Sachsen Classic und Espresso Rallye Oldtimerfahren, ein Hightech-Sport

Großes Happening auf dem Platz der Völkerfreundschaft in Zwickau: Start zur Sachsen Classic 2017.

(Foto: Stefan Warter)

Wenn alte Autos auf Ehrgeiz und Unterbodenkameras treffen, kann aus einer gemütlichen Ausfahrt eine verbissene Angelegenheit werden. Ein Selbstversuch bei zwei Oldtimer-Rallyes.

Von Thomas Harloff

Es sind noch nicht viele Kilometer absolviert bei der Sachsen Classic, und man fühlt sich bereits wie die Queen. Das Volk winkt, man winkt zurück. So oft und so lange, bis die Arme schwer sind. Zwar nicht aus einer Pferdekutsche wie Elizabeth II. bei ihrer Geburtstagsparade. Dafür vom Beifahrersitz eines alten Autos aus. Mit einem Horch 930 V fahren wir bei der Sachsen Classic mit. Am Steuer sitzt Robert Mayerhöfer von Audis Traditionsabteilung. Mayerhöfer war schon oft dabei. Zwar noch nie als Teilnehmer, aber als schraubender Begleiter. Deshalb ist es hilfreich, als er dem Neuling sagt: "Bild' dir nichts drauf ein. Sie winken nicht uns, sondern dem Auto." Unserem Horch-Cabriolet, gebaut im Jahr 1939 in Zwickau, winken sie aber enthusiastischer und herzlicher als den anderen Modellen.

Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist der Sachverstand des Publikums: Die Sachsen wissen, welche der 184 Autos und 40 Motorräder aus ihrer Heimat stammen. Die Menschen hier sind sich der großen sächsischen Tradition im Autobau bewusst. Sicher schwingt Stolz mit, weil sie mit diesem Horch einem Wagen begegnen, der zu seiner Zeit zur internationalen Elite im Automobilbau zählte.

Sachsen Classic und Espresso Rallye

Die Oldtimer-Rallyes in Bildern

Ein paar Wochen zuvor steht kaum jemand am Straßenrand. Und wenn doch, winken diese Menschen nicht, sondern warten auf den Bus oder trimmen ihre Hecken. Dabei sind wir hier ebenfalls bei einer Oldtimer-Rallye unterwegs, noch dazu in einem Autoland. In Oberbayern, Heimat von BMW und Audi. Doch selbst Klassiker dieser Marken bekommen kaum Aufmerksamkeit. Geschweige denn der Mercedes 500 SEC, Baujahr 1983, der zusammen mit fast 100 anderen Old- und Youngtimern die Espresso Rallye absolviert. Der Auto-Pulk wird von den Menschen ignoriert.

Wie der fast 80 Jahre alte Horch und das dagegen moderne Mercedes-Coupé bilden die Sachsen Classic und die Espresso Rallye zwei Enden des Spektrums. Hier das High-End-Event über drei Tage, mit Übernachtung und Essen im Fünf-Sterne-Hotel. Dort die Kurz-und-knapp-Version, bei der die Teilnehmer morgens an- und abends abreisen und im bayerischen Wirtshaus speisen. Die Sachsen Classic wird ausgerichtet von einem großen Fachverlag und unterstützt vom VW-Konzern als Haupt- und unzähligen anderen Firmen als Nebensponsoren. Eine kleine Agentur veranstaltet, co-finanziert von lokalen Firmen, die Espresso Rallye. Einerseits das fast schon internationale Spektakel, deren Macher wissen, wie man mit umfangreicher Pressearbeit die Menschen vor Ort aktiviert. Andererseits die Zusammenkunft einiger Oldtimer-Enthusiasten, die nur Insider kennen. Enthusiasten, die den Eindruck machen, gerne unter sich zu bleiben - und 269 Euro pro Auto gezahlt haben.

Es geht um schnelles genussvolles Vorankommen

Selbst wer bereit ist, 1690 Euro für die Teilnahme an der Sachsen Classic zu bezahlen, ist nicht sicher dabei. Es gibt viel mehr Interessenten als Startplätze, von denen die Sponsoren und die Klassikabteilungen der Autohersteller bereits einen beträchtlichen Teil besetzen. Dann siebt der Veranstalter aus: Ist das Auto, das genannt werden soll, schon im Starterfeld vertreten? Ist sein Zustand gut genug? Kann es eine spannende Historie vorweisen - und sein Besitzer womöglich einen gewissen Grad an Prominenz? Bei der Espresso Rallye sind die Schwellen niedriger: Wer das Nenngeld zahlt, sich rechtzeitig anmeldet und ein Auto besitzt, das alt genug ist und ausreichend TÜV hat, ist dabei. So passiert es, dass ein großer Teil des Feldes aus diversen Generationen von VW-Käfern, Porsche 911 und Mercedes SL besteht.

Eins eint die gegensätzlichen Rallyes jedoch: Es geht nicht um möglichst schnelles, sondern um genussvolles Vorankommen. Ob ein Team sein Auto schneller ins Ziel bringt als ein anderes, ist irrelevant. Hier geht es um gleichmäßiges Tempo. Es gibt zwar Zeitvorgaben, aber die sind großzügig bemessen und locker einzuhalten - wenn man sich nicht verfährt. Mit den Angaben im Roadbook, dem Heiligtum einer jeden Klassiker-Rallye, hangeln sich die Teilnehmer von Wegpunkt zu Wegpunkt. Stets bestrebt, die Distanz- und die Richtungsangaben (von Eingeweihten Chinesenzeichen genannt) richtig zu lesen.