bedeckt München 15°
vgwortpixel

Solar-Impulse-Pilot Bertrand Piccard:Mit der Kraft der Sonne einmal um die Welt

Ikarus wird Realität: 2010 soll das erste bemannte Solarflugzeug der Welt in die Luft gehen - mit Pilot Piccard und Solar Impulse.

Psychiater, Pionier und Pilot - vor zehn Jahren ist Bertrand Piccard als Erster mit einem Heißluftballon um die Welt geflogen. Heute präsentiert er gemeinsam mit seinem Partner André Borschberg auf dem Flughafen Dübendorf in der Nähe von Zürich den Prototypen seines neuen Solarflugzeugs: Solar Impulse hat die Spannweite eines Airbus und das Gewicht eines Kleinwagens. Ab 2012 wollen Piccard und Borschberg mit einem vergleichbaren Modell Tag und Nacht die Erde umrunden.

Bertran Piccard

Betrand Piccard, einer der beiden

Solar-Impulse

-Piloten

(Foto: Foto: Solar Impulse)

sueddeutsche.de: Sie wollen mit einem Solarflugzeug um die Welt fliegen, ohne Treibstoff und immer möglichst nah an der Sonne. Sind Sie so etwas wie ein moderner Ikarus?

Bertrand Piccard: In der griechischen Mythologie wollte Ikarus vor König Minos fliehen und dem Labyrinth des Minotaurus entkommen. Solar Impulse will mit Hilfe neuer Technologien einer Welt entfliehen, die komplett abhängig ist von fossilen Energien. Tatsächlich kann man beides also vergleichen.

sueddeutsche.de: Bei Ikarus ging das Abenteuer nicht gut aus. Sind Sie sicher, dass Ihr Prototyp fliegt?

Piccard: Natürlich haben wir viele Tests und Simulationen am Computer durchgeführt, aber der Moment der Wahrheit kommt dann, wenn wir versuchen, zum ersten Mal vom Boden abzuheben. Die ersten Testflüge sind für diesen Herbst geplant.

sueddeutsche.de: Nach fünf Jahren Planung und Konstruktion wollen Sie 2010 die ersten Nachtflüge wagen und ab 2012 die Weltumrundung in zunächst fünf Etappen. Warum dauert das so lange?

Piccard: Sie müssen wissen, dass ein solches Flugzeug noch nie zuvor in der Luftfahrtgeschichte gebaut worden ist. Wir müssen einen komplett neuen Flugzeugtyp entwickeln, alles am Computer kalkulieren, simulieren, jedes Teil einzeln testen und dann das Zusammenwirken aller Teile optimieren. Die Entwicklung von einem weißen Blatt Papier hin zu einem revolutionären Flugzeug, das etwas bislang komplett Unmögliches schaffen soll, dauert eben ein bisschen. Schließlich wollen wir nicht die gleichen Probleme wie Ikarus bekommen.

sueddeutsche.de: Solar Impulse hat mit fast 64 Metern die Spannweite eines Airbus A340 und ist mit 40 PS so leistungsstark wie ein Motorrad. Wird dieses Flugzeug jemals alltagstauglich sein?

Piccard: Als Charles Lindberg 1927 den Atlantik überquerte, war er allein an Bord und sein Flugzeug komplett mit Treibstoff gefüllt. Jeder sagte damals: Toll, wenn wir in die USA fliegen wollen, müssen wir alle Piloten werden und ein eigenes Flugzeug besitzen. Und 25 Jahre später saßen 250 Passagiere in jedem Flugzeug, das den Atlantik überquert hat. Sicher, wir fliegen mit einer Riesen-Spannweite und weil wir 400 Kilogramm Batterien an Bord haben, können wir nur eine Person, den Piloten, mitnehmen. Aber wer weiß: Vielleicht haben wir in 25 Jahren andere Technologien, die 250 Passagiere mit Solarenergie befördern können. Wir müssen die Tür einmal öffnen, um herauszufinden, was auf der anderen Seite ist.

sueddeutsche.de: Was wollen Sie mit diesem Projekt erreichen?

Piccard: Wir glauben, wenn ein Flugzeug dazu in der Lage ist, ohne Treibstoff und ohne Schadstoffemission rund um die Welt zu fliegen, kann keiner mehr sagen, es sei unmöglich, erneuerbare Energien im Alltag zu nutzen - für Autos, Klimaanlagen und Computer zum Beispiel. Wir wollen ein Signal setzen: Es ist heute schon möglich, mit Hilfe neuer Technologien die Zukunft unseres Planeten zu sichern.

sueddeutsche.de: Der Einsatz erneuerbarer Energien ist oft mit Zusatzkosten und mit Komfort- oder Mobilitätseinschränkungen verbunden. Müssen wir uns nicht damit abfinden, dass die wenigsten Menschen dazu bereit sind?

