Skoda Favorit / Forman Aufbruch zu neuen Ufern

Die drittälteste Automarke der Welt setzt auf Expansion

(SZ vom 30.05.1992) Es gibt Automarken, die zwar auf eine lange Tradition zurückblicken können, die aber beinahe dem Schatten des Vergessens anheim gefallen wären, weil sie nicht mit konkurrenzfähigen Produkten auf dem Markt vertreten waren: So haftete etwa Skoda - dem 1918 in der Tschechoslowakei gegründeten Unternehmen, dessen Anfänge bis in das Jahr 1905 zurückreichen - im Westen Deutschlands der angebliche Makel an, Billigprodukte mit schlechter Verarbeitungsqualität und veralteter Technik zu bauen. In der Ex- DDR genoß die nach Mercedes und Peugeot drittälteste, noch existierende Automarke einen wesentlich besseren Ruf: Wer in den Genuß eines Skoda kam, blickte stolz auf die Trabis und Wartburgs hinab. Dieses gespaltene Image zeigt bis heute Nachwirkungen: Gerade 2500 Skoda-Modelle fanden im vergangenen Jahr in Westdeutschland einen Käufer, in den neuen Bundesländern konnten 20 000 abgesetzt werden.

Seitdem sich nun im April 1991 Volkswagen zu 70 Prozent an dem vormals in Staatsbesitz befindlichen Konzern beteiligt hat, soll das Geschäft massiv angekurbelt werden. Da die Entwicklungszeit für neue Modelle nicht ausreichte, wurden unter tatkräftiger Mithilfe von VW zahlreiche Detailverbesserungen am Modell Favorit und dessen Kombi-Variante Forman vorgenommen.

Doch Detailverbesserungen wie die Verringerung des Türspalts, die Verwendung von beuen Stoffen oder eine neue, elastische Lagerung für den Lüftungsventilator zur Geräuschminderung werden nicht ausreichen, um auch im Westen Fuß zu fassen: Das Bild der Marke soll in den Köpfen der Käufer in neuem Glanz erstrahlen - und dabei kann das Renommé von Volkswagen gute Dienste leisten. 'Skoda hat nämlich kein schlechtes Image, sondern gar keines,' versichert Skoda Deutschland- Geschäftsführer Ulrich Urban treuherzig. Das stärkste Verkaufsargument von Skoda sind aber immer noch die günstigen Preise: Das Einstiegsmodell des Favorit kostet 11 990 Mark, der Kombi 13 550 Mark. Allerdings verfügen diese Varianten über eine unzeitgemäße Abgasreinigungstechnik: Der 1,3-Liter-Motor mit 44 kW (60 PS) ist nur mit einem ungeregelten Katalysator verbunden. Wer auf den aus Umweltgründen dringend gebotenen, geregelten Dreiwege-Katalysator nicht verzichten will, muß zu den rund 1700 Mark teureren LE-Varianten greifen. Diese Motorversion stellt 40 kW (54 PS) zur Verfügung.

Wie fahren sich nun Favorit und Forman, neben denen es auch noch eine Pick- up-Variante gibt? Der Motor verleugnet nicht, daß er ein Vertreter der älteren Generation ist: 54 PS reichen zwar völlig aus, um im Alltagsverkehr mitzuschwimmen und die erzielbare Höchstgeschwindigkeit liegt knapp über der auf deutschen Autobahnen empfohlenen Richtgeschwindigkeit - in puncto Laufkultur darf man von dem hubraumschwachen Aggregat aber keine Wunderdinge erwarten. Die Maschine läuft rauh, bei höheren Drehzahlen gar ein bißchen unwillig. Häufiges Schalten ist dennoch angeraten, denn niedertouriges Fahren ist nun wirklich nicht die Stärke dieses Motors. Wer bei Tempo 60 in den fünften Gang schaltet, erntet außer einem unwilligen Brummen keinen spürbaren Vorwärtsdrang. Der Verbrauch beträgt laut Werksangaben im Drittelmix 7,6 Liter auf 100 Kilometer.

Das Fahrwerk ist den Sitzen angepaßt: Beide sind zu weich ausgelegt, so daß die Schrägheck- oder Kombikarosserie in engen Kurven in bedenkliche Schieflage geraten kann. Die Lenkung - eine Servounterstützung ist nicht verfügbar - hinterläßt einen etwas teigigen Eindruck, während die Bremsen nach einem beherzten Tritt ausreichend gut verzögern.

Im Innenraum - VW möge uns verzeihen - herrscht so etwas wie ein Plaste- und-Elaste-Look. Lenkrad und Armaturenbrett sehen nicht nur aus wie Plastik, sie sind es auch - und riechen zudem zudem noch so. Der Türoffnungsmechanismus macht einen klapprigen Eindruck, der nur noch durch die wenig solide wirkende Ausführung des Blinkerhebels übertroffen wird. Dafür überfordert die Instrumenteneinheit im klobigen Vierecksdesign die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht: Geschwindigkeit, Drehzahl, Tankinhalt und Kühltemperatur sind gut abzulesen - mehr muß man über den momentanen Zustand eines Automobils nicht wissen. Beim Forman ist immerhin die umklappbare Rücksitzlehne ein praktisches Detail.

Mit dem Engagement bei Skoda erreicht VW eine klar gegliederte Markenhierarchie: Audi als Spitzenmarke, VW für die breite Masse und Skoda als Abrundung des Segments nach unten - nur Seat agiert etwas neben dieser vertikalen Struktur. Mehr als acht Milliarden Mark wollen die Wolfsburger in den nächsten zehn Jahren bei Skoda investieren. Zunächst soll das Händlernetz von derzeit 310 bis zum Jahresende auf 500 ausgeweitet werden. Urban hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: 1992 sollen bereits 30 000 Skoda in Deutschland verkauft werden, ein Jahr später gar 50 000. Wenn das nicht klappt, findet er das sicher 'Skoda', was auf tschechisch 'schade' bedeutet.

Von Otto Fritscher