Süddeutsche Zeitung

Tesla Model S:Evolution in der Wüste

Mit der siebensitzigen Elektro-Limousine Model S bringt Tesla ein schickes Zukunftsauto mit Apple-Touch. Die erste Ausfahrt.

Jan Wilms

Wir hätten uns beinahe daran gewöhnt: Ohne Science-Fiction-Ästhetik mit bionischen Linien geht es nicht mehr im aktuellen Autodesign. Der Futurismus, auf der IAA in neue Dimensionen aufgestiegen, macht sich allerdings verdächtig. Möglicherweise soll er übertünchen, dass kaum ein europäischer Hersteller darauf brennt, ein elektrisches Serienmodell auf die Straße zu bringen. Wie hingegen eine Zukunftstechnologie auftritt, die heute schon fährt, zeigte nun Tesla Motors in Kalifornien.

Von 2012 an bietet der Elektroautopionier aus dem Silicon Valley das Model S an, eine Luxus-Limousine für die obere Mittelklasse. 362 PS stark, vollelektrisch angetrieben, mit Platz für sieben Passagiere plus Gepäck - eine technologische Weltneuheit.

Und schon die erste Begegnung mit der Vorserienversion offenbart: Mit sauberem Antrieb (abhängig vom Strom-Mix), sportiven Fahrleistungen, gelungenem Design und moderatem Preis (ab 57.400 US-Dollar, umgerechnet etwa 42.750 Euro) erfüllt der neue Tesla die Grundbedürfnisse an ein wegweisendes Vehikel.

Im Innenraum spricht das Model S mit seiner digitalen Schnittstelle jene an, die sich längst nach einem Apple-Lebensgefühl auf vier Rädern sehnen: Ein Touchscreen in der Größe zweier (!) iPads ersetzt die Mittelkonsole.

So schafft er nicht nur alle mechanischen Schalter ab. Mit Internet-Browser, Sprachsteuerung, Webradio, und Google Maps bietet der brillante Mega-Bildschirm eine intuitive Vernetzung von Fahrer, Auto und Umwelt. Ob: "Play The Doors" oder "go to Sunset Boulevard" - auf die Stimme seines Herrn gehorchte der Tesla via Sprachsteuerung schon vor dem iPhone 4S.

Die größte Konzession während der Fahrt gen Zukunft ist die auf 480 Kilometer beschränkte Reichweite. Allerdings ist sie die Höchste, die ein Elektroauto bisher hinbekommt - das Model S kostet mit der entsprechend großen Batterie 77.400 US-Dollar. Darunter stehen Reichweiten von 257 (zum Grundpreis) und 370 Kilometern (für 67.400 US-Dollar) in der Preisliste. Die Batterie soll per Schnellladesystem in weniger als einer Stunde wieder aufgefüllt werden.

Während seiner weltweit ersten Fahrpräsentation überzeugt das von Grund auf als E-Mobil entwickelte Model S: Das bärenstarke Drehmoment von 415 Newtonmeter liegt bis 7000 Umdrehungen an. Der Schub kommt, wie bei jedem Elektroauto, durch die gnadenlose Intensität der Ein-Gang-Übersetzung ohne Zugunterbrechung zustande.

Weil die ultraflache 85 kWh-Lithium-Ionen-Batterie im Unterboden platziert ist, senkt sie den Schwerpunkt bis auf Achsniveau - ein revolutionäres Design, das Straßenlage und Handling eines Sportwagens imitiert. Dass kein schwerer Verbrennungsmotor auf der Vorderachse lastet, macht sich schon in der ersten Kurve bemerkbar: Ohne Umschweife nimmt der Hecktriebler den Slalomparcours trocken und direkt. Er wankt kaum und schaukelt nicht auf, obwohl auf teure Stabilisationsprogramme verzichtet wurde.

Das Model S soll Tesla aus den roten Zahlen holen

Auf der Geraden beschleunigen die 1,7-Tonnen in 5,6 Sekunden von 0 auf 97 km/h. Zum Produktionsstart soll eine Performance-Version diese Aufgabe sogar in weniger als 4,5 Sekunden erledigen. Da sich die Leistungsentfaltung linear fortsetzt, bleibt genügend Kraft für Zwischenspurts. Erst bei 209 km/h wird die Höchstgeschwindigkeit abgeregelt.

Wenn der Fahrer bremst oder den Wagen ausrollen lässt, dann gewinnt er - wie jedes E-Auto - Energie zurück. Diese graduell steuerbare Rekuperation führt zu einem vorausschauenden Fahrstil, in dem man das Bremspedal nur selten tritt. Die Abstimmung der Fahrmodi steht noch aus, sie dürften eine Weiterentwicklung der vom Roadster bekannten Programme Range (sparsam) und Performance (sportlich) werden.

Die Evolution der Tesla-Technologie - vom kargen Lotus-Derivat zum vollwertigen Familienauto - ist von Tempo 120 an allgegenwärtig: Der stille Motor sowie die solide Verarbeitung lassen die Passagiere ein beinahe steriles Reisegefühl genießen.

"Wir haben den fortschrittlichsten Pkw der Welt entwickelt", frohlockt Tesla-Chef Elon Musk und tätschelt die Flanke seines Flaggschiffs. Neben Umweltbilanz und Reichweite sollen die beste Aerodynamik, das üppigste Platzangebot, die höchsten Sicherheitsstandards und das größte Panoramaschiebedach seiner Klasse dem Modell Substanz verleihen.

Es muss schon ein fester Benzinkopf sein, der diesem Mix aus innovativer Technik, Beschleunigungs-Freuden und iHaptik nichts abgewinnen kann. Tesla meldet schon über 6000 Reservierungen.

Die jetzt präsentierten wurden noch manuell verschweißt, das allererste Serienexemplar läuft im November vom Band. Dafür kaufte Tesla in Fremont eine gigantische, von Toyota aufgegebene Fabrik. Um dort die Produktion zu steuern, wurden erfahrene Automobilingenieure eingestellt. In diesen Tagen ziehen sie die letzten Schrauben der Fertigungsstraße an.

Neben der wirkt selbst Wunderkind Musk ein wenig verloren. "Die Fabrik ist so riesig, weil wir hier unser eigentliches Ziel erreichen wollen", so Musk, "einen Kleinwagen zu bauen, der die E-Mobilität demokratisiert". Die Aufgabe des Model S: Es muss Tesla bis 2013 aus den roten Zahlen ziehen.

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Quelle:
SZ vom 10.10.2011/gf
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