Sicherheit moderner Autos:Auch die Organe leiden

Weil die Insassen beim Unfall mit höherer Wucht nach vorne schleudern, müssen auch Airbags blitzschnell - also "aggressiv" - aufgeblasen werden und die Gurtstraffer mit immer größerer Kraft zupacken, um eine ausreichende Rückhaltewirkung zu erzielen. Wissenschaftler der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald berichten, dass der Airbag zwar die Schwere und die Häufigkeit von Kopfverletzungen verringert, doch das dürfe nicht über Risiken für andere Körperregionen hinwegtäuschen. "Umgekehrt nämlich sind Brustverletzungen nach Auslösen eines Airbags häufiger und schwerer", stellen die Forscher fest.

Unter den hohen G-Kräften, die beim Unfall auf die Insassen einwirken, leiden nicht nur die Knochen, sondern auch die Organe, allen voran Lunge, Leber und Nieren: Die Folge sind innere Blutungen, weil die Arterien und Venen den extremen Belastungen nicht gewachsen sind. Senioren, Jugendliche und Frauen sind besonders gefährdet. Schon ab dem 55. Lebensjahr steigt die Gefahr lebensbedrohlicher Verletzungen um 14 Prozent und nimmt danach kontinuierlich zu. 70-Jährige haben ein 22 Prozent höheres Verletzungsrisiko. "Ein wichtiger Grund dafür ist die abnehmende Belastungsfähigkeit des Gewebes und des Skeletts", erklärt ADAC-Unfallexperte Thomas Unger. "In Anbetracht der ständig älter werdenden Gesellschaft muss dieses Problem aufgegriffen und gelöst werden."

Bei Crashtests gelten männliche Maßstäbe

Frauen und Jugendliche dagegen fahren vor allem wegen ihrer geringeren Körpergröße mit höherem Risiko: In den vom ADAC untersuchten Frontalkollisionen erlitten 54 Prozent der weiblichen Autoinsassen schwere bis lebensbedrohliche Verletzungen des Brustkorbs, während solche Unfallfolgen nur bei 36 Prozent der Männer diagnostiziert wurden. Unfallforscher der deutschen Autoversicherer geben ihren ADAC-Kollegen recht: "Die Ergonomie und der Insassenschutz - vor allem in Kleinwagen - werden kleinen Personen nicht gerecht", vermuten die Fachleute nach einer umfangreichen Unfallstudie in Süddeutschland.

Kein Wunder: Bei den Euro-NCAP-Crashtests gelten vor allem männliche Maßstäbe. Der Test-Dummy ist ein sogenannter 50-Prozent-Typ, dessen Größe und Gewicht rund die Hälfte der männlichen Bevölkerung repräsentiert. Dummys mit weiblichen Dimensionen setzt man hingegen nicht ein, sodass die Tester auch keine Handicaps für kleinere und leichtere Insassen feststellen. "Neue Testmethoden könnten helfen, die Probleme aufzudecken und bei Unfällen Leben zu retten", kritisieren die ADAC-Unfallforscher das Euro-NCAP-Verfahren, bei dem der Club allerdings selbst als Prüforganisation mitmacht.

Wer bei Crashtests etwas verändern will, braucht Geduld. Das zeigt die Arbeit einer UNECE-Expertengruppe aus Industrie und Behörden, die sich seit nunmehr drei Jahren darum kümmert, den Insassenschutz für Frauen und Senioren zu verbessern. Künftig soll zumindest bei einem der gesetzlich vorgeschriebenen Crashversuche (nicht beim Euro-NCAP-Verfahren) ein weiblicher Dummy als Beifahrer an Bord sein.

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