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Kia e-Soul im Alltagstest:Stromnotstand auf der Elektroexpedition

Mobiles Leben, Seite 2, ET 14.3.2020

Das Navi des Kia E-Soul lotste den Autor auch nach Mezzocorona - an die Fahrradladestation. Wer hier mit dem Elektroauto Strom tanken will, braucht Geduld.

(Foto: Sebastian Beck)

Eine Reise mit dem Elektroauto kann zum Abenteuer werden - bei dem man nicht nur Land und Leute, sondern auch Ladesäulen kennenlernt: Unterwegs von Penzberg nach Italien und zurück.

Es ist ein wunderbarer Vorfrühlingstag, doch südlich von Bozen herrscht gereizte Stimmung im Auto. Der Sohn auf dem Beifahrersitz ist der Meinung, der Vater solle mal ein bisschen chillen und aufhören zu fluchen. Er könne sich jetzt schon ausmalen, was das wohl für ein nöliger Artikel werde, dabei sei die Elektromobilität doch die Zukunft und die Kiste zwar sehr hässlich, aber auch lässig. Dem Vater am Steuer des Testautos ist das egal, denn er lernt gerade dieses neue Gefühl kennen, das als "Reichweitenangst" Eingang in die Sprache gefunden hat.

Das Ziel ist ja auch ambitioniert: Ein Wochenende in Riva del Garda (ja, vor Ausbruch der Corona-Epidemie) mit dem Kia e-Soul, Reichweite laut Anzeige immerhin 378 Kilometer. Von Penzberg nach Riva sind es 316 Kilometer - die Elektroexpedition könnte gelingen. Auf dem Weg nach Süden muss aber der Brennerpass überquert werden, was einen kurzen Ladestopp ratsam erscheinen lässt. Das Navi des Kia zeigt eine Reihe von Ladestationen an - eine in Mezzocorona an der Turnhalle. Die Säule sieht elegant aus, so ganz ohne Knöpfe und Bedienungshilfen. Wie soll man hier aber laden? Ein Anruf bei der Hotline des lokalen Anbieters - niemand hebt ab.

Nächster Versuch am Bahnhof: Dort gibt es ebenfalls eine Ladestation, allerdings für Elektrofahrräder. Wer hier eine 64-kWh-Batterie laden möchte, sollte sich ein Hotelzimmer nehmen. Die Suche nach der nächsten Stromquelle endet im Hof eines Autoverwerters. Wieder nichts. Also weiter nach Trient, in so einer Stadt gibt es zig Ladestationen. Der Plan: Der Kia tankt Strom, Vater und Sohn trinken am Dom Cappuccino. Das Navi schickt das Auto in eine riesige Tiefgarage. Zu Fuß suchen die beiden Italienreisenden die Katakomben ab - kein Strom, nirgends. Also dann nach Riva, und zwar auf der Landstraße und möglichst langsam, weil jetzt Stromnotstand herrscht. Die Ladestation in der Nähe des Hotels blockiert ein Diesel-SUV. Deshalb endet die Reise nach sechs Stunden draußen am Busbahnhof von Riva. Die restliche Reichweite des Kia beträgt 50 Kilometer. Doch hier an der Station fließt endlich Strom, wenn auch spärlich: In 14,5 Stunden wird die Batterie wieder voll sein, verspricht der Bordcomputer. Erleichterung.

Es ist in diesem Selbstversuch sehr viel von Ladestationen die Rede. Das ist etwas ungerecht gegenüber dem Kia e-Soul, denn wer von einem neun Jahre alten BMW 318 i in das Elektroauto umsteigt, der erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal ein iPhone in der Hand hielt: Es sah aus wie eine Requisite aus einem Science-Fiction-Film. Der Kia beschleunigt ebenso lautlos wie gewaltig, kein Brummen oder Dröhnen, einfach nichts. Eine Unmenge von Schaltern, Bildschirmmenüs und Assistenten zieht die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich. Das nervt, zumal der Kia auch noch zu wissen glaubt, wann man eine Pause einlegen solle. Ignoriert man all das, kann man durchaus der Meinung sein, dass Elektroautos wie dem e-Soul die Zukunft gehört.

