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S-Pedelec im Pendler-Test:"Griechischer Wein" - den könnte man jetzt gut gebrauchen

Noch schlimmer ist es in München selbst. Im Sekundentakt schießen Autos vorbei, obwohl die Geschwindigkeit auf 50 km/h beschränkt ist - und das Stromer 45 km/h fährt. Das Hochhaus eines Kommunikationsanbieters ist zu sehen, Fahrradweg und Bordstein an der Seite verschwinden, es geht dreispurig nach München hinein. Spätestens hier ist es einem auf einem S-Pedelec zwischen den Auto-Strömen ziemlich mulmig zumute. Das Gefühl verstärkt sich auf dem Weg durch das Münchner Zentrum. Die erste Vollbremsung. Ein Audi Q5 zieht über zwei Spuren, um abzubiegen. Kurz vor dessen Stoßstange kommt das Stromer zum Stillstand. Der SUV-Fahrer hat offenbar die Geschwindigkeit des S-Pedelec unterschätzt. Den Blinker betätigen hätte aber auch geholfen.

Nächste Station: Gabelsbergerstraße. Hier musste eine Autospur einem breiten Fahrradweg weichen. Viel geändert hat sich nicht: Die Stadtreinigung parkt auf dem rot markierten Streifen, die Radler müssen auf die Straße ausweichen, das Aggressionspotenzial ist hoch. Der Fahrer eines laut knatternden Minis hupt und deutet mit dem Zeigefinger auf den Radweg. Kurze Überlegung wie das internationale Zeichen für "kaputter Auspuff, es stinkt, schnell reparieren" geht, doch es wird nur ein kurzes Kopfschütteln. Aus dem VW Polo hinter dem Stromer dröhnt laut Udo Jürgens mit "Griechischer Wein". Ein Schluck davon wäre jetzt wirklich nicht schlecht.

"Wäre es nicht besser, wenn du auf dem Fahrradweg fährst?"

Nach einer Stunde und 15 Minuten ist die Fahrt beendet. 15 Minuten langsamer als mit dem Auto oder der S-Bahn, 15 Minuten schneller als mit einem normalen Rad oder Pedelec. Viel ist das nicht. Was vor allem daran liegen dürfte, dass sich der Geschwindigkeitsvorteil egalisiert, sobald sich das Stromer in den zähfließenden Stadtverkehr einreiht. Der größte Nachteil ist aber, dass sich der Fahrer eines S-Pedelecs trotz Nummernschild und Helm zwischen all den Autos irgendwie immer unsicher und gefährdet fühlt. Mangels Verbreitung erkennt keiner, wie schnell das Rad wirklich ist. Und ein Sturz oder Unfall mit 45 km/h kann fatal enden.

Das zeigt sich auch auf der Rückfahrt. Im Dämmerlicht und den Feierabend vor Augen, ist die Hemmschwelle der Verkehrsteilnehmer deutlich niedriger. Während im gut ausgeleuchteten München noch alles reibungslos verläuft, wird der Ton am Rand der Stadt auf den finsteren Straßen deutlich rauher. Ein Autofahrer schneidet den Weg ab, es wird gehupt, die Scheinwerfer blitzen auf. An einer Ampel fährt ein alter BMW so nah heran, dass die Außenspiegel sich nur um ein paar Zentimeter verfehlen, und reflexartig der Fuß zur Seite wandert, damit er nicht überrollt wird. Das Fenster senkt sich langsam. Ein Mann beugt seinen Kopf herüber: "Wäre es nicht besser, wenn du auf dem Fahrradweg fährst?", fragt er. Ganz unrecht hat er nicht. Wäre es. Sicher sogar. Ab morgen dann wieder. Die Pionierarbeit müssen Mutigere übernehmen.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ.de/cku

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