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SZ-Serie Nahverkehr weltweit:Das Jahresticket kostet nur 365 Euro

Wesentlich beigetragen zum Anstieg der Fahrgastzahlen hat eine Maßnahme der rot-grünen Stadtregierung, die in Europa einzigartig ist: Das Jahresticket für das gesamte Netz kostet nur 365 Euro. Ein Euro pro Tag. Da lohnt sich selbst das Schwarzfahren kaum, das allerdings auch relativ drakonisch sanktioniert wird: mit einem Bußgeld von 105 Euro. Mittlerweile nutzen 760 000 Wiener das Jahresticket. Doppelt so viele sind das wie vor der Einführung des Angebots 2012. "Das ist ein unfassbarer Erfolg", meint Amann. Nebenher sorgt Rot-Grün allerdings auch noch dafür, dass das Autofahren weniger Freude macht, vor allem wegen der Parkplatzsuche. In den Innenstadtbezirken sind flächendeckend nur noch sündhaft teure Kurzparkzonen ausgewiesen.

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Auf abgeschreckte Autofahrer allein wollen sich die Wiener Linien bei ihren Wachstumsplänen aber nicht verlassen. "Es gibt laufend neue Ausbauvorhaben", sagt Amann. Im Blick halten müssen die Planer dabei immer, dass Wien nach graueren Jahren der Abwanderung inzwischen sehr schnell wächst: derzeit um 30 000 Bewohner pro Jahr. Bis 2026 soll deshalb eine neue U-Bahn-Strecke fertig sein. U 5 wird sie heißen und die bisherige Lücke zwischen den Linien 4 und 6 schließen. Daneben werden noch andere Strecken verlängert, Züge modernisiert und die Elektromobilität verstärkt. Zwei Linien sollen bald schon komplett mit Elektrobussen bedient werden. All das kostet viel Geld, das allein durch den Ticketverkauf in Höhe von 500 Millionen Euro pro Jahr nicht gedeckt werden kann. Mehr als 700 Millionen Euro schießen deshalb Stadt und Bund jährlich zu.

"Im Großen und Ganzen sind die Leute mit uns zufrieden"

Die Kundenzufriedenheit wird regelmäßig in Umfragen erfasst, und natürlich wäre Wien nicht Wien, wenn keiner mosern würde. "Im Großen und Ganzen aber sind die Leute mit uns zufrieden", meint Amann. Neu aufgebaut wurde gerade ein eigener Sicherheitsdienst, auch das war ein Kundenwunsch. Zur Durchsetzung der Regeln und der Ordnung will man aber nicht nur auf Uniformen setzen, sondern auch auf Appelle - wenn es sein muss auch gern drastisch formuliert. "Sie kotzt es an" stand kürzlich auf Plakaten, die zur Rücksichtnahme in den öffentlichen Verkehrsmitteln aufforderten. Verboten ist dort der Alkoholkonsum, ungern gesehen der von Ausdünstungen begleitete Verzehr von Döner, Pizza oder Burger. Und auch das laute Telefonieren verstößt in Wien, welch Glück, noch gegen die guten Sitten.

Verstärkt gehalten wird der Kontakt zum Kunden über die sozialen Medien. Auf Facebook folgen den Wiener Linien mehr als 84 000 Menschen, auf Twitter sind es 18 000. Sie werden in Echtzeit informiert, wenn irgendwo eine Störung auftaucht oder Verspätung droht. Umgekehrt melden die Facebook- und Twitter-Nutzer aber auch, wenn ihnen etwas auffällt - verschmutzte Züge zum Beispiel. Dann rückt vom Leitwerk aus gesteuert ein Reinigungstrupp aus.

Der Nahverkehr gehört zur Lebensqualität in Wien. Ein Auto braucht hier nur, wer raus will aus der Stadt, zum Wandern beispielsweise. Doch selbst das lässt sich oft schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen. Der D-Wagen nämlich, der die Prachtstrecke auf dem Ring bedient, fährt bis Nußdorf. Wer dort aussteigt, kann gleich einsteigen in den Beethoven-Weg. Der führt per Pedes durch die Weinberge, mit reichlich Möglichkeiten zur Einkehr. Hier und da ein Achtel Wein kann ja nicht schaden, wenn man wieder mit der Straßenbahn zurückfährt.

Die SZ berichtet in dieser Serie über den Nahverkehr in den Metropolen der Welt. Alle Folgen finden sich unter www.sz.de/nahverkehr.

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