SZ-Serie: "Radl-Metropolen" Nur in der Masse sicher

Sieht so die Zukunft aus? Architekt Norman Foster hat eine Hochautobahn namens „SkyCycle“ für Radler durch London vorgeschlagen. Doch bislang stocken auch bereits weniger hochfliegende Pläne.

(Foto: Foster + Partners)

Radfahrer leben in London gefährlich. Die Stadt will das ändern und mehr Bürger aufs Rad bringen - beispielsweise durch Kampagnen. Die Frage ist nur: Steckt da mehr dahinter als bloße Lippenbekenntnisse?

Von Cathrin Kahlweit

Es ist schon eine Weile her, dass die Journalistin Hayley Campbell ihre Anleitung darüber verfasste, wie man es schafft, in London Fahrrad zu fahren - und dabei nicht ums Leben zu kommen. Vor fünf Jahren war der Text im New Statesman zu lesen, und die prominente Autorin und Bloggerin lebt immer noch. Das ist ein Wunder, denn diese Metropole mit dem Rad zu durchqueren, auf deren überfüllten, oft engen und unübersichtlichen Straßen gefühlt eine Trilliarde rote Doppeldecker-Busse, extrabreite, schwarze Taxis und gefährlich leise Hybrid-Autos herumfahren, ist ein permanenter Selbstversuch in Überlebenstechniken.

Campbell hatte damals einige nützliche Tipps für überzeugte Radler parat. Und auch wenn die Lage durch neue Fahrradwege sowie eine Ausweitung der City-Maut für Autos besser geworden ist, so stimmen sie doch immer noch. Dazu gehört: Männer wie Boris Johnson, den ehemaligen Bürgermeister von London und Ex-Außenminister, sollte man in weitem Bogen umfahren. Johnson ist passionierter Radler, aber leider fährt er Rad so, wie er Politik macht: skrupellos und auf den eigenen Vorteil bedacht. Weil kleinere und größere Katastrophen mit solchen Typen fast unausweichlich seien, solle man außerdem möglichst viel ungesunde Nahrung zu sich nehmen, erklärte Campbell. Im Krankenhaus werde es dann lange genug bei Brei und Porridge bleiben. Die Kolumnistin riet außerdem, sich in weiser Voraussicht einen besonders lustigen Zahnarzt auszusuchen, denn nach dem Crash werde man ihn eine Zeitlang sehr, sehr oft sehen.

Ihr vielleicht wichtigster Tipp: nicht ein, nicht zwei, sondern am besten gleich drei oder mehr Schlösser für das geliebte Rad zu kaufen. "In London besitzt man kein Rad; man nimmt nur irgendeines eine Zeitlang in Besitz, bis es gestohlen wird", schrieb Campbell. Die SZ-Korrespondentin, in London allen Warnungen zum Trotz viel mit dem Fahrrad unterwegs, kann das alles nur bestätigen: vier Räder innerhalb eines Jahres gestohlen. Trotz erst eines, dann zweier, schließlich dreier Schlösser. Wenn nicht das ganze Rad weg ist, dann sind es Sattel, Pedale oder Reifen. Solche Torsos säumen Londons Straßen.

Überall in der Stadt wachsen zwar mittlerweile Fahrrad-Hangars aus dem Boden, um all jenen eine verschließbare Heimat für ihre Räder zu geben, die keine Garage oder keinen Schuppen haben. Das gilt für die meisten Bewohner der Stadt. Aber diese Stellplätze zur Miete, üblicherweise in grünen Tonnengewölben aus Metall angeboten, stehen in der Regel Kilometer auseinander. Und wer mag schon immer zehn Minuten zu seinem Rad laufen, um dann damit im Zweifel doch nur zehn Minuten in den nächsten Park zu fahren?

Wer es schafft, ein Rad länger in seinem Besitz zu halten, entwickelt in London nach einer Weile jene Skrupellosigkeit, die dem Ex-Bürgermeister und -Minister Johnson eigen ist. Das Fahren gegen Einbahnstraßen, das Überholen von Bussen, das Radeln auf Taxi-Spuren - alles völlig normal, wenn man vorwärtskommen will. Verkehrsberuhigte Zonen oder gar so genannte Begegnungszonen, in denen sich Fußgänger und Radler mischen können, sind in dieser Stadt eher selten.

Wer langfristig überleben will, braucht eigentlich auch eine Atemschutzmaske, denn die Luft in der britischen Hauptstadt ist eine der schlechtesten in Europa. Aber Atemschutz ist was für Schwächlinge. Und als Schwächling sollte man sich gar nicht erst in den Verkehr trauen. Touristen sehen das anders, aber sie sind auch meist nur kurz in der Stadt. Leihfahrräder erfreuen sich wachsender Beliebtheit, werden aber überwiegend entlang der Themse und in den schickeren Gegenden wie Kensington, Chelsea oder Notting Hill bewegt. In Croydon oder Waterloo ist das Angebot an Leihfahrrädern eher überschaubar.

