Alternative zum Fahrrad:Tanzend auf dem Tretroller

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Alternative zum Fahrrad: Ein Tretroller für Erwachsene der Firma Puky.

Ein Tretroller für Erwachsene der Firma Puky.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Gefährt nur für Kinder? Nicht ganz. Auch Erwachsene entdecken das flinke Zweirad für sich - aus verschiedenen Gründen.

Von Joachim Göres

Tretroller? Das ist doch etwas für Kinder! Auf diese Haltung trifft Matthias Stanke häufiger bei Männern, die ihre Frauen in seinen Laden in Celle, etwa 45 Kilometer nordöstlich von Hannover gelegen, begleiten. Der Laden trägt den passenden Namen "Tretrollerliebe"; und Stanke bietet dort mehr als 30 Tretroller-Modelle für Erwachsene an. "Viele Männer kommen mit einem süffisanten Lächeln rein", erzählt Stanke. "Wenn sie dann sehen, wie ihre Frau sich nach den ersten Proberunden mit dem Tretroller schnell und sicher fortbewegt, wollen sie es selber einmal ausprobieren und kommen auch auf den Geschmack."

An diesem Vormittag berät er Maria-Elisabeth Schmidt, die zusammen mit ihrer Schwester aus dem 70 Kilometer entfernten Wolfenbüttel nach Celle gekommen ist - Tretrollerläden sind noch eine Seltenheit im Land. Schmidt sucht nach einer Alternative zum Fahrrad, denn beim Radfahren tun ihr stets die Schultern und der Hals weh. Nach einem gut einstündigen Vortrag mit Informationen wie "Tretroller müssen immer auf dem Fußgängerweg fahren" geht es an die Praxis. Den Fuß vorne aufs Trittbrett setzen, beim Schwungholen mit dem starken Bein beginnen und regelmäßig mit dem anderen Bein abwechseln, den Oberkörper beim Fahren nach vorne beugen - einige der Anweisungen, die Schmidt beim Ausprobieren von verschiedenen Modellen beherzigt. Verkäufer Stanke beobachtet die Kundin aufmerksam - und gibt Tipps: "Du kannst das freie Bein weiter nach hinten ausschwingen und das Knie nach vorne höher ziehen, um mehr Schwung zu holen."

Training für die Rumpfmuskulatur

Nach einiger Zeit hat Tretroller-Interessentin Schmidt konkrete Fragen: "Kann man den Lenker nicht noch höher stellen?", will sie wissen. "Nein, der ist auf der Standardhöhe eingestellt", entgegnet Stanke und fügt hinzu: "Du musst deine Rumpfmuskulatur trainieren, dann bereitet dir das Vorbeugen keine Probleme." Beim dritten Modell schließlich ist Schmidt zufrieden. Es ist aus Stahl und etwas schwerer als die ersten beiden. "Es ruckelt nicht so beim Fahren, das empfinde ich als sehr angenehm", sagt sie und entscheidet sich für den Kauf. 380 Euro kostet der Tretroller aus Stahl. Die anderen Modelle sind deutlich teurer.

Tretroller für Erwachsene - dabei geht es um Modelle mit einer Radgröße von mindestens 16 Zoll, die keinen Motor haben. Meistens ist das Vorderrad etwas größer als das Hinterrad. Je tiefer das Trittbrett angebracht ist, umso weniger wird die Hüfte belastet. "Luftgefüllte Reifen sind für die Gelenke besser als harte Bereifung", sagt Stanke. Aluminiumroller sind leichter, Roller aus Stahl federn dagegen besser beim Fahren. Und sie gibt es im Gegensatz zu den meisten Alumodellen auch als Klapptretroller. Am rund ein Meter hohen Lenker sind links und rechts Handbremsen für das Vorder- und Hinterrad befestigt. Gepäck kann durch allerlei Zubehör am Lenker angebracht werden. Stanke: "Die meisten meiner Kunden sind 50 Jahre und älter, haben körperliche Einschränkungen und wollen etwas für die Bewegung tun."

Mit dieser Personengruppe hat Henrik Behrens beruflich zu tun. Der Ergotherapeut aus Peine behandelt häufig Menschen nach einem Schlaganfall und setzt dabei auch Tretroller ein. "Das hängt immer vom individuellen Fall ab, eine gewisse Stabilität und Koordinationsfähigkeit müssen vorhanden sein", sagt Behrens, der schon vielen Patienten die Anschaffung empfohlen hat. Der Tretroller sei ein tolles Trainingsgerät, um die Beinmuskulatur zu stärken und die Koordination zu fördern. Auch für das Ausdauertraining, bei Depressionen und bei beginnenden Rückenschmerzen könne der Tretroller hilfreich sein. "Er kann bei Problemen mit den Gelenken auch eine Alternative zum Joggen sein", sagt er. Die Bewegungen auf dem Roller schonten die Gelenke.