Piccard: Leider werden erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit von vielen als Bedrohung für den Lebensstandard gesehen. Schließlich haben grüne Parteien rund um den Globus lange genau so argumentiert: "Wir müssen uns einschränken, um die Umwelt zu schützen." Viele Menschen denken, erneuerbare Energien seien teuer und unattraktiv. Wir wollen mit Solar Impulse eine positive, erstrebenswerte Vision vermitteln. Wir wollen zeigen, dass das größte Abenteuer des 21. Jahrhundert darin besteht, Energie zu sparen. Das ist der einzige Weg, um in Zukunft nicht schlechter, sondern besser zu leben.

Die Nacht ist das Problem

sueddeutsche.de: Lassen sich die Interessen von Ökologie und Ökonomie überhaupt unter einen Hut bringen?

Piccard: Ja, sicher. Die aktuelle Finanzkrise ist nichts als das Ergebnis einer sehr kurzfristigen Vision. Die Weltökonomie war allein darauf ausgerichtet, die natürlichen Ressourcen zu verschwenden. Die einzige Möglichkeit, langfristig aus der Finanzkrise zu kommen, Profit zu machen und den Lebensstandard dauerhaft zu verbessern, ist die massive Investition in nachhaltige Infrastrukturen. Anstatt den Arbeitslosen Geld zu geben, damit sie zuhause sitzen und deprimiert sein können, müssen wir Menschen einstellen, um Solarkraftwerke, Geothermische Fabriken, Biogasanlagen zu bauen. Das sind die Dinge, die ein Land in Zukunft reicher machen werden. Jeder Euro, den wir nicht ins Ausland bringen, um Öl, Gas oder Kohle zu kaufen, ist ein Euro, den wir hier nutzen können, um die Kaufkraft zu stützen.

sueddeutsche.de: Was kann die Wirtschaft von Entdeckern und Abenteurern lernen?

Piccard: In der Vergangenheit haben Wirtschaft und Industrie das genaue Gegenteil von dem getan, was Forscher und Abenteurer tun. Man hat nicht in die Zukunft gesehen, sondern nur reproduziert - die gleichen Denkmuster, die gleichen Verhaltensweisen und die gleichen Fehler. Forscher und Abenteurer zu sein bedeutet, das Unbekannte zu entdecken und dabei Unsicherheiten zu akzeptieren, weil das die Kreativität stimuliert und neue Arten zu denken und zu arbeiten möglich macht. Genau diesen Abenteuergeist braucht die Industrie jetzt, um alles infrage zu stellen und neue Antworten zu finden.

sueddeutsche.de: Nach zwei gescheiterten Versuchen haben sie 1999 als erster mit einem Ballon ohne Zwischenlandung die Welt umrundet. Wie viele Versuche geben Sie - beziehungsweise ihre Hauptsponsoren Solvay, Omega und Deutsche Bank - Solar Impulse, die Erde zu umrunden?

Piccard: Wer komplett neue Wege beschreiten will, muss das Risiko des Scheiterns akzeptieren. Das haben natürlich auch unsere Partner verstanden. Sie sponsern keinen Fußballverein, sondern ein Projekt, von dem die meisten glauben, es ist nicht möglich. Alle unsere Partner haben den Pioniergeist und das Durchhaltevermögen, um es trotzdem zu schaffen.

sueddeutsche.de: Welches sind die größten Herausforderungen, die sie dabei meistern müssen?

Piccard: Der wirklich limitierende Faktor ist der Nachtflug. Nur tagsüber zu fliegen wäre leicht: Man packt ein paar Solarzellen auf ein kleines Flugzeug und einen Elektromotor und fliegt los. Die größte Herausforderung besteht darin, tagsüber so viel Energie zu speichern, dass wir während der Nacht in der Luft bleiben können. Wir müssen am Tag über den Wolken fliegen, um die Batterien aufzuladen und nachts so niedrig wie möglich, um Energie zu sparen. In diesem Wellenflug wollen wir in 20 bis 25 Tagen rund 40.000 Kilometer zurücklegen. Alle vier bis fünf Tage ist ein Stopp geplant, um den Piloten auszutauschen. Mein Partner André Borschberg und ich werden das Flugzeug abwechselnd fliegen.

sueddeutsche.de: Sie sind ein großer Bewunderer des Romanschriftsteller Jules Verne - ein visionärer Geist, aber auch ein Meister der Utopie. Ist Solar Impulse mehr als ein Science-Fiction-Abenteuer?

Piccard: Für mich war Jules Verne nie ein Utopist und auch kein Science-Fiction-Autor. Für mich ist er ein Visionär mit klaren Vorstellungen von dem, was in der Zukunft möglich sein würde. Alles, was er beschrieben hat, ist tatsächlich passiert: Die Menschen sind in die Tiefen des Meeres getaucht, rund um die Welt und auf den Mond geflogen. Jules Verne hat gezeigt, dass man mit Leidenschaft und Ausdauer das Unmögliche möglich machen kann. Solar Impulse hat die gleiche Philosophie. Das ist der Grund dafür, dass der Enkel von Jules Verne einer der Schirmherren unseres Projekts ist.

sueddeutsche.de: Beim Versuch Grenzen zu überschreiten ist das Scheitern ein ständiger Begleiter - was lernen Sie aus Niederlagen?

