstag soll endlich das weitere Vorgehen festlegen.

Kein Biosprit E10 an der Tankstelle: Der Widerstand aus Politik und von Umweltverbänden gegen den Kraftstoff wächst.

(Foto: dapd)

In der FDP werden bereits Rufe laut, die weitere Einführung um einige Monate zu verschieben. Auf ein paar Monate mehr oder weniger käme es beim Verkaufsstart von E10 nicht an, sagte der verkehrspolitische Sprecher der Liberalen im Bundestag, Patrick Döring, dem Tagesspiegel von Montag. Die Autofahrer müssten zunächst Klarheit und Sicherheit bekommen, dann würden sie den Kraftstoff auch kaufen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) verteidigt derweil den umstrittenen Biokraftstoff E10. "Die Einführung von Biokraftstoffen dient dazu, unsere Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Darüber gibt es einen Konsens über die Parteigrenzen hinweg", sagte Röttgen. Er widersprach der Behauptung, der mit biologisch gewonnenem Ethanol versetze Sprit würde zwangsweise eingeführt: "Die Politik verpflichtet die Industrie lediglich zur Einhaltung einer bestimmten Biokraftstoffquote, die zwar gestiegen, aber nicht neu ist und bislang immer so gut wie erfüllt werden konnte."

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) macht die Benzinhersteller für das Chaos bei der E10-Einführung verantwortlich. "Die Mineralölwirtschaft muss die Informationsdefizite erläutern und die Aufklärung der Verbraucher wesentlich verbessern", forderte der Minister. "Die Verwirrung an der Zapfsäule muss ein Ende haben."

Die Opposition gibt jedoch der Bundesregierung die Schuld an dem Desaster. Die bevorstehende Zusammenkunft am Dienstag sei eher "ein Gipfel der Nachsorge, weil die Bundesregierung die vorsorgende Koordination vergessen hat", sagte der Vorsitzende des Verkehrausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne). Er fordert ein vorläufiges Aus für das Biosprit-Projekt. Es müsse zunächst geklärt werden, welche Motoren den Sprit wirklich vertragen und worin der ökologische Nutzen bestehe.

Der Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Holger Krawinkel, hält die Verbraucherproteste gegen E10 für "völlig rational". Dem Autofahrer werde ein ökologisch fragwürdiger Kraftstoff mit geringerer Energiedichte aufgenötigt, der zu Mehrverbrauch führt und ohne jeden Garantieanspruch den Motor schädigen könne, worüber sich der Autofahrer aber selbst die nötigen Informationen beschaffen solle. "Kein Wunder, dass der dann sagt: Ihr könnt mich grad mal", sagte Krawinkel.

Aus seiner Sicht sei der Kunden-Aufstand eigentlich eine gute Nachricht. "Die Politik muss sich jetzt endlich überlegen, wie sie die ökologische Erneuerung des Energiesystems vom Kopf auf die Füße stellt."

E10 möglicherweise schädlicher als gedacht

Auch der Leiter der Mechanikentwicklung bei BMW, Thomas Brüner, hält E10 für gefährlicher als bislang bekannt. E10, bei dem herkömmlichem Benzin zehn Prozent Ethanol aus Getreide und Zuckerrüben beigemischt ist, könnte dafür sorgen, dass Motoren schneller verschleißen, so Brüner. Durch den hohen Ethanolanteil nehme die Wassermenge im Motor zu, es kondensiere und gelange ins Öl, das so dünner wird und schneller altert. Das bedeute wiederum kürzere Ölwechselintervalle zulasten des Kunden.

Ob es so weit kommt oder der in Deutschland verkaufte E10-Sprit gut genug ist, wissen die Autobauer laut Brüner noch nicht. BMW will nun gemeinsam mit dem Konkurrenten Daimler Tests durchführen, um die Wirkung des Biosprits genauer zu untersuchen.

Weil verunsicherte Autofahrer trotz der höheren Preise lieber Super Plus als E 10 tanken, gibt es derzeit ein Überangebot des Biokraftstoffs und Engpässe bei Super Plus. Der Mineralölwirtschaftsverband hatte daher am Donnerstag angekündigt, vorerst keine weiteren Raffinerien auf die Produktion des neuen Treibstoffs umzustellen.

Nach Informationen aus der Branche lehnten 60 bis 70 Prozent der Autofahrer ab, die neue Spritsorte zu tanken. E10 wird seit Beginn des Jahres in Deutschland eingeführt. Damit soll der Ausstoß des Klimagases CO2 reduziert werden - trotz der Mahnung von Umweltverbänden, die glauben, dass die Klimabilanz von E10 sogar negativ ist.