SZ-Serie: "Radl-Metropolen" Politik mit Pedalen

Straßenszene aus Zürich: Nicht selten kommen sich dort die Radfahrer und die zahlreichen Straßenbahnen in die Quere.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Schweiz setzt vielerorts auf den Ausbau des Radverkehrs, in Zürich etwa gibt es mehrere Leihsysteme. Nun soll das Radeln sogar in die Verfassung aufgenommen werden.

Von Charlotte Theile

Der Sommer 2018 dürfte in Zürich in die Geschichte eingehen als jene Zeit, in der sich das Radfahren grundlegend veränderte. Gerade noch galt als hip, umweltbewusst und zukunftsfähig, wer sich mit dem Rennrad im Retro-Look einen Weg durch die verworrene städtische Nahverkehrslandschaft bahnte, todesmutig rote Ampeln überquerte (auch wenn es natürlich verboten ist), das Kunststück vollbrachte, niemals mit dem Reifen in eine Straßenbahnschiene zu geraten - und stoisch auf der Schnellstraße weiterfuhr, wenn der Radweg aus unerfindlichen Gründen plötzlich endete.

Seit einigen Monaten nun wirken die blitzsauberen Rennräder tatsächlich irgendwie retro. Wer schnell und unkompliziert sein will, findet plötzlich an jeder Ecke ein Leih-Velo. Die billigen O-Bikes, die noch im vergangenen Jahr die Stadt überfluteten, sind weggeräumt worden, stattdessen warten jetzt schnittige Elektrobikes, gemütliche Stadträder und elektrisch betriebene Kleinstroller auf all jene, die ein Smartphone und eine Kreditkarte besitzen.

Das Schöne an diesen neuen Mieträdern ist vor allem, dass man sie so ungemein gut wieder loswird. Fahrrad abstellen, am Smartphone ausloggen, fertig. Wenn eins der Gefährte einen Platten hat, muss man es nicht zur Reparatur bringen, sondern setzt einfach einen kleinen Haken im System, dort, wo es heißt: "Schaden melden". Das nächste, funktionstüchtige Velo wartet schließlich bereits eine Straßenecke weiter.

Zumindest zeigt einem die App das so an. Wer sich aber ganz auf die mobilen Verleihsysteme verlässt, kommt leider immer mal wieder zu spät. Der freie "Flow" der Räder bringt auch einige Frustration mit sich. Velos und E-Roller werden versteckt, im Hauseingang eingesperrt - oder lassen sich partout nicht freischalten. Auch kann es vorkommen, dass einem der "Ride", wie es bei der aus Kalifornien stammenden Marke Lime heißt, vor der Nase weggeschnappt wird.

Dann ist es gut, wenn man noch alternative Apps auf dem Handy hat. Beim Premium-Anbieter Smide, bei dem eine Fahrt von 20 Minuten umgerechnet fast fünf Euro kostet, kann man die Elektroräder vorher reservieren - kostenpflichtig, versteht sich. Die Stromer, die neu etwa 7000 Euro kosten und von einer Schweizer Firma produziert werden, stehen im Innenstadtgebiet Zürichs zur Verfügung. Da es in Zürich öfter mal bergauf geht, auf Zürichberg, Uetliberg, Käferberg oder Hönggerberg, gehören E-Bikes seit Jahren zum Stadtbild. Doch erst im Frühjahr 2017 hat Smide begonnen, die Räder per App zur Verfügung zu stellen, derzeit sind 250 schnelle E-Bikes (mit bis zu 45 Stundenkilometer Höchsttempo) im Einsatz. Ein ungewöhnliches System. So sind etwa die Helme frei zugänglich an den Rädern angebracht, wer sie klauen wollte, könnte das tun. Doch das passiert kaum - die Nachfrage nach gebrauchten und mit "Smide" gekennzeichneten Flotten-Helmen scheint gering zu sein. Die Bikes dagegen sind gegen Diebstahl gesichert: Mittels GPS können sie geortet, der Motor kann elektronisch ge- und nur mittels verschlüsselter Kommunikation wieder entsperrt werden. Das Premium-Konzept scheint aufzugehen: Smide bietet inzwischen auch Abonnements für Pendler und Vielfahrer an. Die ersten zehn Minuten sind gratis, bezahlt wird also erst, wenn der Helm aufgesetzt und der Sattel eingestellt ist.

Damit macht das kleine Start-up auch größeren Anbietern Konkurrenz. Auch die Stadt Zürich hat inzwischen eine Flotte elektrischer Velos im Angebot - und bietet den Angestellten großer Unternehmen kostenlosen Zugriff. Doch wie alles, was staatlich gefördert ist, haben auch die sogenannten Publibikes inzwischen zahlreiche Diskussionen ausgelöst: In Bern etwa wurden kürzlich mehrere Hundert Schlösser geknackt. Die Bikes warteten nicht mehr an ihren Stationen, sondern waren in der ganzen Stadt verteilt. Ein Schweizer Albtraum.

Je mehr Zürcher aufs Rad steigen, desto augenfälliger wird, dass es zu wenig Radwege gibt

Noch schlimmer sind die Verhältnisse in Zürich. Obgleich der Stadtrat schon vor Jahren die "Velo Stadt Zürich" ausgerufen hat und per "Masterplan Velo" das Ziel verfolgt, 2025 doppelt so viele Radfahrten zu verzeichnen wie im Jahr 2011, ist die Stadt für Radfahrer ein Ärgernis. Radwege enden abrupt, Knotenpunkte mitten in der Stadt lassen Radfahrern nur die Wahl, sich in den Kampf mit Autofahrern, Straßenbahnen und Lastwagen zu begeben oder abzusteigen und mit den Fußgängern am Zebrastreifen zu warten. Für eine eher linke, ökologisch bewusste Stadt wie Zürich, in der mehr als die Hälfte aller Haushalte kein Auto besitzen (Zahlen von 2015), ist das ein Armutszeugnis. Und: Je mehr Zürcher auf die überall bereitstehenden Velos umsteigen, desto augenfälliger wird das Problem. Die fehlende Infrastruktur für Velos hat die hohen Mieten als Aufregerthema Nummer eins abgelöst.

Wie politisch das Velofahren inzwischen ist, zeigt sich auf nationaler Ebene: Ende September werden die Schweizer über die "Velo-Initiative" abstimmen. Der Vorstoß der Radfahrer-Verbände ist von der Berner Politik abgeschwächt worden, das Ziel aber ist klar: Die Infrastruktur für Radfahrer soll verbessert, ein entsprechender Passus sogar in die Verfassung aufgenommen werden. Bisher haben diesen Rang nur die Fußgänger- und Wanderwege. Nach ersten Umfragen hat dieser Vorstoß an der Urne gute Chancen: 64 der Befragten wollen für den Velo-Ausbau stimmen.

In dieser Serie beleuchtet die SZ in loser Folge die Situation des Radverkehrs in den großen Städten der Welt. Bisher erschienen: Brüssel (4.8.), Madrid (11.8.), New York (18.8.), Moskau (25.8.), Tokio (1.9.), Rio de Janeiro (8.9.). Alle Folgen im Internet unter www.sueddeutsche.de/stadtradler