Piccard: Ich habe gelernt, wer gewinnen will, muss es mindestens einmal mehr versuchen als die Zahl der Fehlschläge beträgt. Und: Jedes Mal, wenn man es erneut versucht, muss man die Strategie ändern. Wer ein Problem immer und immer wieder auf genau die gleiche Art angeht, ist stur. Wer seine Strategie nach jedem Scheitern modifiziert, ist beharrlich und das ist ein großer Unterschied.

Im Comic-Strip verewigt

sueddeutsche.de: Mit Beharrlichkeit haben Sie eine Menge Rekorde gesammelt. Sie zählten mit 16 Jahren zu den Pionieren im Fliegen von Ultraleichtflugzeugen, sie waren Europameister im Kunstflug und überquerten als Erster die Alpen von der Schweiz nach Italien...

Piccard: Trotzdem ist es nicht mein primäres Ziel, Rekorde zu brechen, sondern Dinge zu erreichen, die bisher niemand erreicht hat. Einen Rekord zu brechen, heißt immer nur zu verbessern, was andere bereits geschafft haben. Ich will der Erste sein, der das Unmögliche möglich macht. Das bedeutet: Ich kämpfe nicht gegen andere sondern gegen mich selbst.

sueddeutsche.de: Ihr Großvater Auguste Piccard ist als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre aufgestiegen. Ihr Vater Jacques tauchte mit einer Kapsel in den Marianengraben, die tiefste Stelle des Ozeans. Für neue Familienrekorde bleibt Ihnen also nur die Mitte?

Piccard: Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Es gab eine Zeit, in der es darum ging, so hoch wie möglich zu fliegen, um der modernen Luftfahrt den Weg zu bahnen. Und es gab eine Zeit, in der die Herausforderung darin bestand, an den tiefsten Punkt des Meeres hinab zu tauchen, um zu sehen, ob es dort Leben gibt. Jetzt ist es an der Zeit, zu beweisen, was mit erneuerbaren Energien möglich ist. Es ist die gleiche Motivation, die meinen Vater, meinen Großvater und mich antreibt, aber die Herausforderungen haben sich geändert.

sueddeutsche.de:Ist diese Familientradition für Sie ein Ansporn oder auch eine Last?

Piccard: Sie hat mich immer motiviert. Die Freunde meines Vaters waren Astronauten, Tiefseetaucher, Forscher und Abenteurer. Schon als ich ein Kind war, haben mir all diese Menschen gezeigt, wie spannend es sein kann, das Leben zu erforschen. Ich wusste sehr früh, dass auch ich diesen Weg gehen wollte. Leicht ist das natürlich nicht immer: Man muss sehr viel arbeiten, um zu erreichen, was man will, und lernen, Niederlagen zu verkraften.

sueddeutsche.de: Ihr Großvater Auguste war die Inspiration für die Figur des Professor Bienlein im Comic "Tim und Struppi". Sein Bruder Jean-Felix Piccard stand Pate für Captain Jean-Luc Picard in der Science-Fiction-Serie "Star Trek - The Next Generation". Für welchen Comic- oder Filmhelden wären Sie gern Vorbild?

Piccard: Ich bin sehr zufrieden mit der Rolle, die ich im wahren Leben spiele.

sueddeutsche.de: Sie sind nicht nur Abenteurer sondern auch Psychiater und Psychotherapeut. Was haben die Erforschung der inneren und der äußeren Welt gemeinsam?

Piccard: Sehr viel. Wer die innere Welt erforscht, muss mit Emotionen, Denkmustern, Ängsten umgehen. Man muss sein inneres Potential mobilisieren, um sich selbst besser zu verstehen und die eigenen Ressourcen besser zu nutzen. Das gilt auch für die Erforschung der äußeren Welt: Wir müssen all unsere Ressourcen mobilisieren, um neue Wege zu beschreiten und dabei Ungewissheit akzeptieren und Zweifel überwinden.

sueddeutsche.de: Was kommt nach Solar Impulse?

Piccard: Ich glaube das Projekt startet erst wirklich nach dem Flug um die Welt. Alles was wir jetzt tun ist, zu beweisen, dass es geht. Wenn es einmal bewiesen ist, werden wir den Flug politisch nutzen, um zu beweisen, was wir alles erreichen können, wenn wir auf die Entwicklung erneuerbarer Energien setzen. Unser Ziel ist es nicht, um die Welt zu fliegen. Unser Ziel ist es, Millionen von Menschen an unserem Abenteuer teilhaben zu lassen und sie zu motivieren im täglichen Leben Energie zu sparen. Solar Impulse ist nicht unser persönliches Abenteuer, es soll das persönliche Abenteuer jedes Menschen werden.

© sueddeutsche.de/gf
Zur SZ-Startseite