Tanken im Ausland "Ich könnte eine Flasche Schnaps an den Eingang stellen und die Leute kämen nicht"

Zum Tanken ins Nachbarland - für viele Deutsche ist das wegen der niedrigeren Benzinpreise Alltag. Knapp eine Milliarde Euro Steuereinnahmen bringt der Tanktourismus zum Beispiel dem österreichischen Fiskus jährlich. Viele deutsche Tankstellen müssen schließen.

Eine Reportage von Robert Gast, Niederaudorf

In der Ferienzeit, wenn die Holländer kommen, läuft es noch am besten. Dann gluckern viele Liter durch die Schläuche unter dem Holzdach, und jeder bringt Reinhild G. ein paar Cent. Dann vergisst sie kurz die Sorgen, die Frage nach einem neuen Kredit und die große Tankstelle auf der anderen Seite der Grenze. "Dann macht das Arbeiten mal Spaß", sagt sie.

Der Landkreis Rosenheim in Oberbayern. Von Osten und Westen drücken die Berge in die Ebene, von Süd nach Nord rauscht der Inn durchs Tal. Dem Wasser entgegen rasen die Autos auf der A93, Richtung Brenner. Und parallel zu Fluss und Autobahn läuft die Grenze. Im Westen Niederaudorf, Deutschland. Im Osten Niederndorf, Österreich. Gut vier Kilometer trennen die Orte. Vier Kilometer, und drei, fünf oder fünfzehn Euro - je nachdem, ob man volltankt. In Niederaudorf auf der deutschen Seite ist die Tankstelle von Reinhild G., einer 58-jährigen Frau mit freundlichen braunen Augen. Ihre Tankstelle - zwei Zapfsäulen vor dem Wohnhaus von G. - ist die letzte, die sich hier hat halten können, am Südzipfel des Landkreises Rosenheim. Seit Jahren fahren die Menschen hier zum Tanken nach Österreich. Sie tanken vor den Toren Niederndorfs, an der Großtankstelle von Karl Thrainer. Dort kostet der Liter Superbenzin am Dienstag vor Ostern nur 138,9 Cent. Bei Reinhild G. sind es 157,9 Cent. Österreich besteuert seinen Sprit weniger stark.

Und nicht nur im Süden fahren die Deutschen zum Tanken ins Nachbarland. Auch an den Grenzen zu Polen, Tschechien und Luxemburg tun sie es. Auf 4,3 Milliarden Euro schätzte das Forschungsinstitut IVT den bundesweiten Steuerausfall durch Tanktourismus im Jahr 2007. Heute dürfte der Betrag niedriger sein, denn mehrere Länder haben ihre Mineralölsteuern angehoben. Einige kommen sogar mit leerem Tank nach Deutschland: Zum Beispiel die Dänen. In immerhin sechs der 28 EU-Staaten ist Super inklusive Steuer teurer als in der Bundesrepublik, ermittelte jüngst der unabhängige Energie Informationsdienst (EDI). Bei Diesel rangiert Deutschland sogar nur auf Platz 12 der teuersten Nationen, der Unterschied zu Österreich beträgt nur noch fünf Cent pro Liter.

Im Landkreis Rosenheim können sich nur noch wenige darüber freuen. Wer entlang des Inns nach Süden fährt, passiert eine geschlossene Tankstelle nach der anderen. In Oberaudorf etwa hat sich eine Druckerei eingerichtet. In der Gemeinde Kiefersfelden, am südlichsten Zipfel des Landkreises, gab es einst vier Tankstellen. Seit sie alle schließen mussten, gebe es einen "gewissen Engpass" in den Gemeindefinanzen, sagt Bürgermeister Erwin Rinner.

Eine Milliarde Euro pro Jahr verdient Österreich an ausländischen Kunden

Nur eine Tankstelle an der A93, unmittelbar vor der Grenze, ist geblieben. Der österreichische Konzern OMV betreibt sie - und kassiert am Dienstag vor Ostern astronomische 166,9 Cent pro Liter Super. Sparsame Kiefersfeldener fahren entweder nach Süden über die Grenze, nach Kufstein. Südlich davon wartet eine Handvoll billiger Tankstellen auf Deutsche. Oder sie fahren sechs Kilometer auf der A93 nach Norden. Bis zu Thrainers Großtankstelle. Fast alle 22 Plätze dort sind am Dienstagmittag von Pkws mit dem Kfz-Kennzeichen "RO" belegt. Eine Frau Anfang 50 kommt aus Kiefersfelden. Ob es nicht schade um die deutschen Tankstellen sei? Sie zuckt mit den Schultern. "So isses halt mit den Preisen."

Als Deutschland von 1999 bis 2003 immer mehr Ökosteuer auf den Benzinpreis aufschlug, erkannte Thrainer seine Chance: 2004 setzte er seine Großtankstelle unmittelbar an den Autobahnzubringer. Drei Jahre später baute seine GmbH noch ein zweites Dach mit zusätzlichen Tanksäulen dazu.

Knapp eine Milliarde Euro Steuereinnahmen bringe der Tanktourismus dem österreichischen Fiskus jährlich, schätzt der Österreichische Automobil-, Motorrad- und Touringclub (ÖAMTC). 27 Prozent des Benzins in Österreich wird demnach von Fahrzeugen aus dem Ausland getankt, am meisten von Lkw.

Reinhild G. hat vor kurzem zwei Blumentöpfe vor ihren kleinen Tankshop gestellt, Tag-und-Nacht-Schatten und gelbe Narzissen. Aber das spielt keine große Rolle: "Ich könnte eine Flasche Schnaps an den Eingang stellen und die Leute kämen nicht." Trotzdem ist sie stolz auf ihre zwei Zapfsäulen und das Schild am Tankstellenshop, auf dem steht: "Früher waren wir Benzinverkäufer. Heute sind wir Steuereintreiber." Man könnte auch sagen: Sie ist stur. Schon ihr Großvater hat die Tankstelle betrieben, angefangen hat er 1928. Da kostete der Liter noch den Bruchteil einer Reichsmark. Obwohl die Benzinpreise heute viel höher liegen: Pro verkauftem Liter verdient Reinhild G. bloß ein paar Cent. Bei einem Absatz von knapp 100 000 Litern im Monat kommt so gerade genug zum Leben zusammen. "Eine Aushilfe kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Tag für Tag steht sie an der Kasse, zwölf Stunden lang. Ab und zu hilft ihre 86-jährige Mutter aus, oder ihr erwachsener Sohn, sofern er Zeit hat. Die Preise senken kann Reinhild G. nicht - sie werden von der Betreibergesellschaft Shell eingestellt.

Vier Kilometer entfernt, beim unabhängigen Konkurrenten Thrainer, ist man da freier. "Natürlich profitieren wir vom Tanktourismus", sagt Tankstellenleiter Manuel Mayr, 34 Jahre alt und Chef von zehn Angestellten. Generell sollte man bei dem Thema aber bedenken: "In den späten 1980er Jahren war es genau andersherum." Damals seien die Preise in Deutschland niedriger gewesen und reihenweise Tankstellen auf der österreichischen Seite pleite gegangen.

Tankstellen nahe der Grenze haben es schwer (Symbolbild von 2012).

(Foto: dpa)

"Das schwappt wie eine Welle hin und her", sagt auch Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Freier Tankstellen (BFT), er ist FDP-Mitglied. Der BFT habe vor etwa zehn Jahren versucht, einen Fonds zu bilden, in den alle Verbandsmitglieder einzahlen. Mit den Geldern sollte dann vom Tanktourismus gebeutelten Tankstellen an der Grenze zu Frankreich und Luxemburg unter die Arme gegriffen werden - indem Anwohner auf der deutschen Seite eine Chipkarte erhalten, mit der sie billiger tanken können. Die Idee sei dann aber an kartellrechtlichen Hürden und dem Widerstand der Politik gescheitert, erinnert sich Graf Bülow.

Und auch Überlegungen, die Mineralölsteuer in Deutschland zu senken, sind nicht gerade populär. Das VTI hatte diese Möglichkeit 2008 für das BMWi untersucht und Medienberichten zufolge angedacht, den Steuerausfall mit einer Autobahnvignette für Pkws aufzufangen - eine Veröffentlichung des Berichts lehnte das BMWi dann allerdings ab. Jetzt könnte eigentlich nur noch eine EU-weite Angleichung der Mineralölsteuer den Tanktourismus einschränken, sagt Graf Bülow. Dass sich das durchsetzen lässt, glaubt er allerdings selbst nicht.

Reinhild G. will noch bis zur Rente durchhalten. Ihr blieben ja die Stammkunden aus der Umgebung, sagt sie. Zum Beispiel Benno, ein Landwirt aus dem Dorf. Österreich müsse nun bloß Probleme mit den Gasimporten aus Russland kriegen, dann gebe sich das schon mit der niedrigen Mineralölsteuer, scherzt er. Reinhild G. lacht mit - und schenkt ihm zum Dank noch ein blaues Osterei.

Vor ein paar Jahren, erinnert sie sich, habe sogar die Landkreis-CSU mit einer Aktion geholfen. Die Politiker zogen sich T-Shirts und Kappen mit dem Tankstellenlogo an. Und für zwei Stunden durfte Reinhild G. die Preise senken, auf das Niveau des Nachbarlandes. "Da kamen die Leute", sagt sie. Der Name der Aktion war schließlich auch gut gewählt: "Tanken wie in Österreich."