Rückenschmerzen sind kein Thema mehr

Auch Martha Priesemann ist vor drei Jahren auf einen Tretroller umgestiegen. Heftige Schmerzen an Schulter und Nacken bereiteten der 68-Jährigen beim Radfahren Probleme. Mit dem Tretmobil sind diese nun verschwunden. "Der Rücken muss auf dem Roller viel mehr arbeiten als auf dem Fahrrad, der Körper wird so beweglicher", sagt die Frau aus Sehnde bei Hannover. Sie fühlt sich nicht nur beweglicher, sondern auch mobiler. Ihren 16-Zoll-Tretroller könne sie kostenlos in der S-Bahn mitnehmen, erzählt sie. "Der ist in den Bahnhöfen viel leichter zu tragen als ein Fahrrad. Neulich bin ich mit der Bahn in den Deister gefahren und die knapp 40 Kilometer zurück mit dem Tretroller."

Auf gut 4000 Tretroller-Kilometer kommt sie im Jahr. Das Wichtigste beim Tretroller-Fahren sei der Wechsel der beiden Beine, sagt sie. Während der Fahrt müsse man ständig das Stand- und das Anschwungbein wechseln, um eine Seite nicht zu überlasten - der 68-jährigen Priesemann bereitet das keine Schwierigkeiten: "Das ist wie beim Tanzen vom Cha-Cha-Cha, man dreht einen Fuß rein aufs Brett und den anderen raus."

Sie berichtet von weiteren Vorteilen des Tretrollerfahrens: Weil sie auf dem Roller mit etwas weniger Tempo unterwegs sei als auf dem Fahrrad, bekomme sie mehr von der Umwelt und der Natur mit. Auch sei das Fahren auf dem Fußgängerweg entspannter, da man bei fehlenden Fahrradwegen nicht wie früher die Straße benutzen müsse. Und bei Regen werde man durch die aufrechte Position nicht so nass wie auf dem Fahrrad. Der Roller sei pflegearm und kaum reparaturanfällig. Und dann könne der Tretroller auch ganz einfach von Familienmitgliedern oder Freunden genutzt werden, ohne dass ein Sattel neu eingestellt werden müsse. Einfach drauf und los! Von diesen Vorzügen hat sie inzwischen auch ihren Mann überzeugt, mit dem sie gerne teils ausgedehnte Ausflugsfahrten durch die Natur unternimmt - jeder auf seinem eigenen Tretroller.

Streitthema E-Scooter

Es sind zudem noch Abwandlungen von Tretrollern erhältlich: Ein Kickboard zum Beispiel weist vorne zwei Räder und hinten ein Rad auf, beide sind meist deutlich kleiner als beim Tretroller. Der Lenker endet nicht in einer Querstange, sondern einem runden Knauf. Diese Kombination aus Roller und Skateboard wird auch über die Verlagerung des Körpergewichts gesteuert. Ähnlich sieht es bei den sogenannten Stuntscootern aus: Die haben sehr kleine Räder. Und sie werden vorwiegend von jungen Leuten gerne als Sportgerät zum Beispiel für Sprünge in Skateparks genutzt.

So sehr Nutzerinnen wie Martha Priesemann ihren Tretroller auch preisen, bei einem Thema ändert sich die Stimmung schlagartig: E-Scooter. Seit etwas mehr als zwei Jahren sind die kleinen elektrisch angetriebenen Roller in immer mehr Städten unterwegs; Vermietunternehmen wie Tier, Lime, Dott oder Voi hatten auf einen riesigen Markt gehofft und viele Kommunen nahezu überschüttet mit ihren Fahrzeugen. "Ich finde es absurd, dass sie als das Nonplusultra der Verkehrswende gepriesen werden, mit denen man die letzte Meile überwinden kann", schimpft Priesemann. "Diese Teile versperren die Fußwege. Sie sind nicht klimaneutral, sondern verbrauchen Strom. Und sie müssen umweltschädlich mit Transportern eingesammelt werden." Dieser ganze Aufwand sei unnötig. "Wenn schon Verleih, dann Tretroller", sagt sie. Aber eben ohne Motor. Wobei es mittlerweile auch klassische Tretroller mit Motorunterstützung zum Beispiel für hügelige Landschaften gibt.

Eine Übersicht über Vermieter und Händler findet man unter www.tretroller-magazin.de. Allerdings muss man gegenwärtig bei zahlreichen Modellen mit einer gewissen Wartezeit rechnen - viele Komponenten werden in China hergestellt, und von dort kommen Lieferungen häufig mit Verspätung an.

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