SZ-Serie: "Radl-Metropolen"Gefährlich, aber immer populärer

Lesezeit: 3 Min.

In New York fördert die Stadtspitze schon seit Jahren den Radverkehr. Das Fahrrad hat inzwischen viele Freunde - und einen prominenten Gegner.

Von Johanna Bruckner

New York ist bekannt als Stadt der Superlative. Da passt es, dass das Image New Yorks als Fahrradstadt maßgeblich von einem Superstar geprägt wurde. Schauspieler Leonardo DiCaprio ist bekannt dafür, Manhattan bevorzugt auf zwei Rädern zu erkunden. Glaubt man der einschlägigen Klatschpresse, sind die Radtouren der ultimative Beziehungstest, dem sich jede neue Lebensabschnittsgefährtin des Umweltaktivisten unterziehen muss. Das ist natürlich sexistischer Quatsch. Auch wenn Radfahren in New York tatsächlich ein Test sein kann - für die geistige und die körperliche Gesundheit.

Das liegt zum einen am Zustand der Straßen: Von der gleichmäßig geteerten Fahrbahn-Idylle vieler westeuropäischer Großstädte ist New York unzählige Schlaglöcher entfernt. Stellenweise erinnern die überlappenden und stümperhaft verbundenen Asphaltstücke an eine unansehnliche großflächige Narbe. Zu den Buckelpistenverhältnissen kommen hupende Autos, schlingernde Lkw, rasant überholende Fahrradkuriere und Fußgänger, die unvermittelt auf Radwegen auftauchen. Selbige werden auch gerne mal blockiert, selbst von jenen, die es eigentlich besser wissen müssten - das dokumentiert der Tumblr "Cops in Bike Lanes". Zu sehen gibt es Polizeiautos, die auf Radwegen parken.

Fahrradfahren im Dschungel von New York ist im besten Fall eine Herausforderung. Im schlimmsten Fall kann es lebensgefährlich sein. An verschiedenen Stellen in der Stadt erinnern weiß angemalte Fahrräder - sogenannte Ghost Bikes - an einen tödlich verunglückten Radfahrer. Während die Zahl der im New Yorker Straßenverkehr getöteten Fußgänger 2017 ein Allzeittief erreichte, stieg die Zahl tödlich verunglückter Radfahrer im Vergleich zum Vorjahr leicht an: von 18 auf 23. Nur zum Vergleich: In Berlin starben im vergangenen Jahr zehn Radfahrer bei Unfällen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass sich seit einigen Jahren immer mehr New Yorker regelmäßig aufs Rad schwingen. Trotz aller Gefahren.

Separate Radspuren sollen das Radeln in New York erleichtern.
Separate Radspuren sollen das Radeln in New York erleichtern. (Foto: Spencer Platt/Getty/AFP)

Im vergangenen Jahr zählte die Stadt der New York Times zufolge durchschnittlich 450 000 Fahrradfahrten täglich - 2005 waren es noch 170 000 pro Tag. Jede fünfte Fahrt ist mittlerweile auf einen Pendler zurückzuführen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mancher Radfahrer es offenbar als stressfreier empfindet, sich oberirdisch durch den New Yorker Verkehr zu kämpfen, als unter der Erde mal wieder auf die U-Bahn zu warten. Die meisten U-Bahn-Linien sind in Richtung Manhattan ausgerichtet - wer vom Norden Brooklyns zum Arbeiten in den Süden muss, oder von Queens in die Bronx, ist lange unterwegs und muss oft umsteigen. Das Rad kann da einen echten Zeitvorteil bringen.

Wobei viele New Yorker gar kein eigenes Fahrrad besitzen, sondern Leihräder nutzen. Sie sind es gewohnt, zu teilen: Appartements, Gemeinschaftsbüros, Mitfahrgelegenheiten. Warum nicht auch Fahrräder?

