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Renault Zoe im Alltagstest:Unterwegs mit der Ladezicke

Der süße Traum vom leichten Elektro-Leben: Doch die (man sagt tatsächlich die) Zoe ist wählerisch und nimmt nicht jede Ladesäule.

(Foto: Renault)

Der Renault Zoe ist das aktuell das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland. Auch dem SZ-Autor hat der Wagen gefallen. Doch dann wurde ein Bordell zur letzten Rettung.

Von Nils Wischmeyer

Ich steuere also auf eines der größten Bordelle Deutschlands zu. Schon beim Einbiegen in die Straße ist es nicht zu übersehen, dieses knallig blaue Gebäude. Widersprüchliche Gefühle: Zum einen die Hoffnung, endlich eine Ladesäule zu finden, damit das Auto lädt. Zum anderen: Wer will schon an einem Sonntag zwei Stunden vor einem Bordell parken und womöglich noch für einen Kunden gehalten werden? "Bitte rechts abbiegen", sagt das Navi, eine scharfe Kurve und das Auto steht auf dem Parkplatz des "Pascha". Ein Bordell ist an diesem Tag die letzte Rettung.

Unter den Augen knapp bekleideter Frauen, die von ihren Plakaten herabsehen und unter denen "absolut tabuloser Service" angepriesen wird, steige ich aus und hole das Kabel aus dem Kofferraum des Renault. In den vergangenen zwei Tagen hatte das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland versucht, an verschiedenen Ladesäulen Strom zu ziehen. Immer hieß es: Fehler, Fehler, Fehler. Neben dem Pascha sollte es nun endlich klappen.

Die vergangenen Tage haben gezeigt, warum ein Elektroauto für mich im Moment nicht in Frage kommt: Weil es nie voll ist, wenn man es braucht, weil ich unter den Blicken neugieriger Spaziergänger kein Kabel in der Größe einer ausgewachsenen Anakonda aus dem Kofferraum holen will - und weil ich Sonntage nicht gern neben dem Pascha verbringe. Wirklich nicht.

Die Geschichte beginnt aber schon ein paar Tage zuvor. Der Renault sollte daraufhin getestet werden, ob er für die Bedürfnisse eines Großstädters passt, der kein eigenes Auto besitzt. Ein Gelegenheitsauto, mit dem man mal zu den Eltern ein paar Kilometer entfernt, vielleicht mal zu Arbeitsterminen in der Nähe oder am Wochenende nach Holland fährt. Und dann eben leise und ohne Emissionen.

Die Zoe (man sagt tatsächlich die Zoe), piepst freudig, sobald man einsteigt, so wie sie überhaupt sehr gerne Geräusche macht, beispielsweise, wenn man langsamer als 30 km/h fährt, damit Fußgänger nicht überrascht sind. Generell läuft die Zoe gut, ist groß genug für Einkäufe und klein genug für Parkplätze. Dank E-Antrieb geht es von 0 auf 50 in wenigen Sekunden, schneller als jeder sekundenjagende Taxifahrer auf der Spur daneben, in den Kurven liegt der Wagen sicher, auch bei hoher Geschwindigkeit. Lediglich Kleinigkeiten irritieren, etwa, dass der Totwinkel-Assistent genau wie der Einparkassistent sehr spät vor Gefahr warnt. Doch daran gewöhnt man sich schnell.

Die Ladesäule vorm Bordell ist die letzte Rettung. Denn sie fuktioniert - endlich

Wer Sonntags einen Trip von Köln nach Holland plant, sollte sich aber spätestens Freitag oder Samstag überlegen, wo das Auto denn geladen werden kann, wenn man keine eigene Lademöglichkeit zu Hause hat. Und wenn das dann nicht klappt, könnte es sein, dass man wütend auf das Lenkrad eindrischt und herumbrüllt. Mit einem Verbrenner fährt man einfach an die nächste Tankstelle. Mit einem Elektroauto ist alles anders.

Es beginnt am Freitag. An der ersten Ladesäule scheint zunächst alles zu klappen. Das Kabel, das leider im Kofferraum liegt, was man vorher bedenken sollte, ehe man irgendwelches Gepäck einlädt, steckt schon zwischen Auto und Ladesäule. Doch der QR-Code macht Probleme. Die Lade-App erkennt ihn nicht, sagt, dass könne nicht sein. Ein paar Minuten lang geht es hin und her, auf dem Display der Ladesäule erscheinen rätselhafte Botschaften, aber Strom fließt nicht. War ja klar.

