Freizeitschifffahrt:Scheuer hisst die Segel

Bootsurlaub unkompliziert: So werden Sie zum Freizeitkapitän

Freizeithafen an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern: In solche Anlagen soll künftig mehr Geld investiert werden.

(Foto: Jens Büttner/dpa-tmn)

Mit einem "Masterplan Freizeitschifffahrt" will der Verkehrsminister den Tourismus auf dem Wasser ankurbeln. Doch es bleiben Fragen.

Von Lisa Kannengießer

Der Urlaub am Wasser ist beliebt - nicht erst seit Corona. Allein im vergangenen Jahr stieg dem Deutschen Tourismusverband zufolge die Zahl der Aktivitäten am, im und auf dem Wasser um drei Prozent. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat das erkannt und präsentierte Mitte Juni seinen "Masterplan Freizeitschifffahrt". Mit dem will der Minister dafür sorgen, dass künftig noch mehr Freizeitkutter auf deutschen Flüssen und Seen unterwegs sein können. Doch geht der Plan auf? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Was beinhaltet der Masterplan?

Binnen fünf Jahren will der Bund im Bereich der Freizeitwasserstraßen aktiv werden - unter anderem könnten Investitionen in neue Hafenanlagen, in die Modernisierung bestehender Schleusen und in die Digitalisierung fließen. So soll man an Bord seines Freizeitschiffes künftig im Internet sofort sehen können, wie groß der Andrang an einzelnen Schleusen ist. Das soll die Wartezeiten verkürzen. Die Frage ist allerdings: Wird das funktionieren? Denn nach wie vor ist die Netzabdeckung der Mobilfunkanbieter insbesondere in ländlichen Gebieten schlecht. Deshalb sieht der Plan vor, die Netzabdeckung entlang der Wasserstraßen zu verbessern.

Gibt es in Sachen Digitalisierung noch weitere Pläne?

Ja. Die bessere Netzabdeckung ist auch Voraussetzung dafür, dass irgendwann einmal autonom fahrende Schiffe aufs Wasser kommen können - wenngleich dieser Punkt in Scheuers Plan nicht explizit aufgeführt wird. So unterstützt das Ministerium seit Anfang des Jahres unter anderem ein Forschungsprojekt von Titus Research finanziell. Dabei machen die Forscherinnen und Forscher über ein Jahr lang Fotos entlang der Spree-Oder-Wasserstraße. Anschließend werden die Bordcomputer von Schiffen mit diesen Fotodaten gefüttert. Künstliche Intelligenz soll schließlich bewirken, dass die Wasserfahrzeuge von ganz alleine über die Wasserstraße navigieren. Noch allerdings ist das ein weiter Weg. Und: Das Projekt ist bislang allein auf die kommerzielle Binnenschifffahrt ausgerichtet; ob und wann Freizeitskipper also auf einem autonom fahrenden Boot unterwegs sein können (sofern sie das überhaupt möchten), ist somit unklar.

Wer soll von dem Plan profitieren?

Im Grunde alle, die in ihrer Freizeit am, im und auf dem Wasser aktiv sind - also neben den Reisenden mit ihren Motorbooten unter anderem Seglerinnen, Schwimmer, Stand-up-Paddlerinnen und Menschen auf Ausflugsdampfern. Zugleich aber will der Minister auch "einen wichtigen Beitrag zum Schutz vielfältiger Lebensräume von oftmals bedrohten Tier- und Pflanzenarten sowie zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels" leisten, wie es heißt.

Was ist konkret zum Thema Ökologie vorgesehen?

Vor allem zunächst einmal: den Abgasausstoß der Freizeitschifffahrt zu senken. Konkrete Zahlen dazu werden allerdings nicht genannt. Nur so viel: Der Bund plant weiterhin, den Einbau von Filteranlagen zu fördern. Dies wird laut Plan bei der Binnenschifffahrt bereits seit 2007 mit Fördergeldern bezuschusst - und könnte künftig auf den Freizeitbereich ausgedehnt werden. Zudem sollen Schiffsrümpfe mit einer speziellen Beschichtung versehen werden, sodass sie weniger schnell im Wasser verfaulen und zugleich keine invasiven Pflanzen und Algen in die Gewässer einschleppen. Diese können eine Gefahr für die menschliche Gesundheit und die Umwelt darstellen. Auch plant der Bund, die Ufer - wenn nötig - besser vor Erosionen und Wellenschlag zu schützen. Davon würden auch die dort lebenden Tiere profitieren. Und ein letzter Punkt wendet sich an Unternehmen in dem Bereich, beispielsweise an Bootsvermieter oder Betreiber von Ausflugsschiffen: Sie möchte der Bund dabei unterstützen, ihren Betrieb umweltfreundlicher zu organisieren - indem sie sich freiwillig einem Umweltmanagement (ähnlich dem europäischen EG-Öko-Audit) unterwerfen.

Was sagen Umweltschutzverbände dazu?

"Der Masterplan ist wieder eine verpasste Chance, die man gut für den Umweltschutz hätte nutzen können", sagt Manfred Krauß, Biologe und Gewässerexperte beim Umweltverband BUND. Abgase zu senken allein reiche nicht, denn Scheuer plane ja eine Ausweitung des Wassertourismus - und das führe letztlich dazu, dass weitere Slipanlagen zum Einsetzen von Booten sowie Häfen und Marinas gebaut würden. Dies wiederum nehme den Tieren und Pflanzen Platz zum Leben in ufernahen Bereichen weg. Außerdem schlage ein Motorboot 30 bis 40 Zentimeter hohe Wellen, was den natürlichen Rhythmus der Gewässer durchbreche. Hinzu komme der Lärm der Schiffsmotoren. Tiere müssten auf andere Gebiete ausweichen oder sich anpassen, einige Pflanzen verschwänden völlig, sagt Krauß. Der Masterplan greife schlichtweg zu kurz: "Nach dem Bekenntnis zum Naturschutz folgen einfach zu wenig konkrete Maßnahmen. Dazu steht kaum etwas drin."

Und was kostet das alles?

Das bleibt offen. Im gesamten 70-seitigen Plan findet sich keine einzige Angabe dazu. Zudem hat das Ministerium festgelegt, dass bei knappen Mitteln das Geld vorwiegend in die Sanierung von alten Anlagen fließen soll. Der Umweltschutz käme dann erst an zweiter Stelle. Ohnehin ist das Geld, das der Schifffahrt insgesamt zur Verfügung steht, begrenzt. Und: Maßnahmen für die Freizeit- und die Berufsschifffahrt müssen aus einem gemeinsamen Topf bezahlt werden. Im Plan ist daher von einer "Überarbeitung der Priorisierung der Investitionen an Bundeswasserstraßen" die Rede. Das heißt: Geld könnte von der Berufs- in die Freizeitschifffahrt umgeleitet werden.

Was halten die Binnenschiffer von Scheuers Plänen?

Grundsätzlich sind Binnen- und Freizeitschifffahrt klar voneinander getrennt - jeglicher Spaß rund ums Wasser ist auf sogenannte Nebenwasserstraßen beschränkt, auf denen ohnehin nur wenige große Schiffe fahren dürfen. Mehr Freizeitverkehr dürfte den Frachtern also kaum direkt in die Quere kommen. Dennoch äußert sich der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) kritisch zu den Plänen. Denn der Minister hatte 2019 bereits den "Masterplan Binnenschifffahrt" vorgestellt - und damals versprochen, den Güterverkehr auf dem Wasser deutlich zu stärken, auch aus Gründen des Klimaschutzes. Das Problem ist allerdings: Schon dafür steht laut BDB zu wenig Geld zur Verfügung. So rechnet der Verband vor, dass von 2023 an pro Jahr 300 Millionen Euro im Bundeshaushalt fehlen. Zweigt man nun auch noch für die Freizeitschifffahrt Gelder ab, so wie es Scheuer plant, werde die Lücke für den Ausbau des "Kernnetzes" für die professionellen Schiffer noch größer, argumentiert der BDB. Unterm Strich, so der BDB, konterkariere das die Pläne zur Stärkung der Binnenschifffahrt.

© SZ/mvö
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