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Stickoxid-Emissionen:Tempo-30-Zonen sind keine Lösung

Beim Stickstoffdioxid sieht die Wahrheit jedoch ganz anders aus: In den Städten stammt mehr als die Hälfte der lokalen NO₂-Belastung direkt aus dem Straßenverkehr. In ländlichen Gebieten liegen die Werte um zwei Drittel niedriger und überschreiten nur selten eine Konzentration von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. "Wir wollen, dass Familien mit Kindern nicht wegen der Luftqualität aus den Städten wegziehen", betont Axel Welge. Doch kaum ein Experte bezweifelt, dass Stadtluft krank machen kann. Kinder, Jugendliche und alte Menschen sind durch Atemwegserkrankungen besonders gefährdet. Nach Aussage der Europäischen Umweltagentur können in Deutschland jährlich etwa 10 000 vorzeitige Todesfälle auf die hohe NO₂-Belastung zurückgeführt werden. Beim besonders kleinen Feinstaub (PM 2,5) in der Atemluft geht die EU-Behörde sogar von 59 500 vorzeitigen Todesfällen in Deutschland aus.

Abgas-Affäre Schmutzige Tricks
Analyse
Abgas-Affäre bei VW

Schmutzige Tricks

Viele Euro-6-Diesel sind nur im vorgeschriebenen Prüfzyklus sauber. Wie die Hersteller Gesetzeslücken nutzen.   Von Joachim Becker

Wie im VW-Abgas-Skandal geht es um Glaubwürdigkeit: Sind die Euro-6-Diesel wirklich so sauber wie moderne Benziner - oder sind sie Teil des Problems? Dürfen sie die blaue Plakette erhalten, die Baden-Württemberg für die nächste Stufe der Umweltzone vorbereitet? Der jüngste Feinstaubalarm mit freiwilligem Fahrverzicht in Stuttgart war nur ein Vorgeschmack. Schon jetzt ist absehbar, dass die bisherigen Maßnahmen nicht greifen. Auch eine Absenkung der Tempolimits kann kontraproduktiv sein: In Tempo-30-Zonen sind viele Fahrzeuge im ersten und zweiten Gang hochtourig unterwegs. Entsprechend mies sind die Abgaswerte. Selbst an Orten mit besonders schutzbedürftigen Menschen liegen die NO₂-Emissionen in Stuttgart weit über dem Limit: Zum Beispiel am Katharinenhospital mit einem Mittelwert von 106 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m³), am Zeppelin-Gymnasium mit 82 µg/m³ oder an der Kindertagesstätte Lukas mit 63 µg/m³.

Man müsse der pauschalen "Diskreditierung der Dieseltechnologie die Stirn bieten", hält VDA-Präsident Matthias Wissmann dagegen. Doch die Autohersteller haben sich die Ausweitung des Dieselskandals selbst zuzuschreiben. Sobald die meisten Selbstzünder aus dem mollig warmen Prüflabor auf normale Straßen gelangen, steigen die Abgaswerte drastisch: Eine Mercedes C-Klasse 220 CDI, die vom holländischen Prüfinstitut TNO getestet wurde, überschritt den Stickoxidgrenzwert ausgerechnet bei innerstädtisch gefahrenen Geschwindigkeiten um mehr als das Zehnfache ( SZ berichtete). Die Straßentests führte TNO bei Außentemperaturen von sieben bis zehn Grad Celsius durch. Also Werten, die ungefähr im Jahresdurchschnitt für Mitteleuropa liegen.

Mercedes Ärger mit dem wundersamen Dieselmotor
Abgastest Mercedes C 220 CDI

Ärger mit dem wundersamen Dieselmotor

Eine C-Klasse blamiert sich beim Abgastest einer niederländischen Prüforganisation. Sofort gibt es Betrugsvorwürfe, doch Mercedes kann sich rechtfertigen.   Analyse von Joachim Becker

AdBlue-Technologie ist innerorts suboptimal

Für die Abgasnachbehandlung mit Harnstoff (AdBlue) ist das schon frostig. SCR-Katalysatoren, die Stickoxide in harmloses Wasser und Stickstoff verwandeln, brauchen Temperaturen um 200 °C, damit sie funktionieren. "Dies wird gerade beim Fahren in Innenstädten zum Problem. Hier werden die optimalen Temperaturbedingungen nicht erreicht und es wird somit weniger NOx reduziert als beispielsweise bei Fahrten auf der Autobahn", erklärt das Umweltbundesamt. Besserung ist erst bei den künftigen Straßenmessungen für Euro 6c (Real Driving Emissions, RDE) in Sicht: Ab September 2017 darf der Stickoxidausstoß neuer Pkw-Typen unter realen Fahrbedingungen maximal das 2,1-Fache des Laborwerts von 80 mg/km erreichen.

Offiziell begrüßt der VDA den RDE-Beschluss des Europaparlaments vom vergangenen Mittwoch. Doch gerade bei vergleichsweise billigen Dieselkleinwagen wissen die Autohersteller noch gar nicht, ob sich die Mehrkosten für die Abgasreinigung überhaupt lohnen. Der Konformitätsfaktor von 2,1 klingt zwar relativ hoch. Doch in derzeitigen Straßentests liegen die meisten Fahrzeuge weit über dem NOx-Ausstoß von 168 mg/km. Ab dem Jahr 2020 müssen neue Fahrzeugtypen die Prüfstandgrenzwerte eins zu eins auf der Straße einhalten. Zulässig ist dann nur noch der Aufschlag für die Messungenauigkeit von 0,5. Das würde das Ende der Dieselstinker bedeuten - wenn nicht der Altbestand von rund 14 Millionen Dieselfahrzeugen in Deutschland wäre. Nach Rechnungen des Umweltbundesamtes wird die Luft in den Innenstädten trotz der neuen Abgasgrenzwerte frühestens 2030 spürbar sauberer.

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