Also weiter, Ladesäule Nummer zwei, ein paar Kilometer weiter. Hinter der zierlichen Zoe türmt sich ein Parkhaus auf, grau in schwarz. Die Parksäule liegt komplett im Dunkeln am Ende einer Einbahnstraße. wieder Klappe auf, Kofferraum auf, Kabel nach vorne, verbinden - und tatsächlich: Ein Smiley lächelt vom Display.

12 Elektroautos

haben die Redakteure der SZ in den vergangenen Wochen einem intensiven Praxistest unterzogen - vom BMW i3 über den Nissan Leaf bis hin zum Nissan e-NV 200. Dabei stand weniger die Frage im Vordergrund: Was kann das Auto technisch? Vielmehr ging es um Antworten auf folgende Fragen: Wie alltagstauglich ist die E-Mobilität? Taugen die Fahrzeuge für die tägliche Fahrt zur Arbeit? Kommt eine Familie damit klar? Und ist auch mal eine Fahrt in den Urlaub über längere Distanzen möglich? Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts der SZ haben die Fahrzeuge im Alltag getestet - und werden in dieser Serie in loser Folge über ihre Erfahrungen berichten. Die Testfahrten wurden vor den staatlichen Kontaktsperren zur Abwehr des Coronavirus durchgeführt.

Alles in Ordnung? Nein, Fehlanzeige. Das Auto hat keine einzige Kilowattstunde gezogen, es blinkt eine Fehlermeldung, Wechselstromladung unmöglich, heißt es. Vielleicht ist es ja eine Art Schluckauf. Erst später wird sich herausstellen, dass sich das interne Steuergerät aufgehängt hatte, quasi wie bei einem Computer. Es hätte einen Neustart des Systems gebraucht, aber den hätte eine Werkstatt durchführen müssen. Renault zufolge passiere das sonst nie. Tja, diesmal schon.

Nicht einmal das Internet ist eine besonders große Hilfe. Die Fehlermeldung gibt es offenbar nicht. Ich könne das Auto abschleppen lassen, heißt es bei der Hotline. In einem Forum aber haben User ähnliche Probleme geschildert. Einer nennt die Zoe eine "Ladezicke", weil sie nicht an allen Säulen und generell nicht immer laden will. In diesem Moment denke ich noch, dass es daran liegt.

Und nun? Morgen sollte es nach Holland gehen, 130 Kilometer je Strecke, vielleicht Stau. Der Bordcomputer zeigt noch 70 Kilometer Reichweite an, als die Zoe auf ihrem Parkplatz ankommt. Nach langer Suche und vielen Chats haben Nutzer im Internet eine Idee: Statt über Wechselstrom könnte man mal über Gleichstrom (DC) laden, am besten über einen CCS-Schnellladeanschluss. Die Rettung?

Am Sonntag zeigt die App drei Möglichkeiten für schnelle DC-Stecker an Ladesäulen, einer ist zu weit weg, bei einem könnte laut App eine Schranke den Weg versperren, der Dritte liegt in der Hornstraße, ausgerechnet. Der Parkplatz ist eigentlich reserviert für Besucher des "Pascha" in der elften Etage. Als der Stecker das dritte oder vierte Mal verbunden wird, klappt es, das Auto lädt, das erste Mal seit Tagen.

Eine Stunde und 40 Minuten soll es dauern, bis das Auto vollgeladen ist. Ein Freund schreibt, das würde ja genau passen für einen Besuch im "Pascha". Ich schmunzele, noch eine Stunde und 30 Minuten. Ein LKW fährt auf den Parkplatz und ein Mitarbeiter steigt aus. Einen kurzen Augenblick schaut er zu mir rüber: Typ, Mitte 20, im Auto neben dem Bordell - was er sich wohl denkt? Nach 30 Minuten ziehe ich den Stecker lieber ab.

Nach den Tagen mit der Zoe ist für mich noch immer klar: Das erste Auto wird ein Elektroauto. Aber noch nicht jetzt. Zu aufwendig und zu unsicher. Mit einem einheitlichen Standard und einer breiten Lade-Infrastruktur wäre das etwas anderes. Dann könnte ich mir vorstellen, statt mit der Straßenbahn mit dem E-Auto durch die Stadt zu summen.

© SZ vom 21.03.2020/cku

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