SZ-Serie: Nahverkehr weltweit:Moskau, chronisch verstopft

Moscow Subway stations located at the Green Line were closed on November 8th due to railway repair w

In keiner anderen Stadt in Europa oder Amerika ist der Nahverkehr derart ausgelastet wie in Moskau.

(Foto: imago/Russian Look)

Oben gibt es Staus, auch die Metro platzt aus allen Nähten. Tag für Tag nutzen sieben Millionen Menschen die überlastete U-Bahn. Wenigstens die Touristen freuen sich.

Von Julian Hans

Die russische Hauptstadt ist wahrscheinlich eine der wenigen Metropolen, in denen der öffentliche Nahverkehr zu den Hauptattraktionen für Touristen zählt. Man sieht sie oft in einer der prunkvollen Hallen der Moskauer Metro zusammenstehen, den Kegelverein aus Neuss oder die Parteidelegation aus der chinesischen Provinz, wie sie die Gesichter zur Decke heben. Sie bestaunen die Mosaiken in der Majakowskaja-Station, tätscheln die bronzenen Kämpfer-Statuen am Revolutionsplatz und fühlen sich in der futuristischen Gagarinskaja gleich Jurij Gagarin in den Kosmos entrückt.

Derweil reden ihre Reiseführer verzweifelt gegen das Donnern und Kreischen der Waggons an. Alle zwei Minuten ergießen sich Ströme von Passagieren aus einem gerade eingefahrenen Zug, um im nächsten Augenblick die Besuchergruppe hektisch, aber möglichst unfallfrei zu umfließen.

So sehr die Moskauer Metro auch zum Staunen verleitet, im Alltag ist dafür keine Zeit. Und eigentlich auch kein Platz. Als 1935 die erste Linie fertiggestellt wurde, lebten in Moskau 3,5 Millionen Menschen. Damals schien das enorm viel zu sein, die Einwohnerzahl hatte sich seit der Oktoberrevolution 1917 in weniger als zwei Jahrzehnten verdoppelt. Heute leben in Moskau offiziell etwa zwölf Millionen Menschen, andere Schätzungen gehen von 15 Millionen aus. Das wäre jeder zehnte Bürger des Landes.

Zwar wurde die Metro seit der Stalin-Zeit auf 13 Linien, 206 Stationen und eine Länge von 350 Kilometern erweitert. Aber mit dem Boom der Stadt konnte der Nahverkehr nicht Schritt halten. Nach der Auflösung der Sowjetunion drängten Menschen aus allen Winkeln des untergegangenen Reiches in die Hauptstadt. Zugleich war in den Neunzigerjahren kein Geld in die Kassen der Stadt geflossen, um die Infrastruktur auszubauen. Das hat sich zwar vor über einem Jahrzehnt geändert, aber der Nachholbedarf ist immens.

Sieben Millionen Fahrgäste pro Tag

In keiner anderen Stadt in Europa oder Amerika ist der Nahverkehr derart ausgelastet wie in Moskau. Mehr Fahrgäste als die Moskauer Metro haben nur die U-Bahnen in Peking, Tokio, Seoul und Shanghai. An einem ganz gewöhnlichen Tag fahren sieben Millionen mit der Metro. Ende Dezember, wenn alle mit Vorbereitungen für die Feiertage beschäftigt sind, steigt die Belastung auf neun Millionen Passagiere am Tag. Die Leitung der Moskauer Metro hat berechnet, dass sich in der Rushhour in den Waggons mehr als sieben Personen auf einem Quadratmeter drängen.

Staus sind aber nicht nur unter der Erde ein Dauerthema der Moskauer. Die Hauptstadt leidet unter chronischer Verstopfung. Seit Jahren führt sie die weltweite Stau-Hitparade eines Navigationsgeräte-Herstellers an. Bei ihren Bemühungen, Abhilfe zu schaffen, müssen die Stadtplaner mit Entscheidungen leben, die Generationen ihrer Vorgänger getroffen haben. Moskau ist in Ringen aufgebaut, in deren Zentrum der Kreml liegt. Mehrspurige Ausfallstraßen führen sternförmig aus dem Zentrum ins Umland. Große Schlafsiedlungen mit Plattenbau-Hochhäusern liegen an der Peripherie. Dort gibt es kaum Firmen und Einkaufsmöglichkeiten. Also steht der Moskauer im Stau, wenn er morgens ins Zentrum fährt und nach Feierabend nach Hause. Am Wochenende steht er im Stau auf dem Weg ins Einkaufszentrum oder auf die Datscha im Umland. Und am Sonntagabend auf dem Heimweg erneut.

In der U-Bahn wiederholt sich das Dilemma. Oft fahren Bewohner der Außenbezirke nur ins Zentrum, um dort umzusteigen und mit einer anderen Radiallinie in einen anderen Außenbezirk zu fahren. Vor allem die Umsteige-Stationen sind überlastet, an denen die Passagiere von den radialen Linien in die Ringlinie wechseln. Wer hier zu Spitzenzeiten unterwegs ist, braucht manchmal schon eine Viertelstunde, nur um als Teilchen in der Masse im Trippelschritt über verstopfte Gänge und Rolltreppen zu seinem Gleis zu kommen.

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