SZ-Serie: "Radl-Metropolen" Himmel und Hölle

In Rio de Janeiro kann man sich als Radfahrer richtig wohl fühlen. Doch weil die Brasilianer nichts mehr lieben als ihr Auto, kann das Fahrradfahren mitunter auch lebensgefährlich werden.

Von Boris Herrmann

Rio de Janeiro ist ein Paradies für Radfahrer. Das liegt an seiner natürlichen Schönheit. Die Strecken sind vielfältig, die Ausblicke spektakulär. Wer es gemütlich mag, umkreist die Lagune Rodrigo de Freitas oder radelt von Stand in Botafogo, über Copacabana und Ipanema bis nach Leblon, immer schön am Wasser entlang. Deutlich anspruchsvoller ist der Rundweg im Tijuca-Nationalpark, dem größten Stadtwald der Welt. Und wenn es ein Steilanstieg sein darf, der seinen Namen verdient, dann ist unbedingt die Tour hinauf zum Aussichtspunkt Vista Chinesa zu empfehlen. Jeder einzelne Blick sieht von dort oben wie eine Postkarte aus, kein Schweißtropfen wird umsonst gewesen sein.

Rio de Janeiro ist aber auch die Hölle für Radfahrer. Das liegt an seinem menschlichen Makel. Brasilianer vergöttern Autos, Handys, Kinder, Hunde, den lieben Gott und den Fußball - in dieser Reihenfolge. Das Auto hat immer Vorfahrt, egal ob sich Kinder, Hunde oder Fahrräder auf der Straße befinden. Das macht das Radeln in Rio zu einem durchaus lebensgefährlichen Vergnügen. Zumal sich die Zunft der Raddiebe hier nicht lange mit den Knacken von Schlössern aufhält. Sie hat sich auf den Diebstahl am fahrenden Objekt spezialisiert. Entweder wird das Opfer einfach im Vorbeiradeln heruntergeschubst oder es bekommt einen Wink mit der Pistole, der nichts anderes bedeutet, als dass das Rad soeben seinen Besitzer gewechselt hat. Schwer zu sagen, was unangenehmer ist.

Paradies und Hölle sind in Rio stets nur ein paar Schritte oder auch ein paar Radumdrehungen voneinander entfernt. Und vielleicht gibt es kein Monument, das diesen ewigen Gegensatz besser symbolisiert als der "Ciclovia Tim Maia". Zur feierlichen Einweihung im Januar 2016 schwärmte der damalige Bürgermeister Eduardo Paes vom "schönsten Radweg der Welt". Komplett gelogen war das nicht. Es handelte sich um eine 3,9 Kilometer lange Brückenkonstruktion auf Stelzen zwischen den Stadtteilen Leblon und São Conrado, rechts die Berge, links die Brandung. Es sollte ein Vorzeigeprojekt für das "olympische Vermächtnis" von Rio werden. 100 Tage vor der Eröffnungsfeier stürzte dieses Vermächtnis aber ins Meer. Eine Welle, die an den Küstenfelsen hochschlug, riss ein rund 50 Meter breites Stück aus der Fahrradbrücke und zwei Menschen in den Tod.

Nach den Spielen wurde das Teilstück notdürftig wieder angeschweißt, versehen mit dem Hinweis: "Nicht bei starkem Wind befahren!" An einem eher windstillen Tag im Februar 2018 kollabierte dann ein anderer Streckenabschnitt, diesmal wegen "starkem Regen", aber immerhin ohne Todesopfer. Der schönste Radweg der Welt ist auch einer der wetteranfälligsten.

In Rio, auch das ist ein Wesen dieser Stadt, gehören Superlative zum guten Ton. Das Rathaus wirbt mit dem Slogan: "Hauptstadt der Fahrrad-Mobilität" und verweist in diesem Zusammenhang auf das angeblich "längste Radwege-Netz Lateinamerikas", 438 Kilometer. Tatsächlich tauchte Rio de Janeiro in den Jahren 2011 und 2013 als einzige Stadt aus Südamerika im Index der fahrradfreundlichsten Städte unter den Top 20 auf. In den Jahren 2015 und 2017 war es aus dem Ranking aber wieder verschwunden. Das mag daran liegen, dass die Radwege hier keineswegs ein Netz bilden, sondern eher ein unzusammenhängendes Stückwerk von Linien und Kreisen.

2016 krachte eine Radwegbrücke entlang der Küstenlinie zusammen.

(Foto: Nadia Sussman/Bloomberg)

In der deutlich ärmeren Nordzone, wo der größere Teil der Bevölkerung lebt, aber so gut wie nie ein Tourist hinkommt, kann von einer modernen und nachhaltigen Mobilität ohnehin keine Rede sein. Teil des olympischen Erbes sollte auch ein 22 Kilometer langer Radweg im Favela-Komplex Maré werden. Wegen leerer Kassen stehen die Arbeiten aber seit Januar 2016 still.

In der repräsentativen Südzone gibt es dagegen einige wegweisende Errungenschaften. Dort werden jeden Sonntag die stauanfälligen Uferstraßen von Copacabana, Ipanema und Flamengofür den Autoverkehr gesperrt. Sie gehören dann allein den Radlern, Skateboardern und Rollschuhfahrern. Auch das 2011 eingeführte System der orangefarbenen Radverleih-Stationen ist alles in allem ein Erfolg. Die Miete kostet fünf Reais pro Tag, etwa 1,15 Euro, und die Räder sind meistens gut in Schuss. Laut der Stadtverwaltung wurden sie in den vergangen sieben Jahren mehr als 20 Millionen Mal genutzt.

Trotz allem bleibt das Problem, dass viele Orte abseits der touristischen Highlights nicht per Radweg erreichbar sind. Das Fahrrad ist deshalb in Rio vor allem ein Sportgerät sowie ein Lastenträger für die furchtlosen Männer von den Zustelldiensten, für die Supermarkt-, Apotheken- und Trinkwasserlieferanten. Gemessen an ihrem Fahrstil (freihändig, helmlos, auf der Mittelspur gegen den Autostrom) überleben das sogar erstaunlich viele. Gleichwohl gehört es in dieser Stadt immer noch zu den gefährlichsten Mutproben, abseits der markierten Wege zu radeln. Als alltägliches Fortbewegungsmittel zur Schule, zur Uni oder zum Arbeitsplatz wird das Rad bislang nur von Exoten genutzt.

In dieser Serie beleuchtet die SZ in loser Folge die Situation des Radverkehrs in den großen Städten. Zuletzt erschienen: Madrid (11.8.), New York (18.8.), Moskau (25.8.), Tokio (1.9.). Alle Folgen im Internet unter www.sueddeutsche.de/stadtradler