Schließlich sind New Yorks Straßen voll. Mit Autos, Menschenmassen und nicht zuletzt: Mülltonnen. Platz für Fahrräder ist knapp. Um eine der beengtesten Metropolen der Welt zur Fahrradstadt zu machen, mussten sich New Yorks Stadtplaner also etwas einfallen lassen. 2011 schrieb das Department of Transportation (DOT) den Auftrag für ein stadtweites Bikesharing-Programm aus. Im Mai 2013 ging "Citibike", benannt nach dem Hauptsponsor Citibank, an den Start.

Mittlerweile umfasst die Flotte 12 000 Räder, die an mehr als 700 Stationen ausgeliehen und wieder angedockt werden können. Derzeit haben 146 000 Nutzer eine Jahresmitgliedschaft abgeschlossen. Kostenpunkt: 169 Dollar (ein Monatsticket für die U-Bahn kostet 121 Dollar). Damit ist Citibike der größte Bikesharing-Anbieter in den USA. Paparazzi-Bilder von Leonardi DiCaprio auf den markanten blauen Leihrädern mögen zur Popularität des Programms beigetragen haben. Fest steht: Die Citibikes gehören längst zum Stadtbild.

Bürgermeister Bill de Blasio hat angekündigt, das Netz geschützter Radwege in der Stadt weiter ausbauen zu wollen.
Bürgermeister Bill de Blasio hat angekündigt, das Netz geschützter Radwege in der Stadt weiter ausbauen zu wollen. (Foto: Shannon Stapleton/Reuters)

Und sind auch bei Besuchern beliebt. Für zwölf Dollar am Tag können Touristen bei schönem Wetter eine Runde durch den Central Park drehen oder auf der Westseite Manhattans den Hudson River entlangradeln, von Washington Heights bis hinunter ins Financial District. Der Blick auf Jersey City lässt sich dabei stressfrei genießen - Radfahrer müssen sich die Fahrbahn hier nicht mit Autofahrern teilen, der zweispurige Radweg verläuft parallel zur viel befahrenen West Street.

Tragischerweise suchte sich ein Attentäter im Oktober vergangenen Jahres genau diesen geschützten Radweg als Anschlagsziel aus. Acht Menschen starben, als er einen gemieteten Pick-up-Truck auf die breite Fahrradspur lenkte. Es war ein Anschlag auch auf das moderne, auf das nachhaltige New York. Doch die Stadt hat nicht zum ersten Mal gezeigt, dass sie sich vom Terror nicht beirren lässt. Die neu entdeckte Liebe fürs Radfahren ist ungebrochen.

Darauf versucht auch die Politik einzugehen: Bürgermeister Bill de Blasio hat angekündigt, das Netz geschützter Radwege in der Stadt weiter ausbauen zu wollen. Außerdem sollen Radfahrer an Kreuzungen künftig wie Fußgänger einen Vorsprung von mehreren Sekunden bekommen. Weil in den USA spezielle Abbieger-Ampeln unüblich sind, kommt es hier besonders oft zu Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern. Außerdem arbeitet Citibike kontinuierlich daran, seine Mietfahrradflotte in immer mehr Gegenden zugänglich zu machen. Wenn es in der Vergangenheit Kritik am Bikesharing-Programm der Stadt gab, dann vor allem, weil sozial benachteiligte Stadtviertel wie die Bronx sowie der Osten von Queens und Brooklyn bislang weitgehend unerschlossen sind.

Neben einem prominenten Fan hat die Fahrradstadt New York im Übrigen auch einen namhaften Gegner. Der Regisseur Woody Allen wehrte sich per E-Mail an den Gemeinderat, als in seiner Nachbarschaft auf der Upper East Side vor einiger Zeit ein neuer Radweg gebaut werden sollte. Doch der Protest verpuffte. Die Radspur durch das elegante und vornehme Viertel kam dennoch.

In dieser Serie beleuchtet die SZ in loser Folge die Situation des Radverkehrs in den großen Städten der Welt. Bisher erschienen: Brüssel (4.8.), Madrid (11.8.). Alle Folgen finden Sie auch im Internet unter www.sueddeutsche.de/stadtradler

© SZ vom 18.08.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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