Sowohl Ex-Bürgermeister Ken Livingston und Boris Johnson wie auch Londons aktueller Stadt-Chef, Labour-Mann Sadiq Khan, hatten versprochen, das schnell alles anders und noch viel besser wird. Livingston wollte das Aufkommen von Radlern bis 2025 um 400 Prozent steigern und dafür 450 Millionen Euro ausgeben. Seine Pläne für Cycle-Superhighways wurden aber nur teilweise umgesetzt. Johnson kündigte dann Investitionen von einer Milliarde und eine Fahrradmagistrale von West- nach Ost-London an, wie sie derzeit auch als Zugtrasse unter dem Namen "Crosstrail" gebaut wird. "Quietways" sollten eingerichtet werden, auf denen Radler in Ruhe durch die Stadt streifen können. Alle Pläne sind auf halbem Wege stecken geblieben, auch wenn die Zahl der Fahrradwege in London stetig zunimmt. Immerhin.

Denn London soll, so will es auch Khan, endlich eine grüne Stadt und eine Radlermetropole werden. Unlängst hat Heidi Alexander, die für den Londoner Verkehr zuständige Vize-Bürgermeisterin, wieder einmal versprochen, dass drei neue Cycle-Superhighways in den kommenden zwei Jahren in Angriff genommen würden: der CS11 von Swiss Cottage nach Oxford Circus, der CS9 von Hammersmith nach Brentford und der CS4 zwischen der Tower Bridge und Greenwich. Zwölf waren einst mal geplant gewesen; einige wurden gebaut, waren aber gefährlich, einige erwiesen sich als gut konzipiert und viel genutzt. Trotzdem: "Wir haben eine Bequemlichkeitskrise", sagt Alexander, "wir müssen die Menschen ermutigen, endlich von Autos auf Fahrräder umzusteigen."

Als Gag wird mittlerweile auch ein Nacktfahr-Wettbewerb für Radler veranstaltet

Das ist ein nobles Ziel. London hängt, was die Zahl der Radfahrer angeht, weit hinter den meisten europäischen und sogar hinter einigen US-amerikanischen Städten wie New York her. In Berlin und München sind etwa 15 Prozent mehr Radler unterwegs, in Amsterdam 37 Prozent. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass 2016 in London etwa 730 000 Touren am Tag per Rad unternommen wurden, und die Zahl steigt. Verkehrspolitiker sagen aber, das Zehnfache könne erreicht werden, weil viele Routen zur Arbeit und zum Einkaufen im statistischen Durchschnitt nicht länger als 20 Minuten dauerten und gut mit dem Rad zurückzulegen seien.

Es ist nur so: Der öffentliche Nahverkehr funktioniert in London gut, und selbst wenn man Nebenstraßen und grüne Lungen nutzt, ist das Radfahren in London kein Kinderspiel, sondern eine permanente Herausforderung. Deshalb gibt es mittlerweile neben den politischen Kampagnen, die mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehende Bürgermeisterwahl intensiviert werden, viele von der Stadt geförderte Initiativen, sogenannte "Go-Cycle"-Bewegungen, in denen Ärzte, Physiotherapeuten und Fahrrad-Afficionados die Bürger zum Radeln auffordern - es sei schließlich gesund und umweltfreundlich. Es gibt einen Preis für die beste Radler-Initiative, es gibt Radler-Wochen und sogar einen Nacktfahr-Wettbewerb.

Ganz regelmäßig, nämlich jeden ersten Freitag im Monat, trifft sich zudem die internationale und auch in Großbritannien sehr aktive Initiative "Kritische Masse" vor dem National Theater an der Themse. Eine Weile wird Musik gespielt, Regenbogenfahnen flattern, und wenn sich genügend Radler versammelt haben, fährt eine stetig größer werdende Gruppe durch die City, um für mehr und bessere Radwege zu demonstrieren. Radfahrer in der Masse - das ist eine ziemlich sichere Methode, um nicht von Bussen, Lastwagen, Taxis oder Autos überrollt zu werden.

In dieser Serie beleuchtet die SZ in loser Folge die Situation des Radverkehrs in den großen Städten der Welt. Bisher erschienen: Brüssel (4.8.), Madrid (11.8.), New York (18.8.), Moskau (25.8.), Tokio (1.9.), Rio de Janeiro (8.9.), Zürich (15.9.), Warschau (22.9.), Wien (29.9.). Alle Folgen auch im Internet unter www.sueddeutsche.de/stadtradler