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Städtischer Verkehr:Die Stadt erstickt im Würgegriff des Verkehrs

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Das alltägliche Verkehrschaos auf der Ludwigsstraße in München

(Foto: imago/Westend61)

Über Jahrzehnte wurden Städte nach den Bedürfnissen der Autofahrer geplant. Jetzt bietet sich endlich eine riesige Chance zur Erholung - durch das Elektroauto.

Die Unwirtlichkeit, die sich über den neuen Stadtregionen ausbreitet, ist erdrückend. Muss das so sein, ist das unausweichlich?" Alles Elend der modernen Stadt - hässlich, feindlich, funktional, Profitkriterien ausgeliefert - hat der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich 1965 in seinem Klassiker "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" mit dem ganzen Furor einer aufkommenden Epoche des Protests angeprangert.

Ganz ohne Wirkung ist seine "Anstiftung zum Unfrieden" nicht geblieben. Viele der Fehlentwicklungen, die Mitscherlich beklagte, wurden später erkannt und korrigiert: seelenlose Trabantensiedlungen, Kahlschlagsanierung, die autogerechte Stadt.

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Das Elektrofahrzeug kommt spät, aber es kommt

Mancherorts, vor allem in den Boomstädten, leiden heute jene Viertel, die entfesselte Planer einst durch Autobahnzubringer oder Hochhausblöcke ersetzen wollten, unter ganz anderen Problemen. Sie sind so begehrt, dass Gentrifizierung und die Verdrängung Schwächerer die Stadt auf ganz andere Weise gefährden, als Mitscherlich je ahnen konnte. Ein Übel aber, das er vorhersah, ist geblieben: die Stadt im Würgegriff des Verkehrs. Vielerorts erstickt sie im wahren Sinne des Wortes in Verkehr, Smog und Feinstaub.

Doch ausgerechnet hier ist Abhilfe in Sicht. Nun gilt als möglich, was jahrzehntelang als Ökospinnerei abgetan wurde: das Elektrofahrzeug. Es kommt spät, sehr spät, aber seine Fortschritte sind jäh und gewaltig, gewagt von Pionieren wie der US-Firma Tesla. Wenn die Konzerne des Autolandes Deutschland nun ein bundesweites Netz von Stromtankstellen schaffen wollen, ist das einer Einsicht geschuldet: Wer eben noch behauptete, Elektroautos würden niemals herkömmliche ersetzen können (zu teuer! zu unpraktisch!), den haben Tesla und andere eines Besseren belehrt. Zumindest wird es nicht mehr sehr lange dauern.

Der Gewinn für die Städte, in denen die Mehrheit der Menschen lebt und wo sich die Verkehrsströme verdichten, ist leicht zu sehen. Als Erstes werden sie sich ökologisch erholen, und das nicht nur, indem sie deutlich leiser werden - was für Millionen Lärmgeplagte schon ein Wert an sich wäre. Derzeit sind viele Kommunen selbst durch Fahrverbote außerstande, die Vorschriften zur Reinhaltung der Luft zu erfüllen; darüber dürfte man in einer Generation sicher staunen: Wieso haben Gesellschaften, die immerhin schon wussten, wie gefährlich Pestizide und ungefilterter Kohlenstaub sind, eigentlich so lange zugelassen, dass Autos so viel Dreck ausstoßen, die Klimaerwärmung beschleunigen und die Gesundheit vieler Menschen schädigen dürfen?

Auch die Bewohner der Städte haben Schuld

Das Auto hat sich die Städte unterworfen und sie geformt, wie es vor ihm nur die Fabriken der Gründerzeit getan haben. Viele deutsche Städte wurden nach 1945 autogerecht aufgebaut. Und die Ideologie des Wachstums, auf dessen Grenzen der Club of Rome bereits 1972 weitsichtig hinwies, fordert immer mehr: mehr Autos, Straßen, Arbeitsplätze, Gewinn.

Das liegt aber nicht allein an der Ignoranz der Planer und kurzsichtigem Kalkulieren der Autobauer. Es sind ja viele Bewohner der Städte selbst, welche Mobilität als dringendstes Bedürfnis, ja als Lebensstil definiert haben - um dann, etwas polemisch gesagt, mit ihren SUVs von der schicken Altbauwohnung im Szeneviertel ein paar Kilometer zur Arbeit fahren. Bis heute ist es für Stadtbewohner, die sich ökologisch sehr korrekt fühlen, gar kein Widerspruch, den Kindergarten durch die Forderung nach veganem Bioschnitzel zu peinigen, mit dem eigenen City Jeep aber massenhaft CO₂ in die Luft zu pusten.

Es lohnt sich, über die Stadt als sozialen Raum nachzudenken

Freilich wäre es, gerade für die Städte, nicht damit getan, wenn das herkömmliche Auto einmal durch das E-Fahrzeug ersetzt wird. Ihre Chance wäre es, überhaupt ganz neue Formen der Mobilität zu entdecken - durch weiteren Ausbau des Nahverkehrs, von Car Sharing, von Radwegen, von "Green City"-Konzepten. Die Bürger müssen am Ende wissen und erleben, dass sie selbst von einem solchen Wandel am meisten profitieren. Dieser Wandel wäre gut für die Umwelt, das Klima und nicht zuletzt für das Zusammenleben in der Stadt selbst.

Wie hatte Mitscherlich gesagt? Die monotone, seelenlose, vom Menschen abgewandte Stadt finde oft keine "Bürgerschaft, die sich ihrer Stadt mit Sinn für die Zukunft angenommen hätte". Anstelle des Gefühls von Gemeinschaft wüchsen Unüberschaubarkeit und Vereinzelung, beides aber erzeuge "in Reizbarkeit sich kundgebenden Hass" und eine neue "Neigung zu Intoleranz". Sicher, das ist alles Theorie und ein halbes Jahrhundert her. Aber in Zeiten neuer Intoleranz lohnt es sich allemal, über die Stadt als sozialen Raum nachzudenken.

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