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Fahrbericht Vespa Elettrica:So fährt sich der Kultroller mit E-Antrieb

Die blauen Elemente am Blechkleid zeigen: Dies ist eine Elettrica.

(Foto: Piaggio)

Nach zahlreichen Ankündigungen ist die elektrifizierte Vespa nun erhältlich. Im Test zeigt sich: Der Stromer ist flott unterwegs, hat aber seine Tücken.

Der Motor der schweren Moto Guzzi, die gerade an der Ampel direkt neben einem angehalten hat, blubbert vernehmlich. Sobald die Ampel auf Grün springt, gibt ihr Fahrer kräftig Gas; mit einem eindringlichen "Wruuumm" rauscht die Italienerin davon. Man selbst dagegen kommt zwar ebenfalls rasch weg von der Ampel. Doch anders als die Moto Guzzi ist von der Italienerin unter dem eigenen Hintern allenfalls ein leises Surren zu hören. Der Vorteil der neuen Vespa Elettrica liegt somit klar auf der Hand: Die direkte Umwelt fühlt sich durch den Elektroantrieb weniger gestört.

Mehrmals schon hatte der Vespa-Hersteller Piaggio eine elektrische Version seines von vielen als Kultmobil verehrten Motorrollers angekündigt; auf diversen Zweiradmessen wurden zunächst nur die Karosserie gezeigt und einige Technikdetails verraten, seit diesem Frühjahr nun steht die Elettrica bei den Händlern, auch bei Alexander Beier in Gräfelfing. In seinem "Vesparia" genannten Shop in dem Münchner Vorort hat er an prominenter Stelle eine kleine Ecke nur für die elektrifizierten Roller eingerichtet. Er hofft auf die große Nachfrage nach dem kleinen Stromer - und stellt der SZ für eine knappe Woche ein Testfahrzeug zur Verfügung.

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Schon bei der ersten Ausfahrt fällt auf, wie gut gelungen die Sitzposition für den Fahrer, einen durchschnittlich großen Mitteleuropäer, ist. Der hat einen guten Überblick, sitzt bequem und entspannt mit angenehm angewinkelten Knien, anders als auf vielen anderen Rollern. Da zeigt sich die jahrzehntelange Erfahrung der Vespa-Konstrukteure. Die Fahrleistungen erweisen sich als für den Stadtverkehr ausreichend, wenn auch nicht außergewöhnlich. Der 3,5 Kilowatt starke Motor treibt den Roller zwar gut an, andere Stromer indes, etwa der N1S des chinesischen Herstellers Niu oder die E-Schwalbe der Münchner Firma Govecs, kommen deutlich flotter voran. Was auch daran liegen dürfte, dass die beiden Wettbewerber um ihre schweren Akkus herum leichte Plastikkarosserien konstruiert haben; die Vespa-Leute setzen auch bei der Elettrica auf ein Gehäuse aus Stahlblech. Das wirkt deutlich hochwertiger und sieht auch edler aus, ist aber auch schwerer.

Bei 45 Sachen ist Schluss

Ein weiteres Manko, das aber alle Roller-Hersteller haben: Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern regeln die kleinen Stromer bauartbedingt ab. Der Gesetzgeber lässt nicht mehr zu - zumindest dann nicht, wenn die Elektroroller mit dem Führerschein der Klasse AM (die im Pkw-Führerschein der Klasse B enthalten ist) gesteuert werden dürfen. Wer also, ähnlich dem Moto-Guzzi-Fahrer an der Ampel, den Gashebel voll aufgedreht und noch flott von der Ampel weggekommen ist, der spürt nach kurzer Zeit einen kurzen Ruck im Rücken - nämlich dann, wenn die Temposperre greift und die Tachoanzeige bei 48 km/h stehen bleibt, der Körper sich aber auf weitere Beschleunigung eingestellt hat.

Ein weiterer Nachteil der E-Vespa im Alltag: Die beiden Akkus sind fest unter der Sitzbank verbaut und lassen sich nicht entnehmen. Das verleiht dem Roller zwar einen angenehm tiefen Schwerpunkt, hat aber zur Folge, dass eigentlich nur Garagenbesitzer oder Hauseigentümer mit Außensteckdose mit der Elettrica glücklich werden. Wer in einer Etagenwohnung lebt muss sich erst umständlich Lademöglichkeiten suchen. Immerhin ist unter der Bank Platz für ein Helmfach, in dem zumindest ein schmaler Jethelm Aufnahme findet. Bei vielen anderen Anbietern fehlt eine solche Staumöglichkeit.

Als erfreulich realistisch erwies sich die Reichweitenanzeige im eher kleinteilig aufgebauten Display. Mit zwei vollgeladenen Akkus sollte der Testfahrer laut der Anzeige knappe 80 Kilometer weit kommen. Bei mehreren Testfahrten im leicht hügeligen Umland von München wie auch im relativ ebenen Zentrum der Stadt schaffte es der Roller dann auch meist etwa 75 Kilometer weit, ehe der Saft zur Neige ging. Viele andere E-Roller liefern bei der Reichweiteneinschätzung schlechtere Prognosen ab.

Und wie verkauft sich die Elettrica nun? "Na ja", sagt Händler Beier und zuckt mit den Schultern. Offenbar könnte es besser laufen. Das dürfte vor allem am Preis liegen: 6390 Euro verlangt Piaggio für das elektrifizierte Kultmobil. Die elektrifizierte Schwalbe (die übrigens in Polen gefertigt wird) ist für 5390 Euro zu haben, ein Niu N1S für 2700 Euro. Aber über die Preispolitik von Vespa können sich auch Fahrer von Rollern mit Verbrennungsmotoren heftig streiten.