Wenn da nicht dieses Problem mit den Ladestationen wäre. Wer daheim eine Wallbox installiert hat und jeden Tag denselben Weg zur Arbeit nimmt, für den ist das E-Auto eine praktische Lösung. Wehe aber, man weicht von der gewohnten Route ab, dann wird es spannend, selbst mit einem Kia, der fast 400 Kilometer Reichweite hat. Das Wochenende in Berchtesgaden: In der Hotelgarage findet sich eine Steckdose zum Schnorren, der Rückweg ist damit gesichert, Glück gehabt. In Penzberg lädt der Kia nachts an einer öffentlichen Station. Der Elektroneuling muss erst lernen, dass er dort nicht einfach mit der Karte zahlen kann, wie im Parkhaus oder am Fahrkartenautomat, sondern eine App herunterladen muss. Weil es verschiedene Anbieter gibt, braucht man auch mehrere Apps. In Italien wird bei der Registrierung manchmal nach der Steuernummer gefragt, was das Laden unmöglich macht. Ein geradezu absurdes Durcheinander - und teuer obendrein.

In Penzberg kostet die Kilowattstunde 51 Cent. Der e-Soul konsumiert bei vorsichtiger Fahrweise 20 Kilowattstunden auf 100 Kilometer, womit die Energiekosten etwa zehn Euro betragen - im Vergleich zu acht Euro für den alten BMW-Benziner. Wie sieht es mit dem Kohlendioxidausstoß aus? Legt man den deutschen Strommix von 2018 zugrunde, dann kommt der Kia auf etwa 95 Gramm CO₂ pro Kilometer, der BMW auf 141 Gramm. Damit schneidet das E-Auto zumindest nicht viel besser ab als die neue Generation von Dieselfahrzeugen. In die Umweltbilanz müssten freilich noch Produktion und Entsorgung, aber auch die Kosten für die Bereitstellung der Energie eingerechnet werden. Solche Rechnungen sind kompliziert und fehleranfällig. Wie umweltfreundlich der Kia tatsächlich ist, lässt sich also schwer sagen.

40 Euro für einmal Laden? Hauptsache, es kommt überhaupt Strom aus der Leitung

Die Abrechnung des Stromanbieters in Riva kann sich dagegen jeder leicht merken: 40 Euro beträgt die Pauschale für einmal laden. Danach machen sich Vater und Sohn auf den Rückweg, es beginnt das gleiche Spiel wie am Vortag, nur diesmal in der Variante für Fortgeschrittene: Weil es bergauf geht, wird die Batteriefüllung auf keinen Fall bis Penzberg reichen. Drei Ladeversuche in Sterzing schlagen fehl. Was hatte der Kollege doch gleich wieder gesagt? Im Parkhaus am Brenner stünden einige Schnelllader. Leider werden sie vom Navi nicht angezeigt, aber nach einigem Suchen entdeckt sie das Expeditionsteam. Allerdings muss man sich auch hier erst eine App laden. Das dauert, denn das Smartphone bekommt nur eine lahme Edge-Verbindung. Das Wetter ist inzwischen umgeschlagen, Sturm und Regen sind aufgezogen, was nun der Stimmung entspricht.

Nach etlichen Fehlversuchen Anruf bei der Hotline. Die Frau erklärt, die Sache sei doch ganz einfach, man müsse nur der Anleitung folgen. Nach einer halben Stunde mit klammen Fingern ein abermaliger Anruf. Die Frau sagt, es sei ihr peinlich, aber leider hätten die Ladesäulen keine Internetverbindung. Sie werde eine Säule deshalb manuell freischalten, den Strom gebe es als Entschädigung gratis. Sonst kostet die Kilowattstunde am Schnelllader sage und schreibe 70 Cent. Eine Dreiviertelstunde später kann die Reise fortgesetzt werden. In Penzberg muss der Kia sogleich wieder ans Kabel, die App zickt auch hier. Egal, es ist einfach schön, wieder daheim zu sein.

In der Serie "Elektrisch unterwegs" berichten SZ-Autoren in loser Folge über ihre Alltagserfahrungen mit verschiedenen Elektroautos.

© SZ vom 14.03.2020/cku
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