Sicherheit bei Lastwagen Ein Notbremsassistent hätte kaum geholfen

Bleibt die Frage, warum der Notbremsassistent den Scania nicht rechtzeitig zum Stehen gebracht hat. Neu zugelassene Lastwagen müssen diese Technik an Bord haben, und es ist wahrscheinlich, dass das relativ neue Modell der polnischen Spedition über das Assistenzsystem verfügte. Allerdings lässt es sich leicht per Tastendruck ausschalten, was Lkw-Fahrer auch oft tun - beispielsweise dann, wenn sie vor einem Überholvorgang auf der Autobahn dicht auf das Fahrzeug vor ihnen auffahren, um den Schwung auszunutzen.

Es ist jedoch sehr fraglich, ob das System bei dem sehr speziellen Szenario in Berlin viel bewirkt hätte. Erstens sind Notbremsassistenten dafür optimiert, Auffahrunfälle auf andere Fahrzeuge zu vermeiden, etwa an Stauenden. Fußgänger oder andere Hindernisse zu erkennen, bereitet ihnen dagegen Probleme. Außerdem können sie die Geschwindigkeit in der Regel nur um zehn Kilometer pro Stunde verringern. "Durch die schiere Masse eines Lastwagens reicht schon eine Aufprallgeschwindigkeit von 30 km/h aus, um verheerenden Schaden anzurichten", sagt Herbert Fuss vom ADAC. Es mache deshalb kaum einen Unterschied, ob der Notbremsassistent aktiviert war oder nicht.

Es ist trotzdem leicht, Zugriff auf einen Lkw zu bekommen

BGL-Geschäftsführer Karlheinz Schmidt hält die Technik der derzeit eingesetzten Lastwagen trotz aller Einschränkungen für sicher genug. Viel größere Sorgen bereitet ihm die Sicherheit auf den Rastanlagen und Parkplätzen. Dort sei die Kriminalität besonders hoch: "Wir fühlen uns verlassen, wir fühlen uns unsicher." Immer wieder würden Fahrer mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt, um ihre persönlichen Dinge oder gar die Ladung zu stehlen. Wer den Fahrer überwältigt habe, habe auch den Fahrzeugschlüssel in seiner Gewalt. Schmidt sieht die Politik in der Pflicht, die Sicherheit zu erhöhen: "Wir brauchen erstens mehr Polizeistreifen und zweitens beleuchtete Parkflächen. Wenn es so leicht ist, Zugriff auf einen Lkw zu bekommen, muss man sich nicht wundern, dass er als Waffe eingesetzt wird."

Beim Terrorakt in Nizza wurde der Lastwagen allerdings nicht gestohlen, sondern gemietet. Das scheint auf den ersten Blick die einfachste Variante zu sein, einen Lkw als Waffe zu missbrauchen. Dem widerspricht Michael Schittenhelm vom Lastwagen-Verleih KLV Rent: "Wir vermieten nur an gewerbliche Kunden, die ihr Geschäft schon lange Jahre ausüben." Die Kunden seiner Firma müssten die entsprechenden Nachweise und ihre Bonität offenlegen, bevor sie einen Lkw mieten könnten. "Je kürzer jemand sein Geschäft betreibt, desto genauer schauen wir hin." Drei bis fünf Jahre seien die Mindestanforderung.

Auch Miet-Lkw können erfasst werden

GPS-überwacht sind seine Fahrzeuge zwar nicht, aber die Technik sei grundsätzlich dafür vorbereitet. "Der Kunde kann an unser Fahrzeug seine Telematiksysteme anschließen und das überwachen lassen. Ob er das tut oder nicht, entscheidet er allein." Das liege auch daran, dass viele Speditionen aus Wettbewerbsgründen nicht wollten, dass der Vermieter jederzeit die Position des Lastwagens kennt. Wenn gewünscht, kann das Fahrzeug aber alle möglichen Daten an die Spedition übertragen.

Sowohl die Spediteure als auch die Vermieter schätzen ihre Möglichkeiten, Anschläge wie jenen in Berlin zu verhindern, jedoch als sehr begrenzt ein. Schittenhelm sagt: "Wenn ein Fahrzeug missbraucht wird, um eine solche Art von Anschlag zu verüben, können wir nichts mehr unternehmen."

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