Straßenbahn in Prag Fluch der Technik

Basiert auf ikonografischem Design: Simulation des neuen "T3 Coupé".

(Foto: Anna Maresová)

Die Industrie-Designerin Anna Marešová trauert den 1960er Jahren nach, als Designer und Ingenieure noch mehr aufeinander hörten. Für die neue Party-Tram, die sie nun für Prag entworfen hat, nutzte sie die zeitlose Gestaltgebung jener Zeit.

Von Paul Katzenberger

Der Prager Nahverkehr lässt manche Tour durch die Stadt tatsächlich zum Genuss werden. Die Fahrt mit der Straßenbahnlinie 22 zur Station Pohořelec führt zum Beispiel am Hradschin vorbei und gibt den Blick über die ganze Stadt im Moldau-Tal frei.

Auch entlang der Moldau selbst oder über etliche ihrer Brücken verlaufen Tram-Strecken, die grandiose Panoramen der "Goldenen Stadt" bieten. Es passt zu dieser Metropole, dass ihre spektakuläre Schönheit im Nahverkehr oft ausgekostet werden kann. Denn die oberirdischen Verkehrsmittel transportieren in Prag verhältnismäßig viele Menschen: 2017 waren insgesamt 737,4 Millionen Fahrgäste mit Tram und Bus unterwegs - das sind über 30 Prozent mehr Menschen als die U-Bahn transportierte. Allein auf die Straßenbahn entfielen dabei 371,8 Millionen Passagiere - ein Wert, der die Vergleichszahl etwa der Münchner Tram von 121 Millionen deutlich übersteigt.

Die roten Elektrischen der Prager Verkehrsbetriebe sind seit ihrer Einführung in den 1890er Jahren somit zum unverwechselbaren Teil der Stadt geworden. Als besonders markant gilt nach wie vor das Modell T3 des früheren tschechoslowakischen Schienenfahrzeug-Herstellers ČKD Tatra, das erstmals in den 1960er Jahren zum Einsatz kam, und das in modernisierten Varianten immer noch die meisten Fahrzeuge im Fuhrpark der Prager Straßenbahn stellt.

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Besonders verliebt in die T3 ist die Prager Industrie-Designerin Anna Marešová, die in diesem Jahr den Auftrag bekam, eine neue Partytram für die tschechische Hauptstadt zu gestalten. Prompt nutzte sie die Gelegenheit, das neue Fahrzeug auf Basis eines T3-Chassis' aufzubauen. Ihr Ziel war es, die tiefe Verbundenheit, die zwischen der Stadt Prag und der T3 ihrer Meinung nach spürbar ist, für ihr neues Modell "T3 Coupé" zu nutzen: "Für mich ist entscheidend, dass sich ein solches Fahrzeug harmonisch in das sehr geschichtsträchtige Prager Stadtbild einfügt", sagt sie. Die T3 sei in der Hinsicht ikonografisch: "Diese Straßenbahn hat ein Gesicht, das seit Jahrzehnten in Prag zu sehen ist", sagt sie.

Diese Physiognomie solle auch beim "T3 Coupé" erkennbar sein, wobei sie die Tradition harmonisch mit zeitgemäßem Komfort wie etwa einer modernen Bar habe verbinden wollen, so Marešová. So sei ein Teil des Fahrzeugs offen, sodass die Fahrt bei schönem Wetter fast wie in einem Cabrio genossen werden könne. Solche Schönwetter-Sightseeing-Touren per Tram hätten in Prag eine lange Tradition, sagt Jan Šurovský, Chef der Abteilung für die historischen Fahrzeuge bei den Prager Verkehrsbetrieben: "Schließlich wurde schon 1913 das oben offene "Modell 500" hergestellt. Es ist heute eines der Schmuckstücke unseres Museums."

Die Wahl der Farbe Blau im Gegensatz zum üblichen Rot der Prager Straßenbahnen hat ebenfalls einen historischen Hintergrund: "Es gab früher blaue Salonwagen der Tram", erläutert Marešová. Der Begriff "Coupé" ist durch den Umstand begründet, dass die neue Prager Party-Tram nur eine Tür hat.

Marešová, die sich selbst als Straßenbahn-Liebhaberin bezeichnet, würde gerne auch die regulären Straßenbahnen in Prag designen, denn an denen hat sie einiges auszusetzen. Die zwei neuesten Modelle "14T" und "15T" stammen von dem Pilsner Fahrzeughersteller Škoda Transportation und sind viel ausladender als die alten Tatra-Modelle. Das liegt daran, dass moderne Niederflurfahrzeuge generell größer ausfallen, auch weil sie mit viel mehr Technik vollgestopft sind als Straßenbahnen älterer Bauart. Das lässt sich auch in München beobachten. Die neusten MVG-Modelle "Avenio" von Siemens und Variobahn von Stadler Rail sind viel größer als etwa das Modell "P3" des Herstellers Rathgeber aus den Achtzigerjahren.

Ingenieurskunst geht vor Design

Auch wenn Marešová den Nutzen des technologischen Fortschritts durchaus anerkennt, führt er aus ihrer Sicht nicht immer zu besseren Gesamtergebnissen: "Natürlich ist es gut, wenn der Passagier ebenerdig einsteigen kann", konstatiert sie. "Aber wenn die Sitze so gestaltet sind, dass die Fahrgäste zu nah beieinander sitzen, wie in der "14T", dann fühlen sich die Leute einfach nicht wohl."

Defizite, wie schlechte Raumaufteilung oder ungünstige Materialien führt sie auf den größeren Einfluss zurück, den die Ingenieure im Vergleich mit den Designern inzwischen hätten: "Weil immer mehr Hightech zum Einsatz kommt, werden die Ingenieure immer wichtiger", erklärt sie. In den 1960er Jahren habe die Zusammenarbeit zwischen Designern und Technikern noch viel mehr auf Augenhöhe stattgefunden: "Deswegen ist dieses Design vielem überlegen, was heute entworfen wird. Details, wie die Fenster der T3 oder die von Miroslav Navrátil entworfenen Sitze sind inzwischen zeitlose Klassiker: simpel und funktional. Wir täten gut daran, uns darauf zu besinnen."

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