Elektro-Start-up Sono:Solar-Auto mit Prinzip Hoffnung

Elektro-Start-up Sono: Der Sion von Sono Motors: Das etwas kantige Design ist auf die kostengünstige Fertigung und auf 248 dunkle Solarpanele zurückzuführen.

Der Sion von Sono Motors: Das etwas kantige Design ist auf die kostengünstige Fertigung und auf 248 dunkle Solarpanele zurückzuführen.

(Foto: Sono Motors)

Schmales Budget, unfertiges Produkt und Krise beim Auftragsfertiger: Das Sono-Team verbreitet zwei Jahre vor dem Start seines Solar-Elektroautos Sion dennoch Optimismus.

Von Georg Kacher

Das unscheinbare Sono House liegt versteckt in einem Milbertshofener Hinterhof in München. Zwei Autos stehen in dem kargen Zweckbau: der erste Sono-Prototyp und der aktuellste Versuchsträger mit 4,50 Meter Länge. Wobei das Wort "aktuell" hoffentlich nur einen Zwischenstand beschreibt, denn die Verarbeitung des ausschließlich in schwarz lieferbaren Fünftürers hat Dritte-Welt-Niveau. Macht nichts, für eine erste Testfahrt reicht es. Also los, rund um den Block und quer durch den Gewerbehof bis die schmalen Reifen quietschen. Erster Eindruck: fährt, bremst, lenkt.

"Unser Auto ist ein bezahlbarer Gebrauchsgegenstand, der funktionieren und lange halten muss", sagt Vertriebsvorstand Thomas Hausch, der früher bei Chrysler, Mercedes und Nissan war. Tatsächlich erinnert der Wagen optisch an den puristischen Fiat Uno, hat innen aber mehr Platz. Auf dem Instrumententräger thronen zwei unterschiedlich große Displays - garniert mit einem knallgrünen Moospolster. Nett, diese Form von Luftreinigung. Die zweite Besonderheit des Sion ist auf dem rechten Monitor zu sehen: Ein Piktogramm zeigt den Anteil der 248 dunkel schimmernden Solarpanele am Ladezustand der Batterie. Pro Tag sollen im Schnitt 16 Kilometer Reichweite durch die Kollektoren hinzukommen.

Solarzellen auch für Boote, Züge und Wohnmobile

Solarzellen als Rundumbeplankung gab es im Automobilbau so noch nicht - erst die Erfahrung wird zeigen, wie das System mit dem grauen europäischen Winter zurechtkommt. Trotzdem verspricht sich Thomas Hausch viel von der Sono-Kompetenz in Sachen Kollektoren: als zweite Verdienstquelle in Form von Lizenzeinnahmen und Anwendungen für Dritte, etwa für Boote, Züge oder Wohnmobile: "Unsere Zellen sind zwei Drittel leichter als Glas und durch die Polymer-Beschichtung unempfindlicher gegenüber Temperaturschwankungen sowie mechanische Beanspruchung." Außerdem würden die Zellen bei einem leichten Aufprall nicht splittern, sondern nur eine Delle davontragen. "Durch die viel kürzeren Fertigungszyklen - 30 Sekunden statt bis zu 20 Minuten - ergibt sich auch ein substantieller Kostenvorteil." Im Vergleich zu handelsüblichen Paneelen verspricht Sono eine fast viermal höhere Effizienz.

Elektro-Start-up Sono: Zwei Bildschirme und eine Moosbank tragen im Sion zur Unterhaltung und Wohlbefinden der Passagiere bei.

Zwei Bildschirme und eine Moosbank tragen im Sion zur Unterhaltung und Wohlbefinden der Passagiere bei.

(Foto: Sono Motors)

Bei der Batterie haben die Entwickler auf Wunsch der Kunden draufgelegt: Statt wie bisher 35 sollen die Eisenphosphat-Zellen nun eine Kapazität von 54 Kilowattstunden (kWh) erhalten, was einem Aktionsradius von gut 300 Kilometern in der Praxis entspricht. 35 Minuten sollen genügen, um von fünf auf 80 Prozent Ladestand zu kommen. "Wenn das Wetter mitspielt, reicht einmal Laden für 1000 Kilometer fahren," freut sich der Vertriebschef und fügt hinzu: "Das Konzept kommt richtig gut an. Wir haben Reservierungen im Gegenwert von mehr als 300 Millionen Euro eingesammelt - das entspricht einem Drittel der ersten Jahresproduktion. Der Sion wird seinen Weg machen. Wo sonst findet man ein Auto, das allein durch Sonnenenergie pro Woche maximal 245 Kilometer Reichweite bunkern kann?"

Die Autos sollen rund um die Uhr im Einsatz sein

Einnahmen will das Start-up auch mit seiner Sharing-App generieren. Weil in Großstädten wie München die meisten Straßen bis auf den Bürgersteig zugeparkt sind, will Sono seine Autos möglichst rund um die Uhr in Bewegung halten. Man kann das komplette Fahrzeug reservieren, sich zu Einzelfahrten zusammenschließen oder die Stromkosten splitten. Hochgerechnet sollen sich im Schnitt zwölf Personen ein Auto teilen, was die Kosten für den Nutzer um bis zu 85 Prozent senkt und die Auslastung um bis zu 150 Prozent erhöht. Schöner Nebeneffekt für die Firma: Bis 2025 sind mit dem Carsharing Umsätze von 295 Millionen Euro geplant.

Ein Gemeinschaftswerk war auch die Gestaltung der Fahrzeuge. Per Mehrheitsbeschluss votierten rund 15 000 Teilnehmer für die Karosseriefarbe schwarz, wählten silberne Felgen, bestimmten die Ladeleistung und das Wallbox-Design. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 230 Angestellte, doch bis zum Anlauf der Produktion in zwei Jahren soll die Belegschaft auf 875 Mitarbeiter wachsen. Gefertigt wird voraussichtlich im früheren schwedischen Saab-Werk Trollhättan etwa 75 Kilometer nördlich von Göteborg. Die Fabrik wurde im Juli 2020 von der Evergrande New Energy Vehicle Group (NEVS) übernommen. Wegen Finanzproblemen ihrer chinesischen Dachgesellschaft musste die NEVS gerade Hunderte Mitarbeiter entlassen. Das könnte auch die Auftragsfertigung des Sion gefährden, der 275 000 Abnehmer finden soll.

Was, wenn auch NEVS untergeht? "Wir bleiben in jedem Fall unserem Konzept treu," verspricht Mitgründer Laurin Hahn. "Das heißt Fremdvergabe der Produktion, Einheitspreis von 25 000 Euro, und dank Direktvermarktung kaum Vertriebskosten." Als Servicepartner sind Bosch-Dienste und freie Werkstätten vorgesehen, wobei leichte Arbeiten in Eigenleistung erledigt werden können. Wenn der Serienanlauf wie geplant klappt.

© SZ/bica
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