Schwertransport-Begleitung Nie mehr warten auf die Polizei

Noch werden die meisten Schwertransporte in Deutschland von mindestens einem Polizeiauto begleitet.

(Foto: Jan A. Staiger)

Schwertransporte binden aktuell noch viele Kräfte bei der Polizei. Künftig soll sich das ändern, wenn immer mehr private Dienstleister mit speziell dafür ausgerüsteten Fahrzeugen zum Einsatz kommen.

Von Marco Völklein

Wenn die gelben Warnleuchten auf dem Fahrzeugdach blitzen, der Warnblinker läuft und auf der großen Anzeige auf dem Dach der Schriftzug "Achtung Schwertransport" immer wieder aufleuchtet, dann steuert Sascha Kirschner sein gelbes Begleitfahrzeug nur noch selten auf der eigenen Spur. Vielmehr zieht er dann immer mal wieder weit in die Gegenspur hinein, warnt den entgegenkommenden Verkehr per Lichthupe und drängt die Autofahrer so dazu, an den von ihnen aus gesehen rechten Fahrbahnrand zu steuern. "Noch ein Lkw", gibt Kirschner per Funk an seinen Kollegen Stefan Hebel im zweiten Begleitfahrzeug ein Stückchen weiter hinten weiter. "Aber der macht bereits schön Platz."

Den benötigen die beiden Begleitfahrer auch dringend. Denn hinter den zwei knallgelb lackierten Begleitfahrzeugen steuert Lkw-Fahrer Christian Häusler im Auftrag der Spedition Bauer aus dem niederbayerischen Arnstorf seinen Truck mit den großen Teilen durch die Nacht. Der Schwertransport ist eigentlich gar nicht so richtig schwer, lediglich 40 Tonnen bringt Häuslers Laster auf die Waage. Allerdings sind die riesigen Fensterbauteile, die er geladen hat und die er in dieser Nacht von Arnstorf aus zu einer Supermarktbaustelle nach Weiden fahren soll, bis zu 4,85 Meter breit. Und das bedeutet: Für den Transport gelten besondere Auflagen.

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Unter anderem darf er nur nachts in der Zeit von 22 bis 6 Uhr außerhalb von Autobahnen unterwegs sein. Und um zum Beispiel Engstellen im Straßennetz überhaupt passieren zu können, müssen Kirschner und Hebel mit ihren Begleitfahrzeugen vorausfahren und Platz auf den Straßen schaffen für den Transporter im XXL-Format. Außerdem haben die Behörden angeordnet, dass zumindest ein Streifenwagen der Polizei den Transport auf der gut 50 Kilometer langen Strecke von Arnstorf aus bis zur Autobahn A3 an der Anschlussstelle Straubing begleitet. Nach hinten sichert zudem ein weiteres Begleitfahrzeug die Straße ab, auf dem Dach dort leuchtet gut sichtbar im Wechsel ein Achtung- und ein Überholverbot-Schild auf. Mit Tempo 60 bewegt sich der Konvoi nun auf der Bundesstraße 20 in Richtung Norden.

Zuvor allerdings hatten Lkw-Fahrer Häusler und seine Begleiter mehr als eine Stunde lang auf die Polizisten gewartet - und dass, obwohl Häusler, wie vorgeschrieben, bei der Einsatzzentrale der Polizei eine Stunde vor der geplanten Abfahrt telefonisch die Begleitung durch die Beamten angefordert hatte. Die aber mussten zunächst noch zu einem Einbruch eilen; entsprechend verzögerte sich die Abfahrt des Konvois. Begleitfahrer Kirschner kennt solche Fälle zur Genüge: "Wenn man etwas lernt in diesem Job", sagt er, "dann ist es das Warten auf die Polizeibegleitung."

Künftig könnte Sascha Kirschner mit seinem Fahrzeug auch ohne Polizeiunterstützung Schwertransporte begleiten.

(Foto: Jan A. Staiger)

Tatsächlich bestehen die Genehmigungsbehörden bei vielen Schwertransporten nach wie vor darauf, dass zumindest ein Polizeifahrzeug mitfährt. Die gesetzlichen Vorgaben sind da relativ rigide. In anderen Ländern läuft es anders: In Österreich zum Beispiel ersetzen schon seit einigen Jahren bei den meisten Transporten Begleitfahrzeuge von privaten Unternehmen die Streifenwagen der Polizei. Und auch in einigen deutschen Bundesländern soll diese Praxis künftig eher die Regel denn die Ausnahme sein. "Es gibt wichtigere Aufgaben für unsere Polizistinnen und Polizisten", sagt zum Beispiel der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er denkt da unter anderem an die Bekämpfung des Terrorismus oder die Einbruchskriminalität. Nicht selten kommt es vor, dass ein Schwertransport irgendwo am Straßenrand stehen bleiben muss, weil die ihn begleitenden Beamten zu einem Notfalleinsatz wegbeordert werden - und gerade in ländlichen Regionen und dann auch noch nachts kein anderer Streifenwagen zur Verfügung steht.

So verbrachten allein in Bayern die Beamten im Jahr 2016 laut Herrmann etwa 63 000 Einsatzstunden damit, Schwertransporte abzusichern - 50 Prozent mehr als 2010. Unter anderem führte der Boom bei Windkraftanlagen zuletzt zu mehr XXL-Verkehr auf den Straßen, heißt es beim Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen. Auch die gute Konjunktur wirke sich auf die Zahl der Transporte aus: Große Betonfertigteile für Werks- oder Fabrikhallen sowie schwere Baumaschinen gelangen per Schwerlaster zu den Baustellen. Zu viele Polizisten würden bei solchen Einsätzen "verbraten", sagt Hans-Jürgen Marker von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Auch der Verkehrsgerichtstag hatte sich schon vor Jahren dafür ausgesprochen, die Blaulichtbegleitung in Zukunft durch einen privat organisierten Geleitschutz zu ersetzen - und die Polizeibeamten lieber für Tempokontrollen oder Abstandsmessungen einzusetzen. Das mache die Straßen sicherer als jede Schwertransport-Eskorte.

"Verwaltungshelfer" machen Polizeipräsenz unnötig

Deshalb sollen künftig verstärkt Fahrer von privaten Unternehmen die Absicherungsarbeit übernehmen - so wie Sascha Kirschner, der für das mittelfränkische Unternehmen MSW Schwertransportbegleitung tätig ist. In einem mehrwöchigen Lehrgang wurde er bei der Regierung von Mittelfranken zum "Verwaltungshelfer" ausgebildet; mit seinem gelb lackierten Begleitfahrzeug vom Typ "BF 4", darf er nun auch beispielsweise eine Kreuzung komplett blockieren oder den entgegenkommenden Verkehr auf einer Landstraße an den Fahrbahnrand dirigieren, um Platz zu schaffen für einen Lastwagen mit einer besonders schweren oder breiten Fracht. Dazu wurden den Fahrzeugen auf dem Dach drehbare LED-Anzeigen montiert, auf denen Fahrer wie Kirschner ein gutes Dutzend Verkehrszeichen darstellen können.

Noch vor einigen Jahren hätte ein Transport wie der von Arnstorf aus von zwei oder drei Streifenwagen begleitet werden müssen, seit aber Verkehrsminister Herrmann in Bayern vor einigen Jahren einen Pilotversuch mit den BF-4-Fahrzeugen gestartet hatte, kommen sie nun immer öfter zum Einsatz - in der Regel in der Nacht, wenn die allermeisten Schwertransporte unterwegs sind. Und auch in einigen anderen Bundesländern treffen Autofahrer mittlerweile auf die gelben Begleitfahrzeuge mit der auffälligen Beklebung.

Begleitfahrer Sascha Kirschner mag an seinem Job, dass er ständig unterwegs ist, auf der Straße quasi sein eigener Chef ist - und "eine ganze Menge Verantwortung trägt". Zudem mag er es, im Team zu arbeiten, wie er sagt. Zusammen mit dem Lkw-Fahrer so einen Koloss durch enge Orte zu bugsieren, das habe schon seinen Reiz - auch wenn mitunter Autofahrer nicht recht einsehen wollen, warum da nun ein gelber Lieferwagen die Straße versperrt. "Wenn aber dann kurz danach der Schwertransport auftaucht", ergänzt sein Kollege Stefan Hebel, "gehen denen die Augen auf." Dann werde vielen klar, "dass sie doch mal besser zur Seite fahren sollten".

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