Stau-Ranking Hier stehen Autofahrer mehr als sechs Tage pro Jahr im Stau

  • Berlin war 2018 Deutschlands Stauhauptstadt und löst damit München ab.
  • Nirgendwo sonst verlieren Autofahrer pro Jahr mehr Zeit durch dichten Verkehr, ergab eine Auswertung amerikanischer Verkehrsanalysten.
  • In den meisten deutschen Städten hat sich die Stausituation im vergangenen Jahr gebessert.
Von Christina Müller

Tägliches Pendeln mit dem Auto ist in deutschen Städten nicht nur oft eine Geduldsprobe, sondern kostet Zeit und Geld. Wie viel, das zeigt die aktuelle "Traffic Score Card" der amerikanischen Firma INRIX. Sie hat die Verkehrsdaten in mehr als 200 Städten in 38 Ländern ausgewertet. Diese stammen laut INRIX aus unterschiedlichsten Quellen wie zum Beispiel aus vernetzten Fahrzeugen, von Stadtverwaltungen oder auch aus sozialen Medien sowie Presseberichten.

Anders als in den Jahren zuvor weist die aktuelle Stau-Rangliste nicht mehr die Zeit aus, die ein Autofahrer pro Jahr in einem Stau verbracht hat, sondern den gesamten Zeitverlust für einen Autofahrer, der durch dichten Verkehr in den Städten verursacht wurde. Dabei vergleichen die Studienmacher die Fahrzeit in den Haupt- und Nebenverkehrszeiten, also Pendlerverkehr versus normales Aufkommen auf den Straßen.

Das Ergebnis: Berlin ist Deutschlands Stauhauptstadt und löst damit München ab, das im letztjährigen Ranking noch auf Platz eins stand. 154 Stunden, also mehr als sechs Tage, verlieren Autofahrer in Berlin pro Jahr durch dichten Verkehr. In München sind es noch 140 Stunden, knapp gefolgt vor Hamburg mit 139 Stunden Zeitverlust. Dahinter reihen sich Leipzig (108 Stunden) und Stuttgart (ebenfalls 108) ein.

Auch wenn die Zeitverluste enorm sind, gibt es laut INRIX auch positive Nachrichten: In allen deutschen Städten der Stau-Top-Ten hat sich die Situation 2018 für die Autofahrer verbessert. Am besten schneiden dabei Nürnberg und Stuttgart ab. In beiden Städten hat sich der Zeitverlust für den einzelnen Autofahrer im Vergleich zu 2017 um elf Prozent verringert - also immerhin um etwa zehn Stunden pro Jahr.

Stauforscher Michael Schreckenberg, Physiker an der Universität Duisburg-Essen, vermutet, dass sich die Städte nach den Diskussionen um Schadstoffbelastung und Fahrverbote endlich dazu entschlossen haben, etwas für einen besseren Verkehrsfluss zu tun. "Das können optimierte Ampelschaltungen oder ein besseres Baustellenmanagement sein", so der Experte. Dass ausgerechnet Stuttgart besonders positiv auffällt, dort wo immer wieder die höchsten Schadstoffwerte in der Luft gemessen wurden, stützt Schreckenbergs These: "Der politische Druck auf die Städte ist so groß wie nie. Immerhin zeigen die neuen Zahlen, dass es offenbar durchaus Potenzial gibt, den Verkehrsfluss zu verbessern."

Doch Stau ist nicht nur nervig, sondern auch teuer. So liefert INRIX in seiner Studie auch Zahlen, wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten sind, die durch dichten Verkehr entstehen. Für Berlin sind das zum Beispiel 1,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, was 1340 Euro pro Autofahrer entspricht. Als Berechnungsgrundlage setzen die Verkehrsanalysten 50 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens pro Stunde an. Bundesweit verloren die Deutschen im Jahr 2018 durchschnittlich 120 Stunden im Stau, was für das Land Kosten von 5,1 Milliarden Euro beziehungsweise 1052 Euro pro Fahrer verursachte. Bei dieser wirtschaftlichen Analyse der Gesamtkosten sind direkte, durch Verschwendung von Zeit und Benzin entstehende Kosten berücksichtigt, sowie indirekte Kosten, die etwa betroffenen Unternehmen entstehen - und die sie in Form von höheren Preisen an die Haushalte weitergeben.

Auch bei den Strecken, auf denen Autofahrer am meisten Zeit verlieren, liegt Berlin ganz vorne. Wer regelmäßig auf der Strecke von Berlin-Tempelhof bis zum Halleschen Tor über die Bundesstraße 96 unterwegs ist, verspätet sich aufgrund hoher Verkehrsdichte jährlich um bis zu 28 Stunden. Auch auf dem Hamburger Straßenabschnitt von der Hittfelder Landstraße zu Bei den Mühren über die Bundesstraßen 4 und 75 ist täglich mit vielen Extra-Minuten zu rechnen. Insgesamt liegen sieben der zehn am dichtesten befahrenen Straßenabschnitte Deutschlands in Berlin und Hamburg. Die übrigen drei Plätze belegen Köln und Frankfurt - am Kreuz B55/B9 auf der Strecke zwischen Roonstraße und Turiner Straße in Köln sowie am Schwanheimer Ufer zwischen der Europabrücke und Friedensbrücke in Frankfurt beträgt die Verspätung 17 beziehungsweise zehn Stunden im Jahr. Auch wenn diese Zahlen hoch sind - im Vergleich zu anderen Metropolen ist man in deutschen Städten noch relativ flott unterwegs. So verlieren beispielsweise Autofahrer alleine auf dem Cross Bronx Expressway in New York City jährlich fast fünf Tage durch dichten Verkehr.

Im internationalen Vergleich ist die kolumbianische Hauptstadt Bogotá die Stadt mit dem höchsten Zeitverlust - insgesamt 272 Stunden für jeden Autofahrer pro Jahr. Danach folgen Rom, Dublin und Paris, auch hier fallen teilweise mehr als zehn Tage Zeitverlust für jeden Autofahrer im Jahr an. Dabei fällt auf: Unter den staureichsten Städten sind viele europäische Metropolen. Dies hängt laut INRIX unter anderem mit dem Alter dieser Städte zusammen. Viele Straßen reichen zurück bis in die römische Zeit und waren ursprünglich auf Pferde und Spaziergänger ausgelegt. Mit ihren dichten Stadtkernen, engen Straßen und komplexen Straßennetzen sind diese Städte alles andere als autogerecht. Deutschlands Stauhauptstadt Berlin landet im weltweiten Vergleich nur auf Platz 40, München und Hamburg sind sogar erst auf den Plätzen 58 und 60 gelistet.

Dass Deutschland im weltweiten Vergleich so gut abschneidet, begründen die Verkehrsanalysten von INRIX damit, dass in Schienen- und Straßennetze investiert und so die Mobilität und Kapazitäten erhöht wurden. Zudem sei laufend die Infrastruktur für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr ausgebaut worden - anders als beispielsweise in den USA oder Großbritannien. Schließlich sei Deutschland bei der Flächennutzungs- und Verkehrsplanung weltweit führend, was die Verkehrsberuhigungsprojekte mittelgroßer Städte wie Freiburg und Tübingen belegen.

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