Test: Govecs E-Schwalbe mit 90 km/h:Schnelle Schwalbe

Test: Govecs E-Schwalbe mit 90 km/h: In vielen kleinen Details erinnert die E-Schwalbe an das Original aus DDR-Zeiten.

In vielen kleinen Details erinnert die E-Schwalbe an das Original aus DDR-Zeiten.

(Foto: Govecs)

Der Elektroroller von Govecs erinnert optisch an den Urahn aus der DDR, ist technisch aber auf der Höhe der Zeit. In manchen Punkten allerdings schwächelt der Vogel.

Von Marco Völklein

Ob Habicht, Sperber oder Schwalbe - wer in der DDR aufgewachsen ist und dort mit einem motorisierten Zweirad unterwegs sein wollte, der kam an so mancher Vogelspezies kaum vorbei. Denn die Vertriebsleute aus der Zweiradschmiede Simson in Suhl in Südthüringen gaben ihren Kleinkrafträdern gerne Vogelnamen. Eines der berühmtesten Modelle aus dieser auch als "Vogelserie" bekannten Reihe ist die Schwalbe, ein von Mitte der Sechzigerjahre bis weit in die Achtzigerjahre gebauter Motorroller. Ähnlich wie die Vespa im Westen prägte die Schwalbe im Osten über Jahrzehnte das Lebensgefühl vor allem junger Menschen.

Seit etwas mehr als drei Jahren nun versucht das Münchner Unternehmen Govecs mit einer elektrisch angetriebenen Schwalbe daran anzuknüpfen. Zuerst kam die E-Schwalbe in einer Version mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Kilometern pro Stunde auf den Markt, seit einiger Zeit gibt es auch ein Modell mit mehr Power, Höchsttempo hier: 90 km/h. Allerdings muss, wer mit der schnellen Schwalbe abheben möchte, einen Führerschein der Klasse A1 vorweisen (oder die Schlüsselzahl B196 bei der Führerscheinklasse B). Und man sollte einige Extra-Euros auf dem Konto haben: Mit 7400 Euro ist sie kein Schnäppchen. Was also kann dieser Vogel?

Verkehrshindernis auf der Landstraße? Das war einmal

Zunächst einmal: ziemlich flott losflattern. Wer im "Boost"-Modus (dem rasantesten von insgesamt drei Fahrmodi) den rechten Drehgriff betätigt, der spürt eine ordentliche Beschleunigung. Dabei werkelt unter der Verkleidung der gleiche Bosch-Motor wie beim 45-km/h-Modell - alleine durch Anpassungen in der Software haben die Ingenieure ihm deutlich mehr Schub entlockt. Auch auf der Landstraße ist man nun kein Verkehrshindernis mehr: Die schnelle Schwalbe rollt flüssig mit, auch Lastwagen lassen sich so - ausreichend freie Sicht nach vorn vorausgesetzt - locker überholen.

Test: Govecs E-Schwalbe mit 90 km/h: Viel Fahrspaß, aber wenig Stauraum: Gepäck lässt sich auf der Schwalbe nur schwer transportieren.

Viel Fahrspaß, aber wenig Stauraum: Gepäck lässt sich auf der Schwalbe nur schwer transportieren.

(Foto: Govecs)

Zudem haben die Govecs-Leute der flotteren Version ein zusätzliches Akku-Paket verpasst, was die Speicherkapazität auf 4,8 kWh erhöht. Damit soll man laut Hersteller bis zu 90 Kilometer weit rollen können - das aber nur im niedrigsten Modus ("Go" genannt). Beim Test im Münchner Stadtverkehr und im Umland mit leicht welligem Terrain sowie bei doch etwas flotterer Fahrweise in höheren Modi war bei knapp 70 Kilometer Schluss. Auf der Govecs-Homepage heißt es, auch die schnelle Schwalbe sei ein "Stadtvogel" und "nicht für Highspeed-Langstrecken über 15 Kilometer geeignet". Nun ja.

Wer also stromsparend (und damit ausdauernder) unterwegs sein möchte, der lässt besser öfters mal die Finger von der Boost-Einstellung und wählt "Go" oder "Cruise". Vor allem der Cruise-Modus erwies sich im Test als vernünftige Zwischenlösung, bietet er doch genügend Beschleunigung und Höchsttempo, um im Stadtverkehr mit den Autos gut mithalten zu können - und erinnert so ein wenig an die Zweitakt-Schwalbe aus DDR-Produktion. Denn mit der war (zumindest ohne Tuning) bei 60 Stundenkilometern Schluss.

Simson Schwalbe

Zwei Ur-Schwalben aus DDR-Produktion: Auch in den westlichen Bundesländern sind die Roller mittlerweile sehr beliebt.

(Foto: DPA)

Auch optisch versucht die elektrische Schwalbe anzuknüpfen an den Urahn aus Suhl - wenngleich manch ein Nostalgiker die Nase rümpft, weil der E-Vogel eine Plastikkarosserie aufweist und keine aus Blech. Zudem haben die Govecs-Leute ihre Schwalbe etwas länger und breiter konstruiert als den Vorläufer, viele Details aber haben sie übernommen: den Schriftzug zum Beispiel oder auch die charakteristischen Blinker an den Lenkerenden. Auch die Bremsen greifen gut, wer möchte, kann gegen Aufpreis zusätzlich ein ABS ordern.

Wenig Stauraum, kleine Anzeigen

Negativ allerdings fällt auf, dass kaum Stauraum vorhanden ist. Den Platz unter der Sitzbank nehmen Batterien und Ladeeinheit ein, sodass allenfalls Platz bleibt für ein wenig Kleinkram. Auch ein durchgehendes Trittbrett wie bei anderen Rollern, auf dem man sich etwas zwischen die Beine klemmen könnte, gibt es - auch das eine Reminiszenz an die alte Schwalbe aus DDR-Produktion - schlicht nicht. Zudem sind einige Anzeigen und Leuchtdioden im Digitaldisplay etwas arg klein geraten.

Und insbesondere Stadtmenschen, die oft ohne Garage mit Steckdose auskommen müssen, sollten eines unbedingt wissen: Die Akkus lassen sich nicht herausnehmen. Wer also als Laternenparker seine E-Schwalbe über Nacht laden möchte, der muss ein Verlängerungskabel aus dem Fenster auf die Straße baumeln lassen. Oder tagsüber im Büro das Stromnetz des Arbeitgebers anzapfen.

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