bedeckt München 32°

Tricks der Autoindustrie:Tricksen bei den Ausrollversuchen

Das eindeutige Ergebnis gilt als Überraschung, denn die Studie konzentriert sich auf ein einziges Element der Prüfverfahren, das aber laut ICCT "erheblichen Einfluss" auf die Abgaswerte hat: sogenannte Ausrollversuche. Dafür werden Modelle im europäischen Zulassungsverfahren über abgesperrte Teststrecken geschickt und beschleunigt. Dann rollen sie im Leerlauf aus. Das Ergebnis: der Fahrwiderstand eines Autos. Er gilt als wichtige Basis für alle Abgastests. Rollt der Wagen weit, sind später auch die Laborwerte beim CO₂-Ausstoß und dem Benzinverbrauch bestens.

SZ-Grafik; Quelle: ICCT

Hinter vorgehaltener Hand sprechen Prüfer darüber, wie solche Tricks funktionieren. Mal nutzen Hersteller Strecken, die minimal abschüssig sind. Mal kleben sie Belüftungsschlitze für den Motor ab. Mal könnten sie schwere Räder an das Auto montieren, denn die halten es länger in Bewegung. Das wäre zwar illegal, auffallen können Hersteller aber eigentlich nicht. Prüfer müssten bei solchen Zulassungstests für neue Modelle die Räder untersuchen, um die Tricks zu erkennen. Doch das ist in den Regeln gar nicht vorgesehen. Die Hersteller weisen den Verdacht illegaler Eingriffe zurück.

Die Regierung zweifelt an den CO₂-Werten der Hersteller

Was technisch klingt, hat nicht nur auf die Umwelt und den Geldbeutel der Fahrer spürbaren Einfluss. Auch für Konzerne und Politik steht viel auf dem Spiel. So sollen Autohersteller künftig Strafen zahlen, wenn sie Grenzwerte des Treibhausgases verfehlen: 95 Euro pro verkauftem Neuwagen und je Gramm Überschreitung. Einen Autohersteller, der wie Daimler in Europa rund eine Million Autos verkauft, würde eine siebenprozentige Abweichung vom Grenzwert etwa eine Milliarde Euro an Strafzahlungen bedeuten. Zudem wirkt sich der CO₂-Wert auf die Höhe der Kfz-Steuer der Kunden - und damit auch auf den Bundeshaushalt aus.

Die Bundesregierung hatte zuletzt bereits Zweifel an den CO₂-Werten der Hersteller angedeutet. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) will möglicherweise auch den CO₂-Ausstoß von Autos auf Unregelmäßigkeiten überprüfen lassen. Die Untersuchungskommission, die für die Aufklärung der durch Volkswagen ausgelösten Abgasaffäre geschaffen wurde, solle bestehen bleiben. Das Gremium werde weiter benötigt, sagte er der SZ. "Stickoxid steht gerade im Vordergrund, aber auch CO₂ kann uns beschäftigen." Die Aufklärungsarbeit sei noch nicht zu Ende.

Umweltschützer kritisierten die Praxis hart: "Spätestens seit dem Abgas-Skandal ist allen klar, dass die veröffentlichten Abgaswerte mit der Realität nur wenig zu tun haben", warnt BUND-Chef Hubert Weiger. Erforderlich seien unabhängige und realistische Messungen im Straßenbetrieb.

© SZ vom 10.05.2016/harl
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB