Manipulierte Gebrauchtwagen:Tachobetrug ist weit verbreitet

Endlich auch in Deutschland - der digitale Auto-Lebenslauf

Betrug beim Gebrauchtwagenkauf: Noch immer werden jährlich fast ein Drittel aller Tachos mit speziellen "Diagnose-Werkzeugen" manipuliert.

(Foto: Experian CarCert)

Eine aktuelle ADAC-Untersuchung zeigt: Auch bei neuen Modellen lassen sich die Kilometerstände leicht fälschen.

Von Joachim Becker

Bereits vor zehn Jahren hat der ADAC eine "Initiative gegen Tachobetrug" ins Leben gerufen. Gebessert hat sich seitdem wenig. Noch immer wird bei jedem dritten Gebrauchtwagen der Kilometerstand gefälscht. Der Gesamtschaden liegt in Deutschland laut Polizeiangaben bei rund sechs Milliarden Euro jährlich. Abhilfe sollte die EU-Verordnung von 2017 zum Schutz vor Tachomanipulation schaffen. Eine aktuelle ADAC-Untersuchung beweist jedoch, dass die Betrugsmasche auch bei neueren Fahrzeugen funktioniert: Kaum kommen Modelle frisch auf den Markt, schon gibt es auf einschlägigen Internetseiten entsprechende Geräte zur "Tacho-Justierung".

Der ADAC geht davon aus, dass weiterhin mehr als zwei Millionen Gebrauchtwagen pro Jahr mit gefälschten Kilometerangaben verkauft werden. In Sekundenschnelle lässt sich die Bordelektronik über einen Zentralstecker im Auto nicht nur auslesen, sondern im Fall des Kilometerstandes auch in allen Steuergeräten überschreiben. Entsprechende Manipulationsgeräte sind schon ab 50 Euro zu haben. Den Schaden beziffert der ADAC auf durchschnittlich rund 3000 Euro pro Gebrauchtwagen. Zwar schreibt die EU-Verordnung vor, dass der Kilometerstand im Auto systematisch geschützt werden muss. Doch bis heute vermisst der ADAC eine detaillierte Vorschrift, wie genau dieser Schutz aussehen und welche neutrale Stelle ihn überprüfen soll.

In Umfragen sagen zwar zwei Drittel der Befragten, dass sie sich des Problems bei Gebrauchtwagen bewusst seien. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Schutzwirkung moderner Digitaltechnik etwas größer geworden als vor fünf Jahren, das zeigt eine aktuelle Umfrage im Auftrag der CarCert GmbH. Drei Viertel der Befragten gaben zudem an, dass ein Fahrzeug mit dokumentiertem Lebenslauf beim Verkauf einen höheren Preis erzielen würde. In Deutschland war dieser digitale Lebenslauf wegen Bedenken beim Datenschutz bisher nicht zulässig. CarCert hat nun die Zulassung für eine solche Datenbank erhalten: Neben historischen Kilometerständen des Fahrzeugs enthält die Dokumentation auch die Ergebnisse aller Hauptuntersuchungen (HU) sowie viele weitere Daten.

Der ADAC warnt allerdings, dass das Katz-und-Mausspiel mit den Betrügern damit nicht zu Ende sei: Tachos würden nicht nur kurz vor dem Verkauf von Gebrauchtwagen manipuliert. Das Frisieren der Kilometerstände sei während der gesamten Nutzungsphase üblich, damit die falschen Daten in der Fahrzeughistorie der Hersteller-Werkstatt eingetragen und sozusagen offiziell abgesegnet werden. Zudem würden viele Datenbanken in Europa ihre Dokumentation mit der ersten Hauptuntersuchung beginnen. Zu diesem Zeitpunkt sei das Fahrzeug aber schon drei Jahre alt und der Tacho insbesondere bei Leasing-Fahrzeugen oft schon manipuliert. Der Automobilclub spricht sich daher wie die EU gegen Kilometerstands-Datenbanken aus.

CarCert verweist dagegen auf das Beispiel Belgien: Dort sei die Zahl neuer Tachomanipulationen bereits 2014 nach der Einführung des Car-Pass Systems von etwa 60 000 Fällen jährlich auf 1239 zurück gegangen. Der ADAC sieht dagegen die Autohersteller in der Pflicht. Sogenannte HSM-Chips sollen Autos sicherer machen: Durch speziell gesicherte Bereiche auf den Chips (Hardware Secure Module) wie in Smartphones ließe sich der Betrug so aufwendig machen, dass er sich nicht mehr lohne.

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