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SZ-Serie Nahverkehr weltweit:Mehr öffentliche Verkehrsmittel, weniger Autos

Bereits in den vergangenen Jahren hat Helsinki den Nahverkehr stark ausgebaut. 2015 hat die Ringbahn eröffnet, eine Regionalbahn bis zum Flughafen. Und die einzige Metrolinie der Stadt - und übrigens auch die einzige in Finnland - ist bis in die Nachbarstadt Espoo verlängert worden. Im November war Eröffnung, es gibt nun acht zusätzliche Haltestellen. Eine neue Straßenbahnlinie, Jokeri genannt, soll zudem einen Außenring um Helsinki herum erschließen.

Doch auch in Finnland kann man nicht einfach Autobahnen abreißen, ohne dass jemand Einspruch erhebt. Die staatliche Verkehrsbehörde möchte sie im nationalen Straßennetz behalten. Im Januar hat das Verwaltungsgericht in Helsinki entschieden, dass vier der geplanten Boulevards nicht gebaut werden dürfen. Die Stadt Helsinki hat Berufung eingelegt. Sie beginnt nun mit den drei Boulevards, die freigegeben sind. "Die Sache ist nicht gestorben, auch wenn wir diese Schwierigkeiten haben", sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Anni Sinnemäki.

Die Politikerin der Grünen sitzt auf dem Sofa in ihrem Büro, den Laptop auf den Knien. "Wir wollen jedem die Möglichkeit geben, bequem ohne Auto zu leben", sagt sie. Ihre Assistentin steckt den Kopf durch die Tür, ihr Mann sei am Telefon. Der holt gerade den Sohn aus dem Kindergarten und will wissen, woran er dessen neue Skischuhe erkennt. "Der urbane Lebensstil ist beliebter geworden", sagt Anni Sinnemäki. Familien mit Kindern, die vor zehn Jahren noch aus der Stadt ins Eigenheim gezogen wären, bleiben nun da, Schulen und Kindergärten seien überfüllt. Sie hat sich vorgenommen, dafür zu sorgen, dass mit der Anzahl der Menschen nicht auch die der Autos in Helsinki steigt.

In Helsinki ist eine ganze Bewegung aus dem Wunsch nach mehr Stadt entstanden. Die Facebook-Gruppe "Mehr Stadt für Helsinki" beispielsweise hat heute mehr als 16 500 Mitgliedern. Vor fünf Jahren haben sich sieben junge Urbanisten zusammengetan, um einen alternativen Stadtplan zu entwerfen. Die Gruppe nennt sich "Pro Helsinki 2.0", und ihr Zukunftsplan unterscheidet sich im Prinzip wenig von dem der Stadtverwaltung. Das Konzept der Boulevards hat die Gruppe unterstützt.

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"Nicht jeder mag diese Idee", sagt Niilo Tenkanen, der eigentlich als Landschaftsarchitekt arbeitet. Schon jetzt könne man kaum mit dem Auto in die Innenstadt fahren, weil es keine Parkplätze gibt, argumentiert er. Die dichtere Bebauung habe mehrere Vorteile: kürzere Wege, erschwinglichere Wohnungen, und außerdem würden so mehr Grünflächen erhalten. Niilo Tenkanen rollt einen Stadtplan aus, der abbildet, wie sich die Initiative das Helsinki der Zukunft vorstellt. Der Plan zeigt viel Grün, die neuen Wohnviertel sind orange. Ihren Entwurf hatte die Gruppe 2014 fertig - noch bevor die Stadtverwaltung ihren Entwurf vorlegte. "Ein großer Erfolg war, dass plötzlich jeder über Stadtplanung gesprochen hat", sagt Niilo Tenkanen. Die Leute hätten erkannt, dass man dieses Thema nicht nur den Beamten überlassen darf.

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