Tricks der Autoindustrie Der Abgasskandal weitet sich aus

Ein VW Amarok bekommt im Rahmen der Rückrufaktion eine neue Motor-Software, die den Stickoxidausstoß senken soll.

(Foto: dpa)
  • Einer Studie der Umweltorganisation ICCT zufolge schönen die Autohersteller nicht nur die Stickoxid-Werte, sondern auch die CO₂-Angaben ihrer Autos.
  • Besonders intensiv wird demnach bei den Ausrollversuchen getrickst, die eine wichtige Basis für alle Abgastests sind.
  • Die in den ICCT-Tests ermittelten Werte wichen im Schnitt sieben Prozent von den offiziellen Herstellerangaben ab.
Von Markus Balser, Berlin, und Klaus Ott

Wie viel CO₂ das Land ausstößt? Deutschlands Klimaexperten des Umweltbundesamts sitzen in einem bunten Bürobau am Rande der Dessauer Innenstadt und rechnen. Erst im März sorgten neue Daten der Behörde für Ernüchterung. Nach einem Rückgang der Treibhausgas-Emissionen 2014 stiegen sie 2015 schon wieder an. Damit wurde klar: Ausgerechnet der Energiewende-Vorreiter Deutschland kommt beim Klimaschutz einfach nicht voran. Für die Bundesregierung ist das ein herber Rückschlag. Denn bis zum Jahr 2020 sollen die Treibhausemissionen gegenüber 1990 eigentlich um 40 Prozent sinken.

Vor allem ein Sektor hinkt beim Klimaschutz gewaltig hinterher: Der Verkehr verursacht in Deutschland jedes Jahr 162 Millionen Tonnen CO₂ - das sind fast 20 Prozent der Gesamtemissionen. Gesunken sind sie seit zweieinhalb Jahrzehnten trotz politischen Drucks kaum.

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Schönen die Hersteller auch bei den CO₂-Angaben?

Wie das sein kann, obwohl die Grenzwerte etwa für Autos doch seit Jahren immer strenger werden? Die bei Autoherstellern gefürchtete internationale Umweltorganisation ICCT macht in einer neuen Studie klar, warum in Deutschland in der Verkehrs- und Klimapolitik Wunsch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklaffen.

Denn laut ICCT tricksen Autokonzerne nicht nur bei Stickoxiden. Dem Papier zufolge, das am Dienstag veröffentlicht wird, schönen sie auch den CO₂-Ausstoß - und damit den Kraftstoffverbrauch. "Die Diskrepanz zwischen offiziellen und realen CO₂-Emissionen für Neufahrzeuge in Europa ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen und beträgt inzwischen rund 40 Prozent", sagt Direktor Peter Mock.

Schlupflöcher in den Testprozeduren

Laut Studie findet ein Großteil der von den Herstellern versprochenen CO₂-Einsparungen im Verkehr bisher nur auf dem Papier statt. Der Grund laut ICCT: Die Fahrzeughersteller haben in den vergangenen Jahren damit begonnen, systematisch Schlupflöcher in den Testprozeduren auszunutzen. Die Fahrzeuge werden immer weiter auf den Test im Labor optimiert. Die in der Praxis erreichten CO₂-Einsparungen sind weitaus geringer.

Die Umweltorganisation ICCT gilt als Schrecken der Autoindustrie. Ihre Nachforschungen hatten schon den Fall VW rund um die manipulierte Testsoftware ins Rollen gebracht. Der Abgas-Skandal weitet sich damit erneut aus. Das ICCT untersuchte 19 Modelle und verglich eigene Tests mit offiziellen Daten. Ergebnis: Kein einziges erreichte bei Nachmessungen die CO₂- und Verbrauchswerte der Hersteller. Die Werte der getesteten Modelle von Audi, BMW, Dacia, Fiat, Mercedes, Mitsubishi, Opel, Peugeot und VW lagen um 0,7 bis 14,5 Prozent über den offiziellen Angaben. Im Durchschnitt wichen sie gut sieben Prozent ab.

Die Studie bringt damit bei einem Drittel der CO₂-Abweichung Licht ins